Ordinanden während ihrer Weihe (Archiv) © Jens Wolf/dpa

Homosexuelle Prediger verlassen das Land. Ein Geistlicher fordert seine Glaubensbrüder auf, sich auf die nächste Verfolgungswelle gefasst zu machen. Und ein schwuler Musiker darf nach seinem Outing nicht mehr am Gottesdienst mitwirken. Klingt nach Schlagzeilen aus einer fremden Welt. Es sind aber Meldungen aus Sachsen, aus den vergangenen Monaten. Meldungen, die man kaum glauben mag.

In Sachsen, dem Land, das immerzu Schlagzeilen macht mit Pegida und Angriffen auf Flüchtlingsheime – dort sollte doch wenigstens die Kirche ein Hort der Vernunft sein, ein Ort der Mäßigung, ein Raum der Ruhe.

Doch nein, die Evangelische Landeskirche macht selbst solche Schlagzeilen, sie hat selbst Schwierigkeiten mit einem Teil ihrer Mitglieder, die sich islamfeindlich und homophob äußern, die zu Pegida gehen. Und sie fabriziert Meldungen, die von Mal zu Mal besorgniserregender klingen, die es in überregionale Medien schaffen und die die Frage aufwerfen: Kann es sein, dass nicht einmal die Kirche helfen kann, Sachsens Probleme zu lindern? Sondern dass diese Kirche selbst Teil des Problems ist? Manches sogar noch schlimmer macht? Vielleicht zeigt ein Blick auf die Geschichten hinter den drei Schlagzeilen der vergangenen Monate, wieso auch diese Kirche in Sachsen in Schwierigkeiten steckt.

Schlagzeile 1: Zwei schwule Pfarrer verlassen das Land

Ciprian Mátéfy und Stephan Rost sind zwei Pfarrer, die in ihren Gemeinden äußerst geschätzt sind, wie die Evangelische Landeskirche Sachsen mitteilt. Die nun aber dennoch gehen, aus Trotz und Enttäuschung. Der eine, Stephan Rost, 38, ist Pfarrer in Börln bei Leipzig. Der andere ist sein Partner: Ciprian Mátéfy, 33, Pastor der Dresdner Johanneskirchgemeinde. "Ciprian ist der Pfarrer, auf den wir lange gewartet haben", sagt Ralf Reinsperger, Kirchenvorstand der Dresdner Gemeinde. "Die älteren Damen lieben ihn, die Jüngeren kommen seinetwegen häufiger in den Gottesdienst. Er trifft den Nerv der Leute, manchmal gibt es nach seinen Predigten spontanen Beifall."

Zwei schwule Pfarrer – in den meisten Landeskirchen wäre das kein Problem. In Sachsen aber gilt die strikteste Regel für homosexuelle Pfarrer oder Pfarrerinnen deutschlandweit: Wer schwul oder lesbisch ist und mit seinem Partner im Pfarrhaus leben will, der muss sich das Okay des örtlichen Kirchenvorstandes einholen. Mátéfy und Rost fügten sich dieser Regel zunächst und blieben in Sachsen, weil sie hofften, die Kirche werde mit der Zeit toleranter – es dauere nur etwas länger als anderswo. Nun aber wollen sie sich nicht mehr fügen – und das hat etwas mit dem neuen Bischof zu tun. Öffentlich reden sie nicht mehr darüber, aber im kleinen Kreis haben sie davon berichtet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 11 vom 3.3.2016.

Bevor Carsten Rentzing im August 2015 neuer Landesbischof wurde, hatte er sich mit Aussagen zum Thema Homosexualität profiliert, sie wurden zu seinem Alleinstellungsmerkmal: "Die Bibel sagt, dass die homosexuelle Lebensweise nicht dem Willen Gottes entspricht", erklärte er. Rentzing wurde die Strenge als Stärke ausgelegt: Da traute sich einer, zu sagen, was in Sachsen – im Gegensatz zum Rest der Republik – nicht erwünscht ist. "Mit der Wahl Rentzings war klar: Jetzt verlieren wir Ciprian und seinen Partner", sagt Ralf Reinsperger, der Kirchenvorstand. Tatsächlich entschieden Mátéfy und Rost: Wir passen hier nicht mehr hin. Im April werden sie gemeinsam das Pfarramt von Sandesneben in Schleswig-Holstein beziehen – jeder von ihnen bekommt eine volle Stelle.

"Die sächsische Landeskirche ist wie ein Raumschiff", sagt Reinsperger, "sehr, sehr weit weg von der Realität. Sie braucht sich nicht darüber zu wundern, dass ihre Rolle in der Gesellschaft immer kleiner wird. Sie schafft sich selbst ab."

Wie schwer es diese Kirche Minderheiten macht, wie sie sich in ihrer Strenge gefällt – das zeigt die Geschichte von Mátéfy und Rost. Diese Kirche ist zerrissen zwischen Liberalen und Konservativen. In Leipzig überwiegen die Liberalen. Und im Erzgebirge, im sogenannten Bibelgürtel – in Orten, die Markersbach oder Crottendorf heißen –, überwiegen die Evangelikalen und Pietisten, die die Bibel wortwörtlich auslegen.

Schlagzeile 2: Ein ehemaliger Pfarrer fordert "KZ-fähige Christen"

Gern wird den Sachsen vorgeworfen, dass sie sich für etwas Besonderes hielten. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sagt vorzugsweise, in Abgrenzung zum Rest Deutschlands: "Wir gehen einen eigenen sächsischen Weg." Seine Partei nennt sich die "Sächsische Union". Einen sächsischen Weg geht auch die Kirche um Bischof Rentzing. Der sei "einmalig in ganz Deutschland", sagt zum Beispiel Theo Lehmann anerkennend.

Lehmann ist ein Evangelikaler und unter Sachsens Christen eine Legende. Er war in der DDR einer der bekanntesten Pfarrer, er galt als modern, weil er Jazz- und Bluesmusik in seine Jugendgottesdienste brachte. Er wurde von der Stasi verfolgt – und heute sieht er sich wieder als "Oppositioneller". Lehmann marschiert Woche für Woche bei Pegida mit. Im Islam sieht er eine "antichristliche Religion".