Fast 15 Jahre lang wurde debattiert, schier endlos, mitunter reichlich peinlich – und am Ende ging es doch ganz schnell: Anfang Dezember hatte das bayerische Kabinett beschlossen, dass der neue Münchner Konzertsaal auf dem ehemaligen Gelände der Pfanni-Werke hinter dem Ostbahnhof gebaut werden soll. Vergangene Woche gab nun auch die CSU-Landtagsfraktion grünes Licht. Zuletzt hatte sich die Diskussion an der Standortfrage regelrecht festgefressen: noble Zentrumslagen versus ranzige Randgebiete, Baumschutz gegen Hochkultur, Gutachten gegen Gutachten. Die Gemüter kochten hoch, der Schlagabtausch hatte ideologische Qualitäten. Wann, fragte man sich, war hier eigentlich zuletzt von Musik die Rede, von Inhalten? Haben die mit Architektur und Standorten denn gar nichts zu tun?

Der ehemaligen Knödelfabrik machten schließlich nur die Paketposthallen westlich des Hauptbahnhofs noch Konkurrenz. Eine "Musikstadt" hätte hier entstehen sollen, ein spektakuläres Konzept. Innovativer sicher als die Pläne für das Werksviertel im Osten – aber auch deutlich teurer. Am Ende entschied sich die Politik, wie so oft, für den Kompromiss zwischen Vision und Machbarkeit. Immerhin gibt es auch für das Pfanni-Areal eine städteplanerische Zielvorgabe: Es soll ein attraktives Viertel entstehen mit Wohnungen, Hotels, Gastronomie und im Keim eben einem Konzertsaal, eingebettet in eine Art Kunst- und Musikkomplex.

Statt also die Münchner Innenstadt kulturell weiter zu stärken, soll der neue Konzertsaal als Brücke zu den urbanen Randbezirken im Osten fungieren. Die Idee ist nicht neu, ähnliche Ziele verfolgte man beispielsweise auch bei der 2015 eröffneten Pariser Philharmonie. Diese steht im 19. Arrondissement, einem Problemviertel im weniger wohlhabenden Osten der französischen Hauptstadt. Der spektakuläre Bau von Jean Nouvel soll ein Haus für alle sein, das gleichzeitig den Stadtkern zur Metropolregion erweitert. Ob der Plan aufgeht, ist immer noch Zukunftsmusik, Besucherzahlen und Kriminalitätsraten lassen sich nicht so ohne Weiteres gegenrechnen. In München wiederum wird viel davon abhängen, ob der Bau als Bau gelingt, akustisch wie architektonisch. Denn die international bedeutende Musikmetropole braucht dringend einen Saal, der ihren Eliteklangkörpern Rechnung trägt – allen voran dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Mariss Jansons als Chefdirigenten (der just eine Woche vor dem CSU-Votum ein lustiges Fotoshooting auf dem Pfanni-Gelände veranstaltete und auf Facebook postete).

In Bochum hat man die Standortfrage mit einem klaren Bekenntnis für die Innenstadt beantwortet. Wenn das neue Musikzentrum im Herbst seine Pforten öffnet, wird es zum Bindeglied zwischen dem Bermudadreieck, einer pulsierenden Partymeile, und einem Viertel, das früher einmal die Innenstadt war, heute aber den Anschluss verloren hat. Im Zusammenspiel von architektonischer Aufwertung, hochwertigen Restaurants und kulturellem Angebot soll es hier zu einer Revitalisierung kommen. Der Entwurf von Martin Bez und Thorsten Kock greift bewusst ein Stück Bochumer Stadtgeschichte auf, indem der profanisierte Raum der Marienkirche zum Foyer für den modernen Neubau mit hellem Klinkermauerwerk wird, der seinerseits den Konzertsaal mit rund 1000 Plätzen fasst. Der ehemals sakrale Raum mit seiner gelebten Historie wird so zur identifikatorischen Projektionsfläche.

In erster Linie werden hier die Bochumer Symphoniker eine neue Heimstatt finden. Doch das "Haus der Musik" will mehr sein als eine städtische Philharmonie: Es versteht sich als Zentrum für kulturelle Bildung, als ein Ort des "alltäglichen Kulturerlebnisses", so formuliert es Britta Freis, die Geschäftsführerin der Stiftung Bochumer Symphonie. Damit diese Vision nicht zum Lippenbekenntnis verkommt, ist allerdings mehr vonnöten als der richtige Standort und eine gelungene Architektur. Mindestens ebenso wichtig (siehe oben) ist die Frage, wie dieser Raum künftig mit Inhalten gefüllt wird. Und überhaupt: Hält die Hochkultur hier der Städteplanung den Steigbügel – oder die Städteplanung der Hochkultur?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

22.000 Bochumer haben sich mit Spenden an dem Projekt beteiligt. Selbst wenn 21.000 davon weniger als zehn Euro gegeben haben, ist es ein deutliches Bekenntnis zu dem Kulturstandort. Die Verwurzelung des Orchesters in der Stadt sorgt gleichzeitig für die nötige Abgrenzung von den schon länger etablierten Häusern in Dortmund und Essen, die ebenfalls um das Bochumer Publikum buhlen. Langfristig neben den mit renommierten Gastspielen wuchernden Nachbarstädten zu bestehen kann nur mit einem Programm gelingen, das stärker die lokalen Bedürfnisse in Bochum mitdenkt.

Wie Architektur und Dramaturgie sich klug die Hände reichen, zeigt in der Tat der Blick zur Dortmunder Konkurrenz. Seit 2002 steht dort das Konzerthaus im Brückviertel in der Nordstadt. Straßenstrich und Drogenmilieu regierten hier bis in die neunziger Jahre, dann sollte das Problemviertel aufgewertet werden: klassische Musik als Vademekum für den sozioökonomischen Wandel. Ganz bewusst sollte der Bau daher keine solitäre Landmarke werden wie Paris oder die Hamburger Elbphilharmonie, sondern integraler Bestandteil der urbanen Bebauung. Schwellenängste sollen hier gar nicht erst aufkommen. Vielmehr verbindet das durch die transparente Glasfassade "offene" Stadtfoyer beide Welten miteinander: das städtische Leben draußen zwischen Dönerbuden und Handyshops und die geistige Sphäre der Hochkultur drinnen. Doch noch einmal: Es dürfte nicht ausgemacht sein, wer hier in Zukunft mehr auf wen angewiesen ist.

200 Plätze für 2.000 Seelen – das ist das Wunder von Blaibach

Läuft man heute durch die Brückstraße, scheint die Vitalisierung gelungen: Zwar hat sich das einstige Problemviertel seinen Multikulti-Charme bewahrt, aber die Ghettoisierung ist einer gesellschaftlichen Durchmischung gewichen. Nicht nur wegen der integrativen Architektur, sondern vor allem auch durch eine überlegte Spielplangestaltung: Mit Reihen wie den "Zeitinseln" oder den "Jungen Wilden", in denen Künstler oft über mehrere Jahre gebunden werden, gestaltet Intendant Benedikt Stampa ein Programm, das dem Dortmunder Konzerthaus ein unverwechselbares Profil gibt. Ein Profil, in dem sich die Besucher zu Hause fühlen.

Die Chance von Konzerthäusern liegt, so banal das vielleicht klingt, in ihrer Vielfalt. Anders als Opernhäuser sind sie flexibler, brauchen keinen so riesenhaften Apparat. Diese Vielfalt muss die Rhein-Ruhr-Region künftig nutzen: Wenn im Herbst das Bochumer Musikzentrum und die nach Problemen beim Brandschutz endgültig sanierte Mercatorhalle in Duisburg ihre Tore öffnen, findet sich zwischen Bonn und Dortmund eine weltweit einmalige Konzerthausdichte. Und das ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen, dessen Städte unter erdrückenden Schuldenlasten und einer oft einfallslosen SPD-Kulturpolitik ächzen.

Konzerthäuser aber verursachen nicht nur Bau-, sondern auch erhebliche Betriebskosten. Wem diese Kosten nützen? Erst im letzten Jahr hat eine Studie des Münchner ifo Instituts gezeigt, dass Ausgaben für Kultur einen positiven Effekt auf den Wohlstand der jeweiligen Stadt und Region haben. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die gute alte Umwegrentabilitätsstudie über die ökonomischen Auswirkungen des Konzertbetriebs am Leipziger Gewandhaus. Vieles spricht also dafür, dass man sich noch mehr Konzerthäuser leisten sollte, gerade in strukturschwachen Regionen und der sogenannten Provinz. Als pumpte man frisches Blut in alte Kreisläufe – mit dem Ergebnis, dass sich natürlich auch das Blut dabei verändert.

Wie das geht, zeigt das 2.000-Seelen-Dörfchen Blaibach im Bayerischen Wald rund 20 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Dort verfügt man seit 2014 über einen eigenen Konzertsaal. Der Minimalismus des gekippten Kubus verspricht eine außergewöhnliche Bestimmung, weist mit seiner Granitfassade aber gleichzeitig auf die Tradition des Ortes im Granitabbau hin. 200 Plätze fasst der Saal, dessen Glas-Beton-Design wie ein utopischer Ort wirkt. Mit dem Hochglanz-Kulturprogramm des knapp 200 Autokilometer entfernten München kann und will man hier nicht konkurrieren, stattdessen setzt man auf persönliche Betreuung, einen engen Kontakt zu den Künstlern und die Verbindung von kulturellem Angebot und landschaftlichen Reizen. Davon wiederum könnten sich viele Metropolen ein Scheibchen abschneiden.

Mittlerweile strahlt der Konzertsaal weit über Blaibach hinaus. Das schafft nicht nur Identität, weil sich die Menschen vor Ort emotional engagieren, sondern sorgt auch für eine deutliche wirtschaftliche Belebung, da Gastronomie und Tourismus vom Konzertbetrieb profitieren. "Unsere Wirtschaftsförderung ist das Kulturprogramm", sagt Thomas E. Bauer, der Initiator und Intendant. Es ist ein starkes Argument, warum sich Investitionen in Kultur nicht nur für die lohnen, die ins Konzert gehen.