Es ist im Spätsommer 2014, irgendwann zwischen 5 und 9 Uhr, als Uchenna van Capelleveen auf einem Paket sein Ebenbild entdeckt. Als Lagerist ist es sein Job, Pakete aus großen Containern auszuladen, ein paar Tausend am Tag und bis zu 50 Kilogramm schwer.

Ein Laster, zwei Laster, drei Laster, vier // Schweiß tropft, scheiß Job, kein Arbeitstier // Aber muss halt, Rücken ist kaputt und die Luft kalt // Hol’ die Miete rein, während ihr Korken im Club knallt // Ich war selbst mal so drauf // Doch mein Tag wird bestimmt durch das Geld, das ich brauch ("Loser", 2013)

Nun also ein besonders wuchtiges Paket. Der Blick von Uchenna van Capelleveen fällt auf das kleine Etikett, das außen auf der braunen Pappe klebt. Darauf sieht er ein Foto – von sich selbst.

Wenn Uchenna van Capelleveen nicht Pakete aus großen Containern auslädt, macht er unter dem Künstlernamen Megaloh Musik. Megaloh ist MC, MC steht für "Master of Ceremonies", oder einfach: Rapper. In dem Paket sind die Plakate für seine anstehende Deutschlandtournee.

Der Moment vor dem Container ist ein Zufall, der viel erzählt über das Musikgeschäft, dessen ökonomische Spielregeln sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert haben. Warum muss einer der besten Rapper Deutschlands in einem Lager arbeiten, um sich das Musikmachen leisten zu können? Bei Rap denkt man doch eher an Geldscheine, die wie Konfetti durch die Luft fliegen. An dicke Autos, Goldketten und Frauen, die kaum etwas anhaben.

2013 erschien Megalohs Album Endlich Unendlich, mit dem er es in die Top Ten der Hip-Hop-Charts schaffte. Kritiker feiern ihn seitdem als "Über-MC". Szenegrößen wie Samy Deluxe, Jan Delay, Afrob und Max Herre arbeiten mit ihm zusammen, Letzterer nannte Megaloh "einen der besten Lyriker des Landes". An diesem Freitag erscheint sein neues Album Regenmacher, und schon die erste Zeile im ersten Song macht klar, dass gute Kritik und viel Lob noch immer nicht genug Geld bringen.

Sie fragen mich, kann ich inzwischen von der Mucke leben? // Könnt mir noch immer um vier Uhr morgens im Bus begegnen ("Regenmacher", 2016)

Vergangene Woche Freitag, 4.15 Uhr. Megaloh hat bereits 70 Liegestützen im Badezimmer hinter sich, für die anstehende Tournee will er fit sein. Nun sitzt er in der S-Bahn, einmal quer durch Berlin, sein Weg zur Arbeit. Die wenigen, die mit ihm in der S-Bahn fahren, haben alle Mützen auf oder die Kapuze hochgezogen, so als ob sie den Tag von sich fernhalten wollten. Auch Megaloh trägt Kapuze. Seine Füße stecken in Arbeitsschuhen mit Stahlkappen, auf dem Schoß liegt ein kleiner Rucksack. Es sind Erkennungsmerkmale einer Schicksalsgemeinschaft, die jeden Morgen durch die Dunkelheit fährt.

Auf der Fahrt schläft Megaloh selten, mindestens zehn Stationen lang kümmert er sich um sein musikalisches Leben. Er muss E-Mails beantworten, in denen es um sein neues Album geht. Die Medien bitten um Interviews, Fans um Autogramme. Als er noch eine andere Strecke fuhr, durch die Party-Epizentren Berlins, konnte es passieren, dass Leute in die Stille des Abteils hinein seinen Namen riefen: "Megalooh!"

Die Digitalisierung der Musik hat einen neuen Künstlertyp hervorgebracht: Man ist berühmt, auf YouTube und Spotify werden die eigenen Lieder millionenfach angeklickt und gestreamt. "Trotzdem", sagt Benni Dernhoff, der als Produzent und Songwriter für Künstler wie Kris von Revolverheld oder Nico Suave gearbeitet hat, "bleibt für die Musiker am Ende häufig kaum etwas übrig. Die Kiddies kennen dich zwar, aber leben kannst du davon nicht."

Zeit ist Geld, Geld ist knapp // Geld fällt nach oben, also fällt nix ab ("Leben lieben lernen", 2013)

Peter Tschmuck von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien erklärt es so: Der Trend gehe nicht nur vom Physischen ins Digitale, sondern auch vom Download zum Streaming. Songs werden also immer seltener auf CD verkauft oder bei iTunes heruntergeladen. Stattdessen nutzen die Menschen Anbieter wie Spotify. Dort können sie gegen eine Abo-Gebühr fast alle Bands hören – die aber erhalten pro gespieltem Titel nur einen Cent-Betrag. Die Mathematik der Musik hat sich zu Ungunsten von Künstlern wie Megaloh verändert (siehe Kasten).

Um sich das Musikmachen leisten zu können, hat Megaloh im Supermarkt gejobbt, er hat Bühnen aufgebaut und Nachhilfe gegeben. Seit fünf Jahren arbeitet er als Lagerist, 14 Euro verdient er die Stunde. Anfangs machte er noch Doppelschichten, inzwischen, ein bescheidener Erfolg, ist es nur noch die Frühschicht von 5 bis 9 Uhr. Danach setzt er sich an den Laptop, um die Essenz seines Lebens in Reime zu fassen. An seinen 28 Urlaubstagen liegt Megaloh nicht am Strand, sondern steht auf der Bühne. Nachts schläft er selten mehr als vier Stunden.