Lieber Uli,

wahrscheinlich würden Sie mich nicht ausstehen können. Zwischen einem konservativen Preußen und einer antiautoritären Wienerin liegt genug Konfliktpotenzial für einen Weltkrieg, doch glücklicherweise wurden wir im Abstand von einem Tag und 140 Jahren geboren! Dadurch kann ich ungebremst für Sie glühen, Ulrich, und Sie können nicht einmal verhindern, dass ich Sie zärtlich Uli nenne.

Ich liebe Sie, da ich das, was ich am meisten liebe, ohne Ihr Zutun wohl nicht lieben würde: das Studium des Altgriechischen! Sie waren der Cultural Turn der Altertumswissenschaften, Sie haben den Pop der Hellenen salonfähig gemacht! Dank Ihnen blickt die Forschung nicht nur auf die klassizistischen Langweiler wie Platon und Sophokles, nein, Sie erschlossen die perversesten Schönheiten der griechischen Dichtung davor wie danach und verstanden als Erster, dass die Philologie über ihren Tellerrand hinausblicken muss, wenn sie dem, was sie liebt, wirklich nahekommen will.

Ständig waren Sie bemüht, das Altgriechische populär zu machen, nur leider hat es nicht funktioniert. Lauter Banausen laufen da draußen herum, die Jugend hält Homer für eine Zeichentrickfigur, aber sehen wir es positiv, Ulrich: Ich bin eine eifersüchtige Liebhaberin, es entzückt mich, Sie als Objekt der Anbetung ganz für mich allein zu haben.

Süß flüstere ich Wilamowitzianus, wenn ich bei metrischen Analysen auf das nach Ihnen benannte Versmaß stoße, obwohl es natürlich eine Schande ist, dass keine Straße Ihren Namen trägt!

Immerhin erneuerten Sie die Textkritik, haben uns das Werkzeug gegeben, um den Text von der Pfuscherei jahrhundertelanger Überlieferung zu entkleiden und mit seiner wahren Schönheit Liebe zu machen.

Außerdem hatten Sie sexy Held als Einziger den Mut, gegen Nietzsche aufzustehen, der aus dem Bauchnabel heraus unseren Euripides schmähte! Obwohl dieser Streit ergebnislos blieb, ist es wohl Ihnen zu verdanken, dass Nietzsche die klassische Philologie fortan in Ruhe ließ.

Sie kämpften für Ihre Leidenschaft, ohne je die Scheuklappen der Sturheit anzulegen. Sogar als Sie Ihr Schüler Schadewaldt widerlegte, sagten Sie: Umzulernen stets bereit. Und das ist es, schön geformter Ulrich, was einen großen Geist am Ende ausmacht.

Vea Kaiser, 27, ist Schriftstellerin. Sie lebt in Wien