Das Bild "Vriedrich" von Horst Janssen in der Ausstellung "Geile Sybillchen" 2014 im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg (Niedersachsen) © dpa

Er war sofort verschwunden. Kaum hatte man ihn begraben auf dem Friedhof seiner Heimatstadt Oldenburg, sprach in Hamburg kein Mensch mehr von Horst Janssen. Merkwürdig genug. War er doch so unentbehrlich gewesen in all den Jahren, als er in der Stadt lebte. Als Bürgerschreck und Genie, als Frauenheld und Saufkumpan. Als zuverlässiger Beleidiger und amüsanter Charmeur. Als Bohemien und natürlich als gefeierter Zeichner, Grafiker und Radierer. Kurz: als in Hamburg weltbekannter Künstler. Eine Rolle, wie für ihn geschaffen. Niemand hat nach ihm, der 1995 mit 65 Jahren starb, diesen Posten je wieder so hauptamtlich interpretiert und ausgefüllt.

Jetzt wird man wieder von ihm sprechen. Und wohl auch streiten. Henning Albrecht hat eine Biografie geschrieben. Janssen ist also zurück, und man darf sagen, der Biograf hat leichtes Spiel gehabt. So viel Drama, so viele Quellen und künstlerische Zeugnisse sind ja da. So viel Fülle verführt zur Erbsenzählerei. Der ist Albrecht nicht erlegen. Die Ambivalenz der Figur war ein Gerüst, das ordentlich trägt.

Horst Janssen, 1992 © dpa

Horst Janssen litt sein Leben lang, und er ließ leiden: Mutter alleinerziehend, Vater unbekannt, Großvater früh verstorben. Er zählt zu jenen armen Kerlen, die früh Zuwendung vermisst haben und dann ein Leben lang von jedem auf den Schoß genommen werden wollen. Fünf Jahre lang wird er gezwiebelt auf einer Nationalsozialistischen Erziehungsanstalt ("NaPoLa") im Emsland. Einer der Lehrer erkennt das Talent des schüchternen Jungen. Die Künstlerlaufbahn beginnt am Lerchenfeld, der gerade mal 16-Jährige wird gefördert von Alfred Mahlau. Einer der Kommilitonen ist Vicco von Bülow. Die beiden mögen sich nicht, überhaupt nicht. Janssen verlässt das Lerchenfeld ohne Abschluss, fällt erst einmal in ein Loch.

"Janssen hat verschiedene Gesichter", schreibt Albrecht. "Der konzentriert arbeitende, absolut asoziale Menschenentbehrer; der in Gesellschaft Unmögliche, der Menschen nicht erträgt und alkoholisiert gern Streit provoziert; der um Zuwendung Bettelnde; der anhängliche, besorgte Freund; der unschlagbare Maître de Plaisir (...) Sie alle bewegen sich in ihm, und alle von gleichem Gewicht."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Rettung verspricht immer wieder die Liebe. Konfliktscheu und eifersüchtig ist er im Alltag – und sei es auf einen Hund, den die Lebensgefährtin Gesche Tietjens als Kinderersatz anschafft und der vom Meister mit einem Fußtritt wieder entsorgt wird. Albrecht zitiert Tietjens: "Er hatte eben durchaus für mich die Anmutung eines Putto mit Schmolllippen, langen Wimpern – er konnte auch wunderbar tränenreich durch diese Wimpern gucken (...) Im Nachhinein gesehen war sein Äußeres identisch mit seinem Charakter." Aushalten ließ es sich nur in Demut.

Amüsanter für den Leser ist es, diese Lebensbeschreibung als eine wunderbare Tour d’Horizon durch fünf Jahrzehnte Hamburger Vergangenheit zu verstehen, mit abwechslungsreichen Schauplätzen. Da ist die Burchardstraße 20, das erste "Friedensnest" mit der "Tantchen" genannten Adoptivmutter. Die Hochschule am Lerchenfeld, wo Janssen zeichnend die Trümmerlandschaft der Stadt erobert. 1947 veröffentlichte er seine erste Zeichnung – in der ZEIT. Da ist das Hinterhaus in der Warburgstraße 33, wo er später nacheinander mit Judith (die er im Eifersuchtsrausch beinahe umgebracht hätte), Marie und Verena lebt. Das Treppenhaus dort wird seine erste Galerie – der Verkauf der Holzschnitte sichert erstmals halbwegs den Lebensunterhalt. Als die halbe Warburgstraße dem Bagger geopfert wird, geht es in die legendäre "Burg" am Mühlenberger Weg in Blankenese.

Viel hat die Kritik über Janssen gestritten. Bewundert werden seine altmeisterliche Beherrschung des Zeichnerischen, die technisch perfekten Radierungen; verachtet wird sein hartnäckiges Festhalten am Gegenständlichen. Ihm habe, schreibt Albrecht, "der Geruch des Dekorativen" angehaftet. Damals ein Todesurteil. Ihm war’s wurscht, "kla?", wie er seine Sentenzen gern beschloss.

Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben; Rowohlt, 2016; 717 S., 29,95 €