DIE ZEIT: Herr Daoud, gegen Sie läuft wegen Ihrer weltläufigen Schriften eine Fatwa. Zuletzt hat Ihnen eine Gruppe von 19 französischen Wissenschaftlern "antihumanistische" Überzeugungen unterstellt, als Sie vor den in der Kölner Silvesternacht zutage getretenen Kulturkonflikten warnten. Auch ein Autor der New York Times ging scharf mit Ihnen ins Gericht. Und jetzt wollen Sie, der in Frankreich mehrfach preisgekrönte Journalist und Schriftsteller, sich vom Journalismus zurückziehen?

Kamel Daoud: Ich werde meine Musik nicht ändern. Ich werde meine Ideen und Positionen immer verteidigen. Ich akzeptiere nicht, dass man mir aus der Ferne Lektionen erteilt. Ich bin Algerier, ich lebe in der arabischen Welt. Ich habe das Recht auf meine eigenen Überzeugungen. Aber ich bin müde. Ich beziehe zu viel Prügel, hier in Algerien, jetzt auch noch in Europa. Ich empfinde das als ungerecht. Ihre deutschen Leser können sich schwer vorstellen, wie groß der Druck ist, der auf mir lastet. Er berührt mein Privatleben, meine Familie. Das entmutigt. Ich habe deshalb angekündigt, dass ich mich zurückziehe, um Romane zu schreiben, mich auszuruhen und nachzudenken. Aber ich habe nie gesagt, dass ich aufgeben werde.

ZEIT: Wie erklären Sie sich die beißende Kritik aus Frankreich, wo man Sie bisher verehrte?

Daoud: Frankreich ist heute ein von seinen Eliten blockiertes Land, das auf seine Probleme keine Antworten findet. Das führt bei vielen Franzosen zu extremen Positionen und zu Ablehnung. Ich fühle mich heute in Algerien viel freier als in Frankreich, auch wenn ich hier nicht viel Freiheit habe, denn in Frankreich gibt es zu viele intellektuelle Tabus. Und diese Tabus respektiere ich nicht.

ZEIT: Von welchen Tabus sprechen Sie?

Daoud: Die große Frage, die sich heute der Menschheit stellt, lautet: Was machen wir mit dem anderen? Müssen wir ihn töten, leugnen, ablehnen? Allein in einem Land zu leben ist nicht mehr möglich. Den anderen ins Meer zu werfen ist unmenschlich und deshalb auch nicht möglich. Nicht für die Franzosen, nicht für die Deutschen. Was mache ich also mit dem anderen? Die Eliten aber wollen darauf keine Antwort geben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

ZEIT: Die Deutschen, die Bundeskanzlerin an der Spitze, haben gerade eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Ist das keine Antwort?

Daoud: Seien wir doch ehrlich! Wenn ich ein älterer deutscher Rentner mit kleinem Haus und kleiner Pension und meinem eigenen Lebensstil wäre und rund um mich herum die Leute ankommen sähe: Wie würde ich reagieren? Ich hätte Angst. Vielleicht würde ich mir eine Waffe zulegen. Aber wenn ich ein syrischer Flüchtling wäre, der seine Kinder retten müsste: Ich würde durchs Meer schwimmen und Stacheldrahtzäune zerschneiden! Jeder hat seine Gründe. Doch wenn jeder seine Tür schließt, wird es nicht lange dauern, dann schießen wir von beiden Seiten durch die Fenster. Die Flüchtlinge aber sind da und haben ein Recht, ihre Kinder zu retten. Also müssen wir nun, wie ich es sehe, eine gemeinsame Vernunft finden. Aber wir sind weit vom Ziel entfernt.

ZEIT: Ihr Land erlebte am Ende der Kolonialzeit in den sechziger Jahren den Exodus von Millionen nach Frankreich. Kann Deutschland aus dieser Erfahrung lernen?

Daoud: Zu spät. Die Leute sind ja schon bei euch.