Die wenigen Aufnahmen, die es aus den beiden Apartments 15-B und 15-D in der Primera Avenida 201 in Havanna gibt, zeigen noch den großbürgerlichen Einrichtungsstil der Vor-Castro-Zeit. Auf spiegelnden Bodenfliesen in Schwarz und Weiß stehen Sitzgruppen mit samtenen braunen Polstern. Die Tafel im Esszimmer dekorieren große Kerzenleuchter und Kristallschalen, in der Ecke steht der schwarze Steinway-Flügel, und es gibt die obligatorische Bar aus poliertem dunklem Holz. Auch die Kunstwerke an den Wänden würden es jederzeit mit der Ausstattung eines Penthouse an der Fifth Avenue in New York aufnehmen: ein großformatiges Aquarell von Raoul Dufy, das anmutige Bildnis einer Dame mit großzügig ausgeschnittenem Dekolleté, die über die Schulter blickt – und über einer Kamin-Attrappe das Bild, das Henri de Toulouse-Lautrec 1895 von der Clownesse Cha-U-Kao gemalt hat.

Dieses prominente Gemälde in Grün und Gelb war nicht das einzige wertvolle Meisterwerk, das sich vor der Regierungsübernahme der Kommunisten in der Wohnung im vornehmen Stadtteil Vedado befunden haben soll und nach dem die Erbin der Auschwitz-Überlebenden Olga Lengyel nun sucht. Ein Inventar der Sammlung, das im Februar 1958 aufgestellt wurde, listet neben 198 kunsthandwerklichen Gegenständen auch Altmeistergemälde von Terborch und van Dyck, Goya und Frans Hals, Brueghel und Holbein sowie Werke von Braque und Vlaminck, von Picasso und Daumier auf. Allein drei Gemälde von Vincent van Gogh sollen zur Sammlung Lengyel gezählt haben, von Cézanne ein Stillleben, von Manet das Bildnis eines Malers, von Monet eine Gartenlandschaft, von Degas mehrere Darstellungen von Tänzerinnen und von Renoir das Bildnis eines jungen Paares. Damals wurde der Gesamtwert der 38 Werke mit rund drei Millionen Dollar beziffert. Heute wäre die Sammlung Lengyel wohl mindestens das Hundertfache wert.

Viele Millionen Dollar könnten die Bilder wert sein – oder sind es nur Fälschungen?

Dafür müsste es sich allerdings um Originale handeln, und ob das der Fall ist, scheint nach Recherchen der ZEIT zumindest fraglich. Olga Lengyels Vater, der siebenbürgische Industrielle Ferdinand Bernát, der sich später Bernard nannte, hatte die Sammlung 1938 innerhalb kürzester Zeit in Paris zusammenkaufen lassen – offenbar als sichere Investition angesichts der politischen Verhältnisse in Europa. Er beauftragte den aus Österreich stammenden Kunsthändler Josef Schäfer mit dem Erwerb und ließ die Bilder anschließend im fernen Paris einlagern.

Im Frühjahr 1944 wurde Olga Lengyel gemeinsam mit ihrem jüdischen Ehemann Miklós und ihren zwei Kindern nach Auschwitz deportiert. Die damals 37-Jährige überlebte als einziges Familienmitglied das Vernichtungslager und hielt ihre Erinnerungen an den Holocaust in ihrem Buch Souvenirs de l’au-delà ("Erinnerungen aus dem Jenseits") fest. Über Odessa und Paris emigrierte sie 1947 in die USA, 1954 dann mit ihrem zweiten Ehemann nach Kuba. Die Kunstsammlung, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, ließ sich Olga Lengyel nach Havanna schicken. Alle Gemälde seien "in gutem Zustand angekommen", bestätigte sie im Februar 1958 der Pariser Galerie Pictura, die die Sammlung nach Kuba geliefert hatte. Als sie von dort 1959 nach Castros Revolution wieder nach New York flüchtete, ließ Lengyel ihre Kunstsammlung, Schmuck und Aktien zurück. Die neue kubanische Regierung betrachtete das im Lande verbliebene Vermögen der US-Staatsbürgerin als Staatseigentum und antwortete auf alle Anfragen dazu nicht. Als Olga Lengyel im April 2001 starb, setzte sie die 1962 von ihr gegründete Stiftung Memorial Library in ihrem Haus an der 79. Straße in Manhattan als Alleinerbin auch ihrer Kunstsammlung ein.

Das Castro-Regime versteigerte regelmäßig Kunstwerke ungeklärter Herkunft

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Schon 2013 hatte die in Washington lehrende Tanya Mastrapa, Professorin für Kuba- und Lateinamerikastudien, in der Zeitschrift Kunst und Recht die Frage gestellt: "Die Plünderung Kubas – wohin ist alles gegangen?" Auch sie bezog sich unter anderem auf die Sammlung Lengyel und erinnerte daran, dass das Castro-Regime selbst regelmäßig im staatlichen Auktionshaus Subasta Habana Auktionen veranstalten ließ, bei denen Kunstwerke ungeklärter Herkunft gegen Devisen ins Ausland verkauft wurden. Verschiedene Bilder – auch aus dem Nationalmuseum verschwundene oder, wie im Falle eines Bouguereau, mutmaßlich gegen eine Kopie ausgetauschte – tauchten anschließend in Museen und bei Auktionen in New York und London wieder auf. Mastrapa erinnert auch daran, dass der Aachener Schokoladenfabrikant Peter Ludwig 1994 die fünfte Havanna-Biennale mitfinanzierte und selbst eine umfangreiche Sammlung kubanischer Kunst zusammentrug. Das Ludwig-Forum in Aachen erforscht diese gerade als Vorbereitung für eine Ausstellung auch im Hinblick auf ihre Provenienz.

Werke aus der Sammlung Lengyel allerdings sind nach 1959 nirgends aufgetaucht – weder auf Auktionen noch in Galerien, auf Messen oder in Ausstellungen. Und mehr noch: Die drei angeblichen Werke von van Gogh, zu denen im Inventar von 1958 nur Titel und Maße aufgeführt sind, lassen sich in den seriösen Werkverzeichnissen ebenso wenig finden wie die Landschaft von Cézanne, die Drei Adeligen von Goya oder das Bildnis einer Marchesa von van Dyck. Und das Toulouse-Lautrec-Gemälde, das zwischen 1954 und 1959 an der Wand des Apartments in Havanna fotografiert wurde, kann nur eine Kopie sein: Das Original ist seit 1911 ununterbrochen im Besitz des französischen Staates.

Vor allem aber lässt der Name des Verkäufers Josef Schäfer aufhorchen: Der nämlich war erst nach Paris gegangen, als sich für sein Versteigerungslokal in Monte Carlo die dortige Justiz interessiert hatte. Nach dem Krieg wurde Schäfer dann 1956 und 1957 als fast alleiniger Einlieferer bei zwei Auktionen in der Brüsseler Galerie Jacques Trussart enttarnt, bei der nicht nur beinahe alle Bilder von Cranach über Rembrandt und Rubens bis Gainsborough gefälscht oder falsch zugeschrieben waren, sondern auch noch die zitierten prominenten Experten nichts von ihren angeblichen Gutachten wussten. Anschließend suchte ihn erneut die Polizei.

Möglicherweise hatte sich Ferdinand Bernát/Bernard kurz vor dem Krieg also von einem dubiosen Händler fragwürdige Werke andrehen lassen. Selbst wenn es sich bei der Sammlung Lengyel aber nicht um jenen Millionenschatz handelt, nach dem die Memorial Library nun suchen lässt, müssten auch die Fälschungen und Fehlzuschreibungen irgendwo geblieben sein. In einem Tresor in Kuba – oder bei Käufern in den USA und Europa, die inzwischen aber längst wissen, dass sie keine Originale besitzen.