In einem mehr als 500 Jahre währenden Prozess hat sich Europa zum Herrn über die Erde aufgeschwungen – in Kriegen und Eroberungszügen, mit Handel, Wissenschaft und Technik. Kolonialreiche entstanden und vergingen. Neue Staaten erwuchsen aus ihren Ruinen. Heute ist das Zeitalter der europäischen Expansion Geschichte, aber seine Folgen sind gegenwärtiger denn je. Im Mittleren Osten und auf dem afrikanischen Kontinent zerbrechen postkoloniale Staaten; in anderen Regionen behaupten sie sich erfolgreich. Wie sind diese so unterschiedlichen Entwicklungen und Krisen zu erklären?

In der Debatte stehen sich oft zwei gleichermaßen holzschnittartige Deutungsmuster gegenüber. Entweder werden die Verwerfungen in vielen Staaten Afrikas und der arabischen Welt kulturalistisch oder gar rassistisch auf religiöse und ethnische Ursachen zurückführt. Oder man macht aus antiimperialistischer Sicht "den Westen" und "den Kapitalismus" für alle Übel der postkolonialen Welt verantwortlich.

Der Gegensatz zwischen bösen Kolonialherren und ihren guten Opfern ist freilich nichts als die politisch korrekte Umkehrung des Geschichtsbildes der Kolonialmächte. In Wirklichkeit waren die Kolonisierten keine passiven Objekte der Geschichte. Sie haben die Kolonialherrschaft nicht nur unterlaufen und manipuliert, sondern waren selbst an ihr beteiligt. Keine Kolonialmacht konnte ohne einheimische Mitarbeiter auskommen. Häufig beruhte Kolonialherrschaft auf einem Bündnis der Kolonialherren mit alten oder auch neu geschaffenen indigenen Eliten zur Ausbeutung der kolonialen Unterschichten.

Aber auch die kulturalistischen Erklärungen können die Folgen der Kolonialherrschaft nicht angemessen beschreiben. Vielmehr gilt es, die Kontinuität der ökonomischen und vor allem der staatlichen Strukturen zu verstehen, die der Kolonialismus geschaffen hat. Das liegt schon deshalb nahe, weil der moderne europäische Zentralstaat politisch, finanziell und militärisch ein wichtiger Akteur des Kolonialismus war. Seiner geballten Macht konnte außerhalb Europas niemand etwas entgegensetzen. Zugleich ist der moderne Staat zu einem der beliebtesten Exportartikel der europäischen Expansion geworden. Alle anderen Formen von Gemeinwesen, die es weltweit vorher gab, sind von ihm verdrängt worden.

Schwache Staaten, korrupte Eliten

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Theoretisch besteht die nachkoloniale politische Welt fast nur aus souveränen modernen Staaten. Auch die schwächsten unter ihnen haben nicht zuletzt dank den UN eine internationale Bestandsgarantie, wie sie früher undenkbar gewesen wäre. Von einigen arabischen absoluten Monarchien abgesehen, erheben alle den Anspruch, demokratische Verfassungs- und Nationalstaaten zu sein. Praktisch allerdings ist eine staatliche Modernität im Sinne einer Einheitlichkeit von Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt mit Gewaltmonopol und Steuerhoheit fast nirgends verwirklicht. Zwar sollten, wie früher in Europa, auch in den ehemaligen Kolonialgebieten aus Staaten Nationen werden. Doch oft kann von einer Staatsnation kaum die Rede sein, lässt trotz Verfassung die Verwirklichung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zu wünschen übrig. Die Gewaltenteilung funktioniert nicht, mitunter herrscht sogar ein Terror von Staats wegen. Meistens ist der Staat nicht in der Lage, seinen Untertanen Sicherheit, Rechtsschutz oder gar soziale Geborgenheit zu gewährleisten.

Das Versagen schlägt sich auch in Zahlen nieder. In funktionierenden Staaten wird für staatliche Leistungen eine hohe Besteuerung in Kauf genommen. Um 2000 lag die Staatsquote, also der Anteil der Staatsausgaben an der wirtschaftlichen Gesamtleistung, in Europa bei etwa 50 Prozent. Ebenfalls rund 50 Prozent betrug der Anteil der Einkommensteuern an den Gesamtsteuereinnahmen. In der nachkolonialen Welt belaufen sich beide Werte auf 15 bis 20 Prozent; Steuerflucht ist dort noch selbstverständlicher als in Europa. Leistungsschwäche wegen Steuerverweigerung und Steuerverweigerung wegen Leistungsschwäche ist der übliche Teufelskreis.

Die meist schlecht bezahlten Beamten sind zudem anfällig für Korruption, denn viele haben ihre Stellung als persönliche Schützlinge der Machthaber bekommen und betrachten sie als Pfründe, die etwas abwerfen soll. Statt auf einer entpersonalisierten Rechtsordnung von Gleichen basieren viele postkoloniale Staaten auf einer Ordnung persönlicher Beziehungen von Ungleichen – so wie es auch in den vormodernen Staaten Europas der Fall war. Zuerst kommt die Familie, dann das Netzwerk der Klienten, die ihrem Patron durch das Prinzip von Leistung und Gegenleistung verpflichtet sind.

Nun ließe sich einwenden, das Verhalten der nachkolonialen Eliten könne kaum den einstigen Kolonialherren angekreidet werden. Doch damit würde man es sich zu leicht machen. Denn der Kolonialismus begünstigte klientelistische Strukturen. Da der sparsame koloniale Staat – außer in Indien – keine leistungsfähige Bürokratie hinterlassen hatte, blieb den nachkolonialen Eliten oft gar nichts anderes übrig, als ihre Herrschaft auf Netzwerke persönlicher Beziehungen zu gründen.