Kein Zweifel: Selten kamen bei einer Oscar-Verleihung so viele politische Themen zur Sprache. Gleich zu Beginn gelang es Chris Rock, dem schwarzen Gastgeber der 88. Academy Awards, auf coole Weise Stellung zu beziehen zu der Debatte über die Vernachlässigung schwarzer Künstler bei den Nominierungen. Mit einer genialen Begrüßung brachte er sein Leitmotiv des Abends auf den Punkt: "Welcome to the White People’s Choice Awards!" Es war eine Meisterleistung, wie Rock mit satirischer Subversion den Bogen schlug von den Lynchmorden an Schwarzen im vergangenen Jahrhundert bis zur amerikanischen Polizeigewalt von heute: "Black lives matter."

Chris Rock setzte den Ton, und die politische Oscar-Nacht ging weiter. Die Reden drehten sich um die Verschleierung des sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche (Thema des Siegerfilms Spotlight), um den Klimawandel, um unterdrückte indigene Völker, um kapitalistische Gier. Es ging um pakistanische Ehrenmorde, um die Rechte von Homosexuellen und Transgender-Menschen. Der US-Vizepräsident Joe Biden moderierte als Vertreter einer Kampagne gegen sexuelle Gewalt einen Showact von Lady Gaga. Sie präsentierte ihren Song Til It Happens to You, geschrieben für den Dokumentarfilm The Hunting Ground über Vergewaltigungen an amerikanischen Universitäten. Zu den Schlussakkorden traten drei Dutzend Opfer auf die Bühne und fassten sich und die Sängerin an den Händen.

Aber war es wirklich eine besonders politische Oscar-Verleihung? Oder hat die reflexhafte Vereinnahmung eines Filmpreises durch politische Appelle auch etwas Steriles, Austauschbares? Wäre heute noch ein Auftritt wie der von James Cameron möglich, der 1998 mit dem Oscar für Titanic in der Hand schrie: "Ich bin der König der Welt!"? Oder die kürzeste Rede überhaupt, 1968 gehalten von Alfred Hitchcock: "Danke vielmals!" Irgendwann jedenfalls sehnte man sich während dieser Academy Awards nach jemandem, der seinen Eltern, dem lieben Gott und seinem Regisseur gedankt hätte.

Vielleicht sollte man diese Entwicklung einfach dialektisch sehen. Das amerikanische Showbiz gibt sich auf geradezu rührende Weise seriös, weil die amerikanische Politik gänzlich zum Showbiz, zum Zirkus, zur Arena verkommen ist. Und die Oscar-Verleihung, eigentlich globaler Inbegriff des Entertainments, wird zum politischen Symposium, während auf der politischen Bühne der USA ein Trash-Western mit Donald Trump in der Hauptrolle gedreht wird.