Gefährdetes Weltkulturerbe: die Ruinen der römisch-griechischen Tempelstadt Palmyra © reuters

Verloren sind der Säulenwald, die Tempel, Tore und Gräbertürme. Verschwunden ist aber auch die Demut. Wer einst nach Palmyra reiste, ins ferne Syrien, für den schien die Gegenwart zu schrumpfen. Wie klein, wie unbedeutend das eigene Leben wurde, wenn man hinaustrat ins Wüstenlicht und sah, was zwei Jahrtausende zurückgelassen hatten. Ein Ruinenfeld, aus dem vereinzelt die Monumente wuchsen, würdevoll und ungemein verletzlich. Just in ihrer Vergänglichkeit war die Zeit wie stillgestellt.

Im vorigen Sommer dann war Schluss mit Stillstand. Terroristen machten nieder, was doch bleiben wollte, und ihre Attacken erschienen gerade deshalb besonders perfide, weil sie sich an dem vergriffen, was ohnehin halb in Trümmern lag. An archaischen Bauwerken, die uns, gebrechlich wie sie waren, verblüffend nahestanden. Natürlich wollten die Sprengmeister des "Islamischen Staats" davon nichts wissen. In ihrem Wahn der Stärke zerstörten sie Skulpturen, Säulen, Türme und mit ihnen alle Demutsgefühle. Leider auch die vieler westlicher Beobachter.

Eine erstaunliche Kampfeslust greift hier neuerdings um sich, noch die besonnensten Forscher halten wütende Plädoyers, denn natürlich, da müssten wir uns einig sein, dürfe der Terror nicht das letzte Wort behalten, man müsse dem Nihilismus etwas entgegensetzen, ganz dringend und sofort. Selbst die kleine und eigentlich sehr stille Ausstellung, die vorige Woche im Wallraf-Richartz-Museum in Köln eröffnet wurde, geriet gleich zu einem Forum dieser erregten Debatte. Palmyra müsse wiedererstehen! Ganz gleich, wie totalitär und geschichtsverachtend der IS auch sei, wir setzen uns zur Wehr. Modernste Technik wird den Wahn besiegen!

So in etwa klingen die Appelle, die Horst Bredekamp vorträgt, ein bekannter Kunsthistoriker, der in seinem Kölner Katalogbeitrag für eine "kämpferische Reproduktion" eintritt und am liebsten wohl Bodentruppen schickte, um dieses "Manifest des Widerstands" gleich an Ort und Stelle aufzurichten. Ähnlich plädiert auch der Archäologe Hermann Parzinger, der die Stiftung Preußischer Kulturbesitz leitet, für eine möglichst rasche Rekonstruktion. Wenn er in dieser Woche nach Köln kommt, um wuchtig für ein neues Palmyra zu streiten, dürfte das vielen Zuhörern einleuchtend vorkommen. Mit dem allerdings, was das Museum zeigt, hat es wenig zu tun. Die Kunst erzählt auf sanfte Weise von einer anderen Wahrheit.

Die herrlichsten Blätter sind hier versammelt, Handskizzen und detailreiche Studien, die sich dem französischen Zeichner Louis-François Cassas verdanken. Am Ende des 18. Jahrhunderts war er nach Syrien aufgebrochen, um die antiken Schätze, von denen so viel zu hören war, die aber nur wenige je gesehen hatten, für alle Welt zu erschließen. Damals eine weite und gefährliche Unternehmung, denn in der Wüste lauerten Diebe und hatten schon so manche Expedition ausgelöscht. Cassas wagte es trotzdem, zu verlockend schien ihm dieser Sehnsuchtsort, der einst mit Pfeffer und Weihrauch, mit Elfenbein und kostbaren Tuchen reich geworden war und die wunderbarsten Bauwerke hervorbrachte, dann aber, mit dem Ende des römischen Imperiums, in Vergessenheit geriet. Auch wenn schon andere Künstler vor ihm in Palmyra gewesen waren, durfte sich Cassas als Entdecker fühlen. Das heimische Publikum würde es ihm danken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Ein umfangreiches Mappenwerk sollte entstehen, so vollständig, so detailreich wie möglich. Denn mehr noch als für exotische Reize interessierte man sich in Frankreich für Präzision. Vor allem die Bauherren und ihre Architekten wollten sich inspirieren lassen, sie suchten nach Vorlagen, um ihren Klassizismus weiter zu verfeinern. Genau das sollte Cassas ihnen liefern.

Bei manchen der großen Blätter, die in Köln zu sehen sind (bis zum 8. Mai), meint man fast ein kataloghaft baufertiges Angebot vor sich zu haben. So feingliedrig, so gegenwärtig ist das, was Cassas ins Bild setzte. Auf mögliche Unstimmigkeiten verzichtete er lieber, schließlich verlangten seine Kunden nicht nur Präzision, sondern auch Perfektion. Wo Kapitelle bröckelten oder Skulpturen der Kopf fehlte, ergänzte und retuschierte Cassas nach Kräften. Seine Antike ist klassischer als klassisch. Aus zotteligen Löwenköpfen machte er bärtige Männerhäupter, aus Palmyras Theater einen pantheongleichen Rundbau.

Diesen schönen Lügen, verführerisch in ihrer Mischung aus Empirie und Imagination, blieb Cassas auch in seinen Panoramabildern treu, die auf ein weites Echo trafen, bei Goethe, Hölderlin und vielen anderen Antikenschwärmern. Sie alle ließen sich von Palmyra begeistern, von den halb verwitterten Ruinen, die eben weit mehr sind als nur historische Zeugnisse. Sie beleben unsere Einbildungskraft, wie der Kurator der Kölner Ausstellung, Thomas Ketelsen, in seinem Katalogbeitrag aufzeigt – und werden gerade so, als Grundsteine der Fantasie, wichtig und wertvoll.

Auch heute, da sich mit digitaler Technik alles noch viel präziser dokumentieren lässt, bewahren die Projektionen ihren Reiz, wie sich aktuell bei dem Historiker Paul Veyne nachlesen lässt (Palmyra – Requiem für eine Stadt, C. H. Beck). Er singt das Lied der Multikulturalität, denn für die Palmyrer habe sich alles mit allem vertragen: aramäische Prägung, hellenistischer Stil, römische Mode. "Sie waren stolz darauf, echte Römer geworden zu sein, und blieben doch sie selbst." Selbst- und Fremdbestimmung schienen kein Gegensatz zu sein.

Auch wenn es stimmt, dass viele der Bauten und Skulpturen auf hybride Weise vereinen, was eigentlich getrennt lag, wirkt doch Veyne wie ein moderner Cassas: Er lässt sich inspirieren, er baut aus Ruinen seinen Traum der Gegenwart.

Tatsächlich wäre die Architekturgeschichte ohne die Sehnsuchtsbilder aus der Wüste anders verlaufen. Schon im späten Barock wird Palmyra zur Chiffre einer wahren, besseren Welt, und der internationale Klassizismus, ob in Wörlitz, Petersburg oder London, erfuhr einen ungeahnten Schub. In diesen Bauten lebt Palmyra weiter, auch wenn es die meisten nicht ahnen.

Was aber passiert, wenn man eine Ruine, von der Zeit gezeichnet, neu erstellen möchte? Dann verliert sie, was sie kostbar macht: ihre Verletztheit. Dann öffnet sie nicht länger den Hallraum der Imagination, sondern erweist sich als Tat unserer Zeit. Dann wird sie, man kann es nicht anders sagen, ein zweites Mal zerstört.

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