Zwei Eier zum Frühstück. Robin Lumsden schlängelt sich durch die Reihen des Cafés Landtmann am Wiener Ring. Er trägt die Uniform des Anwalts: korrekter Anzug, marineblaue Krawatte mit Webmuster, das weiße Hemd mit seinen Initialen bestickt. Dort und da hebt er die Hand zum Gruß – Mandanten, Tennisfreunde, Bekannte. Das Bad in der gehobenen Wiener Gesellschaft gefällt ihm.

Früher war Lumsden der Alien unter den Gleichaltrigen. Wegen seiner dunklen Hautfarbe wurde er als "Neger" beschimpft und von Skinheads verprügelt. Eine Lehrerin habe ihm im Turnunterricht die dunkle Farbe von der Haut waschen wollen, erzählt Lumsden. "So richtig dazugehört habe ich damals nicht."

Als Sohn einer Österreicherin und eines Jamaikaners glaubte Lumsden, mehr leisten zu müssen als die anderen. "Es reicht nicht, gut zu sein. Ich wollte immer noch besser sein", sagt Lumsden. "Integration durch Leistung" ist sein Credo, von dem er gern erzählt. Mit 39 Jahren hat er den Lebenslauf eines Tausendsassas: Er war Tennisprofi und Bundesheeroffizier, ist Honorarkonsul von Jamaika, Integrationsbotschafter von Sebastian Kurz, Vizepräsident des Österreichischen Tennisverbands und Wirtschaftsanwalt.

Der BMW wartet vor dem Kaffeehaus. Lumsden faltet seine langen Beine in den tiefen Wagen. "Ich nehme fast immer das Auto", sagt er. So oft sei er als Kind von der Heimatstadt Baden nach Wien gebimmelt, dass er keine Lust mehr auf öffentliche Verkehrsmittel habe. Einmal sei er sogar aus der Badner Bahn rausgeschmissen worden: weil der Schaffner meinte, er gehöre ins Flüchtlingslager in Traiskirchen gesteckt.

Robin Lumsden wuchs bei der Mutter auf, die ein kleines Tourismusunternehmen leitete. Sein Vater Lance Lumsden, ein Lebemann mit Dreadlocks aus Jamaika, lebte getrennt von der Familie. Ähnlich umtriebig wie sein Sohn, verdiente Lance Lumsden sein Geld als Daviscup-Spieler, Journalist und Musiker. Er wollte Robin auf den Tenniscourts gewinnen sehen und drängte ihn zum Training – mit Erfolg: Der Sohn schaffte es als Teenager bis nach Wimbledon. Mittlerweile ist Lance Lumsden verstorben. Seine langjährige Partnerin, die Moderatorin Chris Lohner, sah den Druck. "Ich habe oft dagegen gewettert, denn ich fand, Robin sollte sich selbst finden und nicht die Wünsche des Vaters um jeden Preis erfüllen", sagt sie.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 11 vom 03.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In Wien-Margareten schluckt die Tiefgarage den dunklen BMW. Lumsden schnappt seine Aktentasche und gleitet mit dem Aufzug in den fünften Stock. "Out of many people one people" steht auf dem Türschild am Eingang zu seiner Kanzlei: aus vielen Völkern ein Volk. Es ist das offizielle Staatsmotto Jamaikas, das Lumsden als ehrenamtlicher Konsul vertritt. Wie ein "waschechter Österreicher" fühle er sich nicht, sagt Lumsden. Seine jamaikanischen Wurzeln sind ihm wichtig – selbst wenn er dort bisher nur im Urlaub war.

Das Tennisspielen an den Nagel zu hängen sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, sagt Lumsden, intellektuell fühlte er sich davon nicht befriedigt. Auf der Suche nach neuen Aufgaben ging er nach der Matura zum Jagdkommando, der Eliteeinheit des Bundesheers. "Ich bin Patriot. Jeder soll einen Beitrag leisten für sein Land", sagt er. Wegen seines "anderen Phänotyps", wie er seine Hautfarbe gerne nennt, stieß er beim Heer erneut auf Ressentiments. "Viele Meinungen dort sind schon vorgefertigt", sagt Lumsden. Als guter Kamerad musste er erst überzeugen.

Zum Jus-Studium brachte ihn der Pragmatismus. Lumsden erhoffte sich ein großzügiges Einkommen und gute Zukunftsperspektiven. Die Prüfungen an der Uni Wien zog er hurtig durch, das Post-Graduate-Studium an der Berkeley Law School finanzierte er über einen Kredit. "Ein Studium aus rein inhaltlichem Interesse zu wählen ist Luxus", sagt er. Seinen drei Kindern und seiner Frau – einer Soziologin, die er noch in der Schulzeit kennenlernte – will er vor allem ein sicheres Leben bieten.

Nach Stationen bei Anwaltskanzleien in Wien machte sich Lumsden 2013 selbstständig. Stolz präsentiert er Gästen sein Büro: einen kahlen Raum, roter Stuhl, rote Säule, auffallend aufgeräumter Schreibtisch. Als Kind habe er sich oft schlecht konzentrieren können, sagt Lumsden, heute wisse er besser mit der Konzentrationsschwäche umzugehen: durch Struktur und Aufgeräumtheit.