Es gab Zeiten in Europa, in denen Dichter wie informelle Botschafter von einem anderen Planeten wahrgenommen wurden und Lyrik-Übersetzer sich als "Fährmänner" verstanden, die Gedanken und Gefühle über den trennenden Fluss auf die andere Seite hinübersetzten. So verstand auch Karl Dedecius seine Rolle – ein polnischer Deutscher oder deutscher Pole, 1921 im multikulturellen Łódź in eine deutsche Familie geboren, 1939 polnischer Abiturient, 1943 deutscher Soldat in Stalingrad. In der Gefangenschaft lernte er russische Lyrik, was gelegentlich auch die Herzen seiner russischen Bewacher erweichte. 1950 in die DDR entlassen, wechselte er bald nach Westdeutschland über, wo er nach langen Bemühungen Unterschlupf bei der Allianz fand und in freien Stunden polnische Lyrik übersetzte – aus einer Sprache also, die im Deutschland der fünfziger Jahre mit allem anderen als mit Dichtern und Denkern assoziiert wurde.

Dennoch wurde bereits sein erstes Bändchen Lektion der Stille 1959 zum Geheimtipp. Seine Übersetzung der Unfrisierten Gedanken, der Aphorismen von Stanisław Jerzy Lec, schlug wie eine Bombe ein. Über 300.000 Exemplare wurden verkauft. Es folgten weitere Übersetzungen polnischer Lyrik, Różewicz, Herbert, Miłosz, Szymborska. Schon Anfang der sechziger Jahre war Karl Dedecius eine Institution. Wir polnischen Germanisten im düsteren Leipzig kopierten in der Deutschen Bücherei seine Übersetzungen, um sie in der Katholischen Studentengemeinde unseren verdutzten Kommilitonen als "polnische Denkart" vorzutragen. Auch die Schwedische Akademie hat wohl Gedichte von Czesław Miłosz, Jossif Brodski und Wisława Szymborska über den "Fährmann" näher kennengelernt.

Für uns junge Polen war er "unser" Pan Karol. Er sprach ein wunderbares Polnisch, er atmete die polnische Literatur und Mentalität. Seine Nachdichtungen aber gehörten der deutschen Lyrik an. Heinrich Olschowsky, in Schlesien geboren, in Polen aufgewachsen und in der DDR zum Professor für Polonistik berufen, wies darauf 1990 in seiner Laudatio auf Dedecius als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels hin.

Karl Dedecius’ Sprachgefühl und seine verwickelte Biografie hatten in den sechziger Jahren einen Resonanzboden in der "neuen deutschen Ostpolitik": in der Einsicht, dass man mit dem nicht nur insgeheim verachteten Nachbarn im Osten auskommen muss, weil er bei Gott mehr als nur eine sprachlose "geschichtliche Verfügungsmasse" ist. Die Gedichte, die Dedecius verdeutschte, die Filme, die Andrzej Wajda drehte, die Musik, die Krzysztof Penderecki komponierte, verblüfften durch eine Geschichtserfahrung, die keineswegs von einem fremden Planeten stammte. Sie waren durchaus ein Teil der deutschen Erfahrung. Der Lyriker und Dramatiker Tadeusz Rożewicz schrieb 1988 in einem veröffentlichten Brief an Karl Dedecius: Nachdem der beim Turmbau zu Babel erboste Gott den Menschen die Sprache verwirrt hatte, wurde ein Kind namens Karl geboren. Es übersetzte so lange das Wirre in verständliche Sprache, bis die beiden Völker ihre Literaturen und einander lieb gewannen. Wie dem auch sei: Sie dürfen nicht wieder den Geifernden verfallen.

Der Publizist Adam Krzemiński arbeitet für die polnische Wochenzeitung "Polityka"