Alle Schweigekartelle werden durch Angst zusammengehalten: Angst vor Gewalt, Angst vor Ausgrenzung, Angst vor Strafverfahren, Angst vor Imageverlust. Selbst wenn die Interessen der einzelnen Personen am Schweigen unterschiedlich sind, so zieht sich das Kartell aus Tätern und Mitwissern in einer Abwehrhaltung zusammen, die mehr schützen soll als diese selbst: eine ganze Institution. Deren Schweigen verbindet sich auf fatale Weise mit dem ganz anders gearteten Schweigen der Opfer.

Wer sexuellen Missbrauch erlitten hat, der schweigt aus Angst, Scham und manchmal auch aus Wut. Angst, für das Aussprechen der Wahrheit bestraft zu werden. Angst, als Lügner zu gelten und keine Hilfe zu finden. Angst, an dem Missbrauch "selber schuld" zu sein – eine irrige, aber wirksame Angst. Scham, die eigenen Verletzungen preiszugeben. Und ohnmächtige Wut auf die übermächtigen Täter, von denen das Opfer annimmt, das sie "sowieso nie" bestraft werden.

Leider war diese Annahme gerade im Fall der katholischen Kirche oft berechtigt – und ist es vielerorts noch. Denn hinter der Abwehrhaltung jener Bischöfe, die Priester-Täter durch Schweigen schützen, lauert eine Aggression, die jeden treffen kann, der sich der Angst nicht beugt. Daher ist die Angst so mächtig. Wie überwinden wir sie? Die Blackbox des Verschweigens kann nur von innen geöffnet werden. Jede Öffnung beginnt mit dem Sprechen der Opfer. Aber dann kommt es darauf an, ob sie Solidarität erfahren. Schon ihr Sprechen hat einen Anspruch auf Schutz – gegen die Gewalt, die auf das Opfer einstürzt, wenn es spricht.

Als Seelsorger und Schulleiter habe ich gelernt: Die Angst des Opfers, über sein Leid zu sprechen, ist fast immer begründet. Wer innerhalb der Kirche missbraucht wurde, fürchtet zu Recht das kirchliche Schweigekartell. Genau das macht das Aufbrechen des Kartells so schwer, so komplex selbst für die, die aufklären wollen – denn Aufklärung darf nicht auf Kosten der Opfer gehen. Meine Erfahrung besagt: Das Aufbrechen von Schweigekartellen ist eine Machtfrage. Eigentlich haben Institutionen und vor allem Kirchen den Sinn, die Schwachen vor den Starken zu schützen. Wenn aber Vertreter der Kirche sich selbst vor der Wahrheit schützen – aus Schwäche, aus Angst vor Imageverlust, aus falscher Loyalität –, dann schafft sich die Kirche als Interventionsmacht gegen die Gewalt selbst ab.

Mehr noch: Sie wird zur Mittäterin. Im schlimmsten Fall entsteht eine Sonderwelt, wo jedes Rechtsbewusstsein sich ins Gegenteil verkehrt: Gerade in kirchlichen Schweigekartellen herrscht die Überzeugung, die "draußen" seien das Problem. Institutioneller Narzissmus verbindet sich mit kollektivem Selbstmitleid: Täter und Verschweiger sehen sich als Opfer – und bestreiten den wahren Opfern ihr Opfersein. Hier wird die Macht der Institution total. Es sei denn, die Opfer sprechen dennoch und finden Gehör außerhalb der Blackbox. Die draußen haben zwei verpflichtende Aufgaben: die Aufdeckung der Gewalt und den Schutz der Opfer.

Der deutsche Jesuit Klaus Mertes, 61, machte im Jahr 2010 den systematischen Missbrauch von Schülern durch Priester öffentlich