Sehnsüchtig: Vertriebener Bauer schaut auf die Araúna-Farm.

Am Abend, als Antônio Bento von der goldenen Zukunft spricht, als er einen Braten zerschneidet und die Streifen "zur Stärkung meiner Krieger" über dem Feuer brät, weiß er noch nichts von der Gewaltexplosion der nächsten Tage. Er malt sich nicht aus, dass man ihn wie ein Tier durch den Wald hetzen wird, dass die Wächter des nahen Großfarmers mit Revolvern und Halbautomatikwaffen um sich schießen werden. "Ich gehe davon aus, dass alles ruhig ablaufen wird", sagt der kurz gewachsene, stämmige Mann an der Feuerstelle. "Und wir werden nicht weichen."

Antônio blickt in ernste, entschlossene Gesichter, eine Gruppe aus Bauern und Landarbeitern, die im Morgengrauen eine benachbarte Großfarm besetzen wollen. "Ich kann nicht länger wie ein Hund an der Straße leben", sagt der 45-Jährige und blinzelt in die improvisierte Laterne des Camps, eine Autobatterie mit einer Leuchtstofflampe an einem Holzpfahl. Gegenüber nicken einige kräftige Männer. Aber die meisten sind Alte, Frauen und Kinder. Seit Monaten kampieren sie am Rand einer Straße, in Hängematten unter Plastikplanen, die jeden Nachmittag ein tropischer Regenfall auf die Probe stellt. Morgen soll sich ihr Leben ändern. "Wir werden stark sein, weil wir nichts zu verlieren haben", sagt ein massiger schwarzer Mann, wendet sich ab und geht schlafen. Was gebe es auch sonst noch zu besprechen?

Antônio Bento kämpft um ein Stück Land, das ihm nach brasilianischem Recht längst gehören müsste – ihm und den knapp 100 Familien im Übergangslager, das sie das "Camp der Guten Hoffnung" nennen. Das sattgrüne Acker- und Weideland in dieser Gegend des brasilianischen Kernlandes ist überwiegend Staatseigentum, und es ist seit Jahrzehnten vorgesehen, dass darauf mittelgroße Bauernbetriebe bis zu 100 Hektar entstehen. Die Parzellen sind zur Verteilung an Kleinbauern und landlose Landarbeiter wie Antônio und seine Mitstreiter gedacht, zur Gründung einer Existenz. Die Gruppe um Antônio hatte sogar schon mal auf diesem Land gewohnt. Zwischen 2013 und 2015 hatten sie eine bäuerliche Idylle aufgebaut. Da wohnten 100 Familien in Häuschen aus Holz und Faserzement, zwischen Beeten voller Salat und Ställen voller Hühner und Schweine. Einige von ihnen holen nun Handys und Papierabzüge hervor, erinnern sich an die glückliche Zeit. Auf den Fotos stehen sie mit Farmerhemden auf ihrer Scholle. Sie richteten Dorffeste mit rosafarbenen Kuchen aus. Der Schulbus kam, um die Kinder abzuholen.

Doch dies ist auch das Kernland der brasilianischen Agrarproduktion: ein Bundesstaat namens Mato Grosso, zweieinhalbmal so groß wie Deutschland und einer der weltgrößten Produzenten von Mais, Soja und Rindfleisch. Es ist das Herzstück des brasilianischen Agrobusiness mit seinen riesenhaften Ländereien, die sich von Jahr zu Jahr weiter ausdehnen – in die Wälder, in die Reservate von Indianern, in Naturschutzgebiete und die Äcker kleinerer Bauern. Die Landwirtschaft von Mato Grosso macht Millionäre und Milliardäre – was auch ruchlose Geschäftsleute anzieht, die wenig Rücksicht nehmen auf Recht und Gesetz, auf Umweltschutz oder die Menschen im Camp der Guten Hoffnung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Ein Großbauer mit Betrieben in mehreren Gegenden Brasiliens, Marcelo Bassan, firmiert heute als Besitzer der nahe dem Camp gelegenen Araúna-Farm. Gegen Antônio und seine Leute führt er einen bitteren Kampf um Land, das ihm juristisch gesehen gar nicht gehört. Angestellte der Großfarm haben die Familien mehrfach verscheucht, das letzte Mal im vergangenen Jahr. Die Männer haben Häuser in Brand gesteckt, Hunde und Milchkühe getötet, mit Revolvern in die Luft und vor die Füße der Bauern geschossen. Sie haben das Land mit einem schweren Zaun umgeben und mit bewaffneten Sicherheitskräften besetzt, an die zwanzig finster blickende "Pistoleiros", über die man in der Gegend flüstert: alles ehemalige Sträflinge, alle wegen Kapitalverbrechen vorbestraft! Bassan, der Großfarmer, wohnt, wenn er in der Gegend ist, in einem Hotel mit Schwimmbad in einer nahen Stadt.

Das Schicksal der Menschen im Camp der Guten Hoffnung ist bloß einer von vielen solcher Landkonflikte: Nach Auskunft der Landpastorale, einer Organisation der katholischen Kirche, sind in den vergangenen 15 Jahren mindestens 20.000 Familien in Mato Grosso vertrieben worden, und die Zahl nimmt zu. Die "Anzahl der Hinrichtungen" im Rahmen solcher Konflikte liegt in Brasilien bei 30 bis 40 pro Jahr, in Mato Grosso allein ist es eine Handvoll. Auf der einen Seite stehen: Bauern, die jeweils bis zu 100 Hektar in familiärer Landwirtschaft auf staatlichem Boden bewirtschaften dürfen. Das sind keine riesigen Ländereien, aber klein sind sie auch nicht – ein deutscher Bauernhof hat im Durchschnitt rund 60 Hektar. Auf der anderen Seite steht das Agrobusiness: gigantische Rinderweiden, Monokulturen aus Mais und Soja bis an den Horizont, chemisch gedüngt und von Schädlingen befreit.

Mit Deutschland hat das direkt zu tun. Sojaprodukte, die vor allem aus Brasilien kommen, werden in deutschen Ställen zunehmend an Schweine und Geflügel verfüttert, in geringerem Umfang auch an Rinder. 6,4 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaschrot brachten Importfirmen wie ADM, BayWa und Agravis zuletzt nach Deutschland, zum größten Teil aus Brasilien, und eine Auswahl nach sozialen oder ökologischen Kriterien spielt nur eine Nebenrolle. Chemiefirmen wie Bayer und BASF beziehen erhebliche Gewinne aus dem Verkauf von Düngemitteln und Schädlingsgiften in Brasilien.

Die Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature hat vor einigen Jahren berechnet: Die 17 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in Deutschland würden sich durch die Importe sozusagen um sieben Millionen Hektar im Ausland erweitern. Allein Deutschlands Sojaimporte aus Brasilien beanspruchen demnach eine Fläche von 1,6 Millionen Hektar in dem südamerikanischen Land – ein Acker so groß wie Schleswig-Holstein. Es führt also ein direkter Weg von Brasilien zum Schnitzel im deutschen Supermarkt.