In Zeiten des Brexit als Engländer im Ausland zu leben ist kein Zuckerschlecken. 87 Prozent aller Menschen, die einem begegnen, fragen, welche Position man in dieser Frage vertritt. Indoktriniert von ihren eigenen Facebook-Chroniken, sind diese Menschen offenbar überzeugt, dass Meinungen nur in zwei Varianten existieren: total dafür oder absolut dagegen.

Wenn ich meine Unsicherheit kundtue, ist der Frager enttäuscht. "Sie wissen aber schon, dass Sie nach einem Brexit ein Visum brauchen würden, um in Deutschland zu leben, oder?" – "Mhm", antworte ich. – "Fänden Sie das denn nicht lästig?" – "Doch, natürlich. Ich hasse Formulare, Umzüge und die Vorstellung, dass ich ausgewiesen werden könnte und wieder in einem Land leben müsste, das ich eigentlich nicht besonders mag." – "Warum engagieren Sie sich denn dann nicht aktiv dafür, dass England in Europa bleibt?" – "Ich bin eigentlich eher gegen einen Austritt, aber ich bin mir eben einfach nicht sicher, was für ein ganzes Land politisch und wirtschaftlich die beste Lösung wäre. Ich meine, ich kann ja noch nicht einmal einen Kuchen backen, ohne dass er mir anbrennt ..."

Das verdirbt meinem Gesprächspartner vollends die Laune. Was bilde ich mir eigentlich ein, dass ich mir herausnehme, mich in einer zunehmend schwarz-weißen Welt für grau zu entscheiden? Das ist zumindest mein Eindruck – dass wir in einer Ära der ständig zunehmenden Gewissheit leben.

Ich habe das Gefühl, dass die Welt einer riesigen und unfassbar komplizierten Maschine gleicht – der Demokratie 3000. Einer Maschine mit tausend nicht beschrifteten Hebeln. Und jeden Tag kommen neue Bedienelemente hinzu. Man zieht an einem Hebel, und es geschieht etwas – doch was, weiß man eben nicht. Vielleicht wird der Steuersatz um ein Prozent gesenkt. Also betätigt man noch ein paar Hebel. Hier und da leuchten Lämpchen auf. Musik erklingt. Kanye West wird erfunden. Man zieht an weiteren Hebeln. Eine neue Partei entsteht. Prostitution wird legalisiert. Das macht Spaß. Also noch ein paar Hebel mehr. Ups, versehentlich den Bankensektor dereguliert und einen Krieg gegen Papua-Neuguinea angefangen, der uns am Ende alle das Leben kostet. Well done!

Trotzdem habe ich, egal, wohin ich gehe oder in welchen sozialen Medien ich unterwegs bin, ständig das Gefühl, dass außer mir vor dieser Teufelsmaschine nur noch Menschen stehen, die der absoluten Überzeugung sind, den Mechanismus verstanden zu haben. Dass es ihnen irgendwie gelungen ist, die verzwickte und verschlungene Komplexität aller Dinge zu durchschauen und einen Zustand der absoluten Klarheit zu erlangen. Sie wissen genau, wer schuld ist. Und sie wissen genau, was zu tun und wer zu wählen ist. Diese Alleswisser werden auch Wutbürger genannt.

Kennen Sie den Politiker-Syllogismus? Er funktioniert in etwa so: Erstens, es muss etwas getan werden. Zweitens, das ist etwas. Drittens, folglich müssen wir das tun.

Der Politiker-Syllogismus hat seinen Ursprung in unserem Bedürfnis, als aktiv Handelnde wahrgenommen zu werden – selbst wenn das, was wir tun, nicht das Richtige ist. Ich glaube, dass sich diese zur Schau getragene Gewissheit auf etwas zurückführen lässt, das ich den Wutbürger-Syllogismus nenne. Er geht folgendermaßen: Erstens, jemand ist schuld. Zweitens, hier ist jemand. Drittens, folglich ist er schuld.

Dieser jemand lässt sich beliebig benennen – je nach Laune, Fantasie, politischer Ideologie oder einfach nur danach, wer gerade in der Nähe ist. Das können Immigranten wie ich sein, ein Bus voller Menschen, die vor einem Krieg geflohen sind, Politiker wie Angela Merkel oder eine geheime Spezies gestaltwandlerischer Eidechsen.

Letzten Endes aber ist es so, dass das politische Personal kommt und geht, Parteien kommen und gehen – ja, selbst Länder kommen und gehen. Wir aber bleiben. Welche Option für uns die richtige ist, darüber gibt es nun mal keine Gewissheit. Es gibt keine Handlungsanleitung, die uns Sicherheit bringt, damit wir uns endlich den für uns wichtigen Dingen des Lebens widmen können – Zeit mit der Familie verbringen, einen Kuchen backen oder die neue Staffel von Better Call Saul anschauen.

Wenn wir das akzeptieren, dann können wir nicht umhin, uns in die Lage jener zu versetzen, denen wir so gerne die Schuld in die Schuhe schieben. Sind die Menschen, die wir wählen, sicher, welche Hebel sie betätigen müssen? Was gibt ihnen die Sicherheit? Wirken sie wie Menschen, die ihre Meinung ändern würden, wenn man ihnen überzeugende Beweise liefert, dass sie im Unrecht sind? An welchen Hebeln ziehen eigentlich wir selbst – und haben wir eine Vorstellung davon, was sie bewirken? Der Literaturnobelpreisträger André Gide sagte einmal: "Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben."

Gewissheit ist letztlich die Wurzel des Terrors: Gewissheit über den einzig wahren Gott; Gewissheit über das Recht eines Landes, auf die Bodenschätze eines anderen zuzugreifen; Gewissheit über das Recht eines Menschen, einem anderen seinen Willen aufzuzwingen. Der gegenwärtige Krieg gegen Immigration und Flüchtlinge ist die jüngste beschämende Stufe in unserem dauerhaften (und hoffnungslosen) Krieg gegen unsere Angst vor dem Unbekannten. Darum, geschätzter Leser, möchte ich – als ein Mann, der nicht einmal einen Kuchen backen kann – ganz bescheiden einen Vorschlag äußern: Können wir bitte als nächsten Krieg einen Krieg gegen die Gewissheit führen? Er wäre nötig.

Adam Fletcher ist Brite und lebt in Berlin. Er schrieb den Bestseller "How to Be German in 50 Easy Steps"

Übersetzt aus dem Englischen von Christoph Bausum