Im roten Frühstücksraum des Savoy Hotels, Westberlin. Halb neun morgens. Nikolaus Blome, 52, stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der Bild- Zeitung (von 2013 bis 2015 hatte er ein Intermezzo beim Spiegel): Er gilt als der Gute und Kultivierte in der bösen, beinharten Welt des Boulevards. Interessant ist doch, dass sich eine Boulevardzeitung, die naturgemäß von Emotionen, Zuspitzung und Krawall lebt, so eine abwägende, seriöse, vernunftbegabte Stimme leistet. In der Talkshow Augstein und Blome gibt er den konservativ-liberalen Counterpart, sein Journalistenkollege Jakob Augstein ist der Linke (ein bissl peinlich an der wirklich toll lebendigen Fernsehshow ist, dass beide, Augstein und Blome, so unfassbar clean und gut aussehen).

Spiegeleier mit Speck. Seine ausgesprochen eloquente und ausgeschlafene Erscheinung. Blome trägt preppy style (rosa Hemd, dunkelgrünes Jackett), den Stil der höheren Söhne in den Elite-Unis und Sportclubs an der amerikanischen Ostküste in den sechziger Jahren. Vom Politikchef der Bild- Zeitung will man den ganz großen Befund hören: In Deutschland herrscht, trotz niedriger Arbeitslosigkeit, eine fast panische, endzeitige 1920er-Jahre-Stimmung. Spinnen wir alle, oder sind das wirklich so krisenhafte Zeiten?

Man kann ihm vorher sagen, wie lange er antworten soll. Jetzt bitte eine 20-Sekunden-Antwort, gerne. Das seien krisenhafte Zeiten, da die Europäische Union nicht mehr funktioniere. Europa lasse sich derzeit nicht von Deutschland führen. Aber: "Ich sehe nicht, dass die Mitte der Gesellschaft von Hysterie infiziert ist. Die Mitte erweist sich als ähnlich stabil, wie sie 2008/2009 durch die Wirtschafts- und Finanzkrise gekommen ist. An den Rändern der Gesellschaft, ja, da wird es wild." Sprung zum 13. März: Wird sich das Land verändern, wenn am Wahlabend in Baden-Württemberg der Balken der AfD über den der SPD steigt? "Dann wird sich die SPD verändern." Nachsatz: "Zwölf Prozent AfD sind nichts, was ich mir wünsche, aber auch kein Weltuntergang. Dafür ist unsere Demokratie stark genug, dass sie ab und zu selbst eine widerliche Partei neu reinlässt und auch wieder ausscheidet."

Und gleich noch mal von der hohen Politik ablenken, noch eine Style-Beobachtung: Er trägt einen goldenen Bandring mit Smaragd und zwei Brillanten. Die Manschetten seines Hemdes sind an den Rändern leicht aufgeribbelt – das ist der Trick von Woody Allen, dem berühmteste Aufgeribbelte-Manschetten-Träger, eine Abgrenzung des Bürgertums und alten Gelds gegen die Neureichen (wir wissen, was sich gehört, nehmen es damit aber nicht so genau). Frage an den vornehmen Frühstücker: Was sagt er zu dem ungeheuerlichen Gerücht, dass er aus gutem Hause kommt? "Das stimmt. Ich hatte ein gutes Zuhause."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Empört es ihn, dass es mit der AfD eine Kraft gibt, die böser, härter, skrupelloser, populistischer ist, als es die Bild- Zeitung je war? Gelächter. Dann das adäquat ernste Gesicht: "Ich glaube nicht, dass die Bild- Zeitung jemals wirklich skrupellos war und böse." Blome vergleicht seine Zeitung mit dem Fernsehen: "Wir haben Ernstes und Gehaltvolles, aber auch Leichtes und Unterhaltsames im Programm." Kann man für die Ausländerfeinde von Clausnitz und Bautzen eine Zeitung machen? Gegenfrage: "Können die lesen? Ich glaube nicht."

Er soll jetzt noch seinen klassischen Helden des Boulevards nennen: Baby Schimmerlos? Michael Graeter? Erich Kästner? Er spricht lieber, geschenkt, vom Bild- Kolumnisten Franz Josef Wagner. Es geht dann noch um die Frage, ob Karl-Theodor zu Guttenberg in die Politik zurückkehre sollte. Um neun Uhr wird es Zeit, die Tageszeitung zu machen.

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