Schüler mit Tablets im Unterricht: Mit spielerischem Informatikunterricht sollen Jugendliche schon früh Interesse an IT entwickeln. © Carmen Jaspersen/dpa

Emelins Katze miaut nicht. Mitten im Klassenraum tippt Emelin Ant mehrmals auf das Katzenbild auf ihrem Smartphone. Eigentlich sollte die Katze nun einen Laut von sich geben. Doch nichts passiert. Also bittet die 13-Jährige ihren Lehrer kurz um Hilfe. Dann schiebt sie die riesige Ray-Ban-Brille wieder etwas höher auf die Nase und versucht es noch einmal. Diesmal tönt ein Miau aus dem Smartphone. Emelins erste selbst entwickelte App ist ein Erfolg. Damit hat sie die allererste Aufgabe des heutigen Schulunterrichts gemeistert.

Spiele-Apps in der Schule? Für manche mag das absurd klingen. Doch seit September entwickeln 55 Schüler der Jahrgänge 8 bis 10 an der Stadtteilschule am Heidberg in Hamburg-Langenhorn ihre eigenen Apps als Teil des Unterrichts. In einem neuen, für Deutschland noch ungewöhnlichen Wahlpflichtkurs lernen die Schüler jeden Mittwoch auf diese Weise die Grundlagen des Programmierens und entwickeln ein Verständnis für die Hintergründe jener Apps auf Smartphones und Tablets, die für ihre Altersgruppe zum Alltag gehören. Und sie lernen, dass Softwareentwicklung auch ein Beruf für sie sein könnte.

Ein gemeinnütziges Unternehmen, das Schüler fürs Programmieren begeistern will, macht diese Erfahrung möglich. Seit Anfang des Schuljahrs läuft "App Camps" an über hundert Gymnasien und Berufsschulen, Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland und Österreich. Oft bezahlen private Firmen die Kurse. Noch läuft längst nicht alles nach Plan. Aber die Zahl der Schulen, die mitmachen wollen, steigt und steigt.

Wenn es um Medien und Informatik geht, hinken deutsche Schulen im internationalen Vergleich hinterher. Nur vereinzelt gibt es Informatik als Pflichtfach, Neue Medien sind im Unterricht selten Thema, meist fehlen Computer und WLAN-Verbindungen – und viele Lehrer wollen sie auch gar nicht. Manche haben Angst, das Internet könnte sie überfordern, andere lehnen es ab, dass private Firmen sich mit Spenden in der Schule einmischen. Schließlich wird die Einmischung der Wirtschaft bei Ökonomie- und Technikunterricht derzeit kontrovers diskutiert.

Die Macher von "App Camps" kennen die Debatte. Dennoch möchten sie die digitale Lücke im deutschen Schulsystem schließen. Bloß – schließt sie sich, weil Schüler lernen, Apps zu programmieren?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Für die Bundesrepublik wäre das schon mal ein Fortschritt. Im Vergleich mit 20 anderen Ländern kommen Computer im Unterricht nirgendwo seltener zum Einsatz als in Deutschland. Das war eines der Ergebnisse der vom Bundesbildungsministerium geförderten internationalen ICILS-Studie, die 2014 veröffentlicht wurde. Nur neun Prozent der deutschen Lehrer nutzen täglich PCs, Laptops oder Tablets im Unterricht. Fast 30 Prozent der Achtklässler hierzulande haben allenfalls rudimentäre Computerkenntnisse. Und deutsche Lehrer sind laut ICILS nicht nur schlechter ausgebildet im Umgang mit Computertechnologie, sondern auch deutlich medienskeptischer als ihre Kollegen in anderen Industrieländern.

Grundlegende Computerkenntnisse in der jungen Generation seien aber nötig, damit eine Volkswirtschaft wettbewerbsfähig bleibe, betonen die ICILS-Experten. Und sie sorgen sich nicht nur um Deutschland. Ganz Europa drohe ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften für die digitale Welt. Ein "digitaler Graben" könne entstehen, wenn bildungsferne Schichten den Umgang mit Computern und elektronischer Information nicht beherrschten.

App Camps soll nun Schülern die Chance geben, "zumindest darüber nachdenken zu können, dass Programmieren ein Beruf sein könnte", sagt Diana Knodel, promovierte Informatikerin und Gründerin von "App Camps". Vor zwei Jahren kam ihr die Idee: "Für das Coding braucht man nicht unbedingt einen Uni-Abschluss oder eine Gymnasialausbildung."