Blumen sind nicht das Gegenteil von Macht. Gedichte auch nicht. Gleich im zweiten Gedicht des Bandes stoßen wir auf "Petunienlenin" und "Chrysanthemenchruschtschow". Einen ›Stalin aus Stiefmütterchen‹ gibt es auch. Das sind schrille Effekte mit gewagten semantischen Ligaturen. Fundstücke aus der politisch aufgeladenen russischen Exklave Kaliningrad, die Marion Poschmann durchstreift und mit starken sprachlichen Markern versieht. Dichtung, so suggeriert die Autorin, die als Lyrikerin schon mit dem Peter-Huchel-Preis geehrte wurde und 2013 mit ihrem Roman Die Sonnenposition wie in diesem Jahr mit dem Gedichtband Geliehene Landschaften für den Leipziger Buchpreis nominiert wurde, Dichtung ist hinsichtlich des Machtpols nicht das andere, sondern sein Unbewusstes. Poschmann durchdringt und untergräbt ihn. Kaliningrad hat noch den Krieg in den Knochen. Die Bernsteinmetropole Königsberg, mit Einschlüssen der Sowjetmacht, glimmert im kantischen Licht. Knochen heißt das Gedicht. Auf "Tonnen von Knochen" breiten sich Poschmannsche Wortkombinate aus, in denen an der historischen Erinnerung gearbeitet wird.

Der streng durchkomponierte Band mit weltweit auf Reisen "geliehenen Landschaften" beginnt schroff und laut, er führt im zweiten Kapitel zu einer Zeit zwischen abstrahierten Bäumen auf Formsteinen in einem Ostberliner Kindergarten und im dritten nach Coney Island, wo die USA sich extraschrill gebärden. Dann geht es nach Japan, nach Kyoto zunächst, wo der Ernstfall vor der Idylle steht – Gärten als "Regional Evacuation Sites", Rettungsräume vor Erdbeben –, dann in die Nähe des atomverseuchten Fukushima, wo Kiefern sich auf Meeresfelsen krümmen. Nach und nach wird der sprachliche Duktus weicher, das Sentenziöse nimmt ab, doch der Furor der Durchdringung bleibt.

Marion Poschmann löst die Verfestigungen unserer Anschauungen, Vorstellungen und Begriffe in einer Art Schichtenanalyse der Wirklichkeit auf. Die schöne Literatur ist ihr Erkenntnisinstrument, ein bildgebendes Verfahren, das verborgene Leerstellen, Linien und Einschlüsse sichtbar macht. Eine Tomografie des historisch-kulturellen Unbewussten. Dem Abwesenden, Unsichtbaren, der Leere gilt die Aufmerksamkeit. "So rede, Leere, ich sehe dich nicht", heißt es in einem anderen Gedicht des ersten Kapitels Bernsteinpark Kaliningrad. Marion Poschmann traut dem kantischen Vorrang der Kategorien nicht. Sie zitiert einmal den anderen Magus des Nordens, Johann Georg Hamann, der die flüchtige gesprochene Sprache am Werk weiß, wo feste Kategorien behauptet werden. Mit ihm geht Marion Poschmann durch Königsberg wie das posthume Gespenst Kants. Wie Nebel durchziehen ihre Gedichte die lichten Gefilde der Aufklärung. Das heißt höchste Konzentration für den Leser.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Die Erzromantikerin Poschmann ist der frühromantischen Bewusstseinspoesie näher als der Natur- und Landschaftslyrik, die sie immer wieder aufruft. Claudius, Lehmann, Eich, Huchel und all die anderen – sie schwingt mit ihnen weit aus über Felder und Brachen, mit exakter Nomenklatur, assoziationsstark, doch mit stärkerer Reflexionskontrolle. Sie hält die Fixierung der Dinge in unserem Verständnis von Natur für eine Verkennung ihres flüchtigen imaginären Charakters. Nebel, Rauch, Dunst, Ektoplasma sind ihr Medien der poetischen Welterkenntnis: So entstehen Gespenster in den Abseiten unserer Künste und besonders sichtbar in der animistischen japanischen Kultur, in deren verhangene Schönheit sich Marion Poschmann verguckt hat. Der lunare Landschaftspark ist ihr Gefilde. Wohnort der Geister. Kaschierung der Brache. "Betrachtung des Mondes in mondloser Nacht". Man könnte von einem poetischen Sfumato sprechen, wenn Marion Poschmann nicht so vernünftig bliebe, immer noch einmal von außen den poetischen Vorgang als solchen zu betrachten. Und das gelegentlich mit Humor. Für neue Träume einer Geisterseherin eignet sie sich nicht.

"Du legst dich am Abend dicht an den Feldrand. Erdiges. Baustellenatem. /

Objektkonstanz. Du nimmst eine Kapsel ein, du willst einschlafen. /

Zwergatmosphäre. Erdarbeiten. Einige Zwerge heben am Feldrand Röh- /

ren und Gänge aus, Löcher im unterschwelligen Bergwerk deines Be- /

wußtseins. Du willst etwas gegen sie tun, hast fast einen Schatten unter /

der Achsel gepackt. Dann entfleucht er. Du denkst noch: Um eine kleine /

Tablette zu schlucken, muß ich im Grunde nicht extra rausgehen."

Als Lehrgedichte und Elegien bezeichnet die Lyrikerin ihre neuen Gedichte. Das trifft den reflexiven Zug der neun thematisch enggeführten Gedichtblöcke mit je neun Gedichten genau. Sie betrachten einen Weltausschnitt, rahmen ihn und versehen ihn mit einem Außen. Als ob das Parkhaus im Fenster eines Museums zum Beispiel dieses erst komplettierte. Der ferne Berg ist das häufigste Motiv der Geliehenen Landschaft in ostasiatischen Parks. Dieser Fachbegriff der Landschaftsgartenkunst markiert die fernöstliche Inspirationsquelle Poschmanns. Doch sie kennt auch die griechische Naturphilosophie und, ganz ökologisch heutig, Bruno Latours Subjektivität der natürlichen Dinge.

Die Gedichte sind weit gereist, voll Bildung, und sie lehren zu denken, wie das schon bei Vergil oder Lukrez der Fall war, Vätern des heute eher aus der Mode gekommenen Lehrgedichts, Klassikern der Naturreflexion zudem. Elegien sind sie, sofern sie das Schöne in seinem Verhältnis zur Leere denken, also nicht mit Schiller vom Zerfall der Einheit, von einem Mangel her. Ikebana könnte hier als Modell gelten, das japanische Blumenstecken, oder die feinlinige Tuschezeichnung. Zwei der neun Kapitel haben japanische Landschaften zum Gegenstand, eins einen Garten bei Shanghai. Oft ist ein Park gemeint, manchmal eine Siedlung, eine geologische oder eine geistig-sprachliche Formation. Immer bilden die Übergänge zwischen der sprachlich-reflexiven und der lokal-sinnlichen Dimension die bewegliche Infrastruktur. Doch schon das vorgefundene Schöne selbst ist versehrt und konstruiert. Im Kapitel Matsushima kratzen alte Männer "mit Stahlbürsten / kontaminierte Schichten vom Randstein", denn dieses windige Idyll liegt nahe bei Fukushima. Der Literatengarten bei Shanghai besteht aus kleinen Nachbauten berühmter großer Parks und Gärten. Und der Anblick des Fuji, dieses in die Allsichtigkeit getriebenen Bergs der Götter, steht neben dem Gesang auf die Leere des Braunkohleabbaugebiets Jülich – Grevenbroich – Erkelenz.

Marion Poschmann gleitet meist mühelos von Motiv zu Motiv und metonymisch von Ort zu Ort. Nicht immer kommt man mit, wird aber wieder aufgenommen. Von harten Wendungen wie den "Blumen- und Blutsprachen" des Anfangs oder dem "Plattenbaulaub", das sich um den Kindergarten in Lichterfelde rankt, hohlreliefgeprägte Formsteine des real existierenden Sozialismus, die das grafisch abstrahierte Springkraut zeigen. Blumen in Beton. Leben in Abstraktion.

Und dann finden wir die Abbildung dieser Formsteine und die Biologie des Springkrauts in einem eigenen Aufsatz im zweiten Buch von Marion Poschmann, den gleichzeitig mit den Geliehenen Landschaften erschienenen Essays Mondbetrachtung in mondloser Nacht. Und das ist ein Glücksfall, ähnlich wie der kürzlich erschienene poetische Essayband der Lyrikerin Monika Rinck Risiko und Idiotie, Bücher zweier Essayistinnen, deren Dichtungen und Reflexionen gleichwertig sind, weil die anschaulichen Überlegungen der Essays eine Hohlform der intellektuellen Anschauung in den Gedichten bilden. Auch wenn Poschmanns Essays und Reden zu unterschiedlichen Anlässen entstanden, wirken sie wie aus einem Guss, und ihre kurz getaktete Einteilung in ungefähr eine Seite lange, häufig persönlich eingeleitete Betrachtungen zur Ästhetik macht sie auch formal zu einem Lesevergnügen. Beide Poschmann-Bücher zusammen bilden ein neues Ganzes, das man sich mit Gewinn auch in abwechselnder Lektüre gönnen darf. Hier steht das Denken nicht im Weg, sondern ist selber schön.

Marion Poschmann: Mondbetrachtung in mondloser Nacht, 220 S., 18,– €

Marion Poschmann: Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien. 125 S., 19,95 €.
Beide Suhrkamp Verlag, Berlin 2016