Maxim Biller im Berliner Hotel Oderberger: "Wenn ich jetzt 15 und nicht ich wäre, hätte ich die größte Lust, kurz Nazi zu werden."

DIE ZEIT: Herr Biller, demnächst erscheint ein Roman von Ihnen, er heißt Biografie und hat 900 eng bedruckte Seiten.

Maxim Biller: Ich habe 200 Seiten rausgeschmissen.

ZEIT: Oh, das muss hart gewesen sein.

Biller: Im Gegenteil. Ich hätte gern noch mehr gestrichen, aber es ging nicht.

ZEIT: Man braucht Urlaub, um ihn zu lesen. Er ist deutlich länger als die Blechtrommel von Grass.

Biller: Zum Glück. Da habe ich ihm etwas voraus.

ZEIT: Dumme Frage: Warum musste es nur so umfassend werden?

Biller: Dumme Antwort: Ich habe, wenn ich anfange zu schreiben, nie eine Ahnung, wie lang ein Buch wird. Ich habe oft nur den ersten Satz, in diesem Fall den Halbsatz "Vielleicht, aber nur vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ..." Ich hatte diesmal noch die Idee gehabt, eine Geschichte über zwei beste Freunde zu schreiben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

ZEIT: Da ist Solomon, der Ich-Erzähler, ein halberfolgreicher Schriftsteller, und Noah, der reiche Hallodri, der alles und nichts macht: Filme, Weltverbesserungsprojekte, überhaupt ein Abenteurer, dem immer alles missglückt. Und der auch noch im Sudan von Islamisten entführt worden sein soll. Dann eint fast alle Protagonisten, dass in ihren Familien der Holocaust wütete. Es ist fast unmöglich, dieses burleske, satirische Buch zusammenzufassen.

Biller: Ich mag drei Arten von Literatur. Erstens: die kurze, glasklare, hemingwayhafte Prosa. Zweitens: den klassischen Roman mit einem allwissenden Erzähler. Drittens aber Romane, die gleichzeitig wahnsinnig witzig und wahnsinnig ernst sind. Die dritte Gattung ist selten, die gibt es in Deutschland eigentlich gar nicht. Joseph Heller hat ernsthafte Werke voller Humor geschrieben, oder Jaroslav Hašek mit seinem Schwejk.

ZEIT: Ihr Buch steckt voller Gags, Sex spielt eine ungeheuer große Rolle, das Buch ist versaut und pornografisch. Es gibt fast keine Seite – ich übertreibe nur leicht –, auf der nicht der Aggregatzustand von Penissen, kunstvolle Prostatamassagen oder die Wirkung von Peitschenhieben verhandelt werden. Warum eigentlich?

Biller: Das kann ich nicht sagen. Ich weiß beim Schreiben nicht, was mich lenkt. Ich bin zum Glück noch ahnungsloser als der spätere Leser. Oder soll ich etwa mein eigenes Buch interpretieren?

ZEIT: Ja, bitte.

Biller: Alle haben in diesem Roman Schreckliches erlebt. Die Familien haben den Holocaust oder den Stalinismus durchlitten, der Sex ist ein Mittel, damit umzugehen. Es ist eine Binsenwahrheit, aber das macht sie nicht falsch: In der Sexualität verdichten sich gute und schlechte Aspekte jeder Biografie.

ZEIT: Ich dachte ja, Sie wollten auf das antisemitische Klischee vom lüsternen Juden anspielen, auf Dr. Freud und seine Zigarre.

Biller: Ich kenne mich mit Psychologie nicht aus, von Freud besitze ich kein einziges Buch. Aber klar, ich weiß schon, es gibt dieses Klischee und die Literatur dazu: Portnoys Beschwerden von Philip Roth zum Beispiel. Das habe ich vor 100 Jahren gelesen und finde es heute ziemlich fad.

Eine Hammergeschichte

ZEIT: Man könnte denken, Ihr Buch ist ein Schlüsselroman: Der Protagonist hat mit Ihnen viele Gemeinsamkeiten – Kindheit in Prag, Jugend in Hamburg, dann die Berliner Schriftsteller-Existenz ...

Biller: Ich bin gerührt, schon jetzt bei Ihnen zu sehen, wie so die gängigen Interpretationen funktionieren werden. Meine Absicht war vor allem, eine Hammergeschichte zu erzählen. Klar: Man kann nur über das schreiben, was man erlebt hat. Aber das heißt doch wiederum nicht, dass man in der Literatur sein Leben einfach kopiert. Ich meine mit dem Erleben etwas anderes: Zum Beispiel ist es mir unmöglich, über den Holocaust zu schreiben. Natürlich schreibe ich im Buch auch über den Holocaust. Aber er beschäftigt mich in dem Sinne, dass ich mich frage, welche Spuren er bei den Überlebenden und den folgenden Generationen hinterlassen hat.

ZEIT: Na ja, es gibt ein paar sehr konkrete Parallelen zu Ihrem Leben, schon die Familie: tschechisch-russischer Hintergrund, eine Intellektuellenfamilie, eine Schwester. Im Buch ist der Vater des Erzählers ein kommunistischer Spitzel, zumindest denken das alle, und der Erzähler entdeckt belastende Dokumente. Ihr Vater war nicht zufällig ein Spitzel?

Biller: Ach was, aber natürlich gibt es auch bei uns Familiengeheimnisse. Wir sind 1970 nach Hamburg gekommen und lebten im Kreise von jüdischen und osteuropäischen Emigranten. Man besuchte sich fast jeden Tag, natürlich unangemeldet, und ich habe alle möglichen Biografien kennengelernt. Und damit alle möglichen, auch schuldhaften Verstrickungen, wobei die meisten Menschen eher schwach als böse sind. Oder böse sind, weil sie schwach sind.

ZEIT: Der Kommunismus basierte auf einer Kultur des Verdachts. Auch darum kreist Ihr Buch.

Biller: Der Stalinismus spielt in meinem Roman eine größere Rolle als der Holocaust. Meine Familie stammt aus Russland, wir waren nicht unmittelbar vom Holocaust betroffen. Mein Vater aber durchlebte in der Sowjetunion die Terrorzeit Stalins, ging 1946 nach Prag, besuchte das russische Gymnasium und rebellierte als junger Kommunist gegen die Bürgerlichen. In Moskau studierte er dann Geschichte, entfernte sich allerdings innerlich schnell von Stalin, als der beschloss, sich auch noch die Juden vorzunehmen. Er wurde von einem Freund verraten, musste über Nacht die Uni und die Partei verlassen und wieder in die Tschechoslowakei abhauen – zum Glück. Er arbeitete tagsüber in einer Fabrik, nachts als Übersetzer. Später konnte er dann wegen seiner Übersetzertätigkeit auch ins Ausland reisen. So sind wir in Deutschland gelandet und geblieben. Eine der Geschichten, die über meinen Vater – wie früher oder später über jeden Ostblock-Emigranten – kolportiert wurden, war natürlich, dass er Agent war. Dauernd wurde er angeblich am Flughafen von Prag gesichtet, obwohl er in Deutschland war.

ZEIT: Es war eine Zeit, in der viele Intellektuelle auch im Westen als Agenten galten.

Biller: Und das stimmte dann manchmal sogar. Die DDR hatte oft ihre Finger im Spiel, wie zum Beispiel bei der jahrelangen Finanzierung der linken Zeitschrift konkret.

ZEIT: Dass es viele Verschwörungstheorien gibt, heißt nicht, dass es keine Verschwörungen gibt?

Biller: Genau.

ZEIT: Machen Sie sich überhaupt keine Sorgen, dass man in Ihrem neuen Roman nach Spuren lebender Personen sucht? Um Ihren Roman Esra gab es 2003 einen Riesenwirbel. Er darf bis heute nicht erscheinen, weil sich eine ehemalige Freundin von Ihnen und deren Mutter wiedererkannt glaubten.

Biller: Ich habe vor etwas ganz anderem Angst. Neulich traf ich eine Buchhändlerin. Die sagte, sie freue sich auf meinen Roman. Da sagte ich zu ihr: "Ach, weißt du, das ist nichts für dich. Lies lieber Uwe Tellkamp oder Heinz Strunk." Mein Roman ist rasant geschrieben, eine einzige Kaskade, das Tempo ist enorm hoch. So schreibt weder ein deutscher noch ein amerikanischer Autor. Das Tempo ist heute in die amerikanischen Serien abgewandert, in Romanen geht es eher gemächlich zur Sache.

ZEIT: Nehmen wir an, das stimmt. Woran liegt das?

Biller: Daran, dass Intellektuelle wahrscheinlich immer denken, sie müssten das Gegenteil von dem machen, was der Mainstream macht. Zum Ansporn habe ich Saul Bellows Humboldts Vermächtnis von 1975 gelesen, immer wieder während des Schreibens – auch so ein rasanter Roman. Ich habe ja ein bisschen Angst, dass sich meine Leser mit meinem Roman nicht identifizieren können, es gibt nur jüdische Protagonisten, und die wenigen Deutschen kriegen es richtig ab. Und dann das Thema der Biografie. Die meisten Deutschen spalten ja ihre Biografie und damit ihre Familiengeschichte von ihrem unmittelbaren Gegenwartsleben ab.

ZEIT: Im Gegenteil: Man ist stolz darauf, dass man die Vergangenheit ständig bewältigt.

Biller: Nur ganz abstrakt. Versuchen Sie mal, einen Deutschen nach seinen Nazi-Eltern oder Nazi-Großeltern zu befragen. Selbst Grass hatte seine Geschichte säuberlich abgetrennt von sich selbst. Heute klopfen wir jeden einzelnen AfD-Politiker danach ab, ob es einen Nazi-Großvater gab. Das finde ich ja toll. Aber man macht das nur mit AfD-Leuten.

ZEIT: Es gibt ja auch keine Sippenhaft.

Biller: Nein, aber es gibt Prägungen. Die Deutschen haben ein fundamentales Problem mit ihrer Geschichte, weil es über Jahrhunderte hinweg nur eine Untertanengeschichte gab. Du warst da für den Kaiser oder den Fürsten, du hattest kein Anrecht auf ein eigenes Ich, die eigene Biografie. Ich glaube im Übrigen, dass die deutsche Geschichte erst 1989 wieder begonnen hat. Man schließt heute wieder an 1914 an oder das Jahr der Weltwirtschaftskrise.

Kein Humor, keinen Sex

ZEIT: Haben die Deutschen eigentlich Humor?

Biller: Ich überlege gerade, wie ich auf diese rhetorische Frage witzig antworten könnte ... Nein, ich weiß auch nicht, ob sie mit dem jüdischen Humor meines Buches etwas anfangen können, mit den tragikomischen Situationen, und mit dem vielen Sex. Es gibt ja in der deutschen Literatur keinen Sex.

ZEIT: In fast jedem zeitgenössischen Roman gibt es doch heute Sex im Überfluss.

Biller: Nein, und wenn, dann immer sehr indirekt, oder es driftet ab ins Fäkale. Deutsche Leser sind prüde. Außer sie lesen das Buch eines Amerikaners. Quod licet Iovi, non licet bovi – was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt: Wenn Philip Roth pornografisch wird, dann liebt man das. Bei mir hat man das immer gehasst. Ist ja klar, Amerika ist weit weg. Aber wenn die 50-jährige Ärztin von einem deutschen Gegenwartsautor in ihrer Sexualität infrage gestellt wird, dann ist die Hölle los. Ich hoffe, ich mache mit meinen Vorsicht-bissiger-Jude-Warnungen auf das Buch jetzt besonders neugierig.

ZEIT: Ist Ihr Buch eigentlich frauenfeindlich? Es ist ja nicht nur so, dass genau beschrieben wird, wo die Fingerchen überall hinwandern können. Über mehrere Seiten hinweg wird zum Beispiel darüber räsoniert, warum so viele Frauen eigentlich so dick sind.

Biller: Es gibt keine frauenfeindliche Literatur, wenn sie gut ist. Aber ich kenne das: Schon bei meinem ersten Buch murrten die Buchhändlerinnen. In Wahrheit hatte es aber eher damit zu tun, dass ich hinterher nichts mit ihnen trinken gehen wollte.

ZEIT: Es gibt in Ihrem Roman auch satirische Szenen, vor allem dann, wenn die Deutschen die Welt verbessern wollen.

Biller: Es ist das einzige Volk, das seine Opfer betrauert. Immer wenn ich am Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte stehe, denke ich aber, das ist gar kein Mahnmal, das ist ein Triumphbogen. Und dann gibt es derzeit diesen staatlich verordneten Antifaschismus. Wenn du den ganzen Tag den Leuten eintrichterst: Wir waren Nazis, und ihr dürft keine sein ... also, wenn ich jetzt 15 und nicht ich wäre, hätte ich die größte Lust, kurz Nazi zu werden.

ZEIT: Sie spielen auf die deutsche Willkommenskultur und die Flüchtlinge an?

Biller: Ich frage mich, was mit dem Mitte-links-Mainstream los ist. Wenn die das F-Wort hören und noch gar nicht wissen, was du sagen willst, dann drehen die schon durch. Die Mitte-links-Leute wollen der Welt zeigen: Wir sind nicht die Nazis, für die ihr uns haltet. Das ist auch in Ordnung, es ist aber ein bisschen fanatisch. Das kann man ja verstehen: Da man nie zum selbstständigen Denken und Handeln angeleitet wurde, wird es immer besonders emotional, wenn es doch mal ausnahmsweise versucht wird. Ich frage mich manchmal, wie die Deutschen reagieren würden, wenn Millionen Juden auf der Flucht wären und nach Deutschland kämen. Ob dann auch die ganzen Teddys und Lufballons an den Bahnhöfen verteilt würden? Es kommen viele Menschen aus Ländern, die sich seit Jahrzehnten im Krieg mit Israel befinden. Ich habe das Gefühl, dass man Partei ergreift, ohne sich dessen bewusst zu sein. Da sind ja Leute dabei, die in der dritten, vierten Generation gehirngewaschen sind. Die denken, dass Juden kleine Kinder essen.

ZEIT: Das war jetzt vielleicht etwas zugespitzt und verallgemeinernd gesagt?

Biller: Man muss Menschen, die vor einem Krieg oder vor einer Diktatur fliehen, helfen. Punkt. Aber man ignoriert das Antisemitismus-Problem. Ich will nicht wissen, in wie vielen Wohnzimmern von Wedding und Neukölln jeden Abend der Hisbollah-Sender Al-Manar läuft. In Berlin werden immer wieder jüdische Fußballmannschaften von arabischen und sogar türkischen antisemitisch beschimpft und verprügelt. Aber das interessiert den vergangenheitsbewegten Deutschen natürlich nicht. Und jetzt kommt doch Freud ins Spiel: Es gibt offenbar eine unbewusste, klammheimliche Solidarität mit den Gegnern Israels. Die Deutschen vergessen: Zuerst trifft es immer die Juden, aber dann kommt ihr auch dran.

ZEIT: Die Deutschen scheinen bei Ihnen ein unerschöpfliches Thema zu sein.

Biller: Ja, und wissen Sie, warum? Weil ich mit meiner Literatur zur deutschen Literatur gehören möchte – es ist wahrscheinlich das alte Heinrich-Heine-Drama – und hoffentlich auch gehöre, ich stehe ja zum Glück nicht außerhalb. Ich will meine Welt teilen. Und ich will, dass die Deutschen ihre Welt mit mir teilen. Na ja, vielleicht nicht immer. Allein wenn ich sehe, wie man hier mit den Kindern umgeht! Preußen ist ja nicht totzukriegen. Wenn in Prenzlauer Berg ein Kind hinfällt, bleibt die genervte Mutter bloß stehen und sagt: "Stell dich nicht so an!" Eine russische Mutter rennt zu ihrem Kind, reißt es hoch und bedeckt es mit Küssen.

ZEIT: Die Friedfertigkeit der Russen ist besonders berüchtigt.

Biller: Okay, vielleicht müssen wir ein anderes Volk als Gegenbeispiel nehmen. Ich wollte eh auf etwas anderes hinaus: Die Deutschen haben ihre Traumata bis heute immer weitervererbt, das vergessen sie, verdrängen sie, was auch immer. Traumata schreiben sich aber ein, seelisch und, wie man inzwischen weiß, sogar genetisch. Deshalb ist es ja so wichtig, über Biografien zu sprechen, wie ich es in meinem Buch versuche. Das hilft, sich selbst zu verstehen, vielleicht sogar den einen oder anderen Defekt loszuwerden. Klingt schon wieder nach Freud, oder? Die Juden haben es mit ihren Biografien übrigens einfacher. Sie erinnern sich an ihre Vorfahren, an ihre Geschichte, das tun sie seit dem babylonischen Exil. Weil es über lange Zeit kein Land gab, das sie bewohnten, war die Erinnerung an die Vorfahren eben ihr Land. Die Deutschen haben ein Land, aber keine Erinnerung an ihre Vorfahren. Woran soll sich der Deutsche auch erinnern? An eine gewonnene Fußball-WM vielleicht.

ZEIT: Ist es eigentlich ein Problem, einerseits im Literarischen Quartett als Kritiker aufzutreten und andererseits selbst Literat zu sein?

Biller: Zwei Wochen Lampenfieber sind problematisch. Ansonsten ist es völlig egal.

ZEIT: Ist es nicht schade, dass Ihr Buch im Literarischen Quartett nicht besprochen werden kann?

Biller: Ich wundere mich überhaupt, dass Leute mit ihren Büchern im Literarischen Quartett vorkommen wollen. Dass wir alle vier ein Buch gut finden, kommt doch so gut wie nie vor.

ZEIT: Kommen wir zu Ihren Mitstreitern. Was würde Christine Westermann über Ihr Buch sagen?

Biller: Sie würde sagen: "Ich habe so viel gelacht. Viel mehr als in unserer Show."

ZEIT: Und Volker Weidermann?

Biller: "Ein Glück, dass es nicht so lang ist wie Knausgårds Mein Kampf."

ZEIT: Was würde Maxim Biller sagen?

Biller: Zu viele Juden.

Der Roman "Biografie" (Kiepenheuer & Witsch; 896 S., 29,99 €) erscheint am 8. April

Kinderbuch "Jack Happy" - Ein Kind, ein Hund, das Leben Eine wunderbares Buch von Maxim Biller: Der kleine Viktor neigt zum Petzen, weshalb seine Mitschüler ihn nicht mögen. Sein Hund Jack jedoch steht ihm mit Rat und Tat zur Seite.