Bodo Ramelow hat den Papst besucht – und sogar aus Rom ein Klein-Thüringen gemacht

Als sich zwei Thüringer Ministerpräsidenten, ein gewesener und ein amtierender, auf einer Römer Hotelterrasse gegenüber dem Petersdom begegnen – weil sie zufällig beide an diesem Tag einen Termin bei einem Papst haben, der eine beim gewesenen und der andere beim amtierenden –, da reibt man sich dann die Augen und denkt: Dieses Drama-Bundesland! In Erfurt geht es politisch schon länger zu wie in einer Regionalversion von House of Cards . Jetzt exportieren die ihre Krimis also tatsächlich bis an die Grenzen des Vatikans, vor prallste Petersdom-Kulissen. Mit Bodo Ramelow, dem König des politischen Krimis, an der Spitze der Bewegung.

Aber von vorn: Ramelow, Thüringens linker Ministerpräsident, ist ein Herzenschrist – und gleichzeitig einer, der seinen Glauben geschickt zu Politik macht. Eine Romreise, eine Audienz beim Papst, das ist für ihn die perfekte Verbindung. Am vergangenen Mittwoch also – Landung in Rom. Und man denkt noch: Vor der heiligen ewigen Stadt, vorm Tor des Vatikans, da sieht ein Thüringer Regierungschef sicher ziemlich klein aus.

Doch dann flackert am Flughafen das Blaulicht. Steht da schon die Wagenkolonne, warten Motorrad-Polizisten: Bodos großer Auftritt! Und los geht es mit schwingender Kelle und röhrendem Motor, auf dem Weg in die City braust Ramelows Reisetrupp mit Affenzahn durch Rom. Ständig auf der Gegenspur, doppelt überm Tempolimit – Stoßgebete allüberall in des Regierungschefs Entourage. Römer, aufgepasst! Erfurt ist da! Diese Stadt wird erobert, in kürzester Zeit!

Sollte es nicht um den Papst gehen? Ja. Aber erst am nächsten Morgen. Am Abend noch bereitet Ramelow einen Schmuggel besonderer Art vor. Der Altenburger Senffabrik hat er versprochen, den Papst mit Thüringer Schärfe zu beschenken. Ist nur verboten, Lebensmittel darf man dem Papst nicht überbringen. Also hat Ramelow einen befreundeten Priester, den er lange kennt und der im Vatikan Dienst tut, zum Senftransport engagiert. Tatsache: Der Schmuggel gelingt. Nachts überquert das Würzmittel die Grenze aufs Gebiet des Vatikans. Stunden nach dem Senf, am Morgen, macht sich auch Ramelow nebst kleiner Delegation vom Hotel aus auf den Weg. Aber kaum ist er weg, im Vatikan eingetroffen, meldet die Katholische Nachrichten-Agentur: "Franziskus hat seine Audienzen am Donnerstag wegen einer Fieber-Erkrankung abgesagt." Läuft plötzlich alles schief? Welcher Krimischreiber denkt sich so was aus?

Zumal es noch dicker kommt. Ramelow ist noch nicht zurück von seiner ausgefallenen Audienz, da betritt ein Ministerpräsident Ramelows Hotel – eben Premier a. D. Dieter Althaus, Ramelows Vorvorgänger. Er habe, sagt Althaus der staunenden Presse, einen Termin hier. Dass Ramelow in Rom sei, davon wisse er nichts!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 11 vom 3.3.2016.

Als Ramelow zurückkommt, noch ganz betrübt vom Papst-Ungemach, nimmt ihn der Regierungssprecher zur Seite. Sagt: "Dieter Althaus steht oben auf der Dachterrasse." Ramelow entgleitet kurz die Mimik. Keinen Papst gesehen, dafür den Schwarzen aus dem Eichsfeld? Aber Ramelow, Polit-Profi, fängt sich. Grinst. "Der Dieter!", ruft er, eilt ins Hotel, nimmt den Fahrstuhl, geht auf die Dachterrasse – begrüßt Althaus, als hätte er sich seit Wochen schon auf diese Begegnung gefreut.

Es stellt sich heraus, dass Althaus am Nachmittag noch selbst mit dem Papst verabredet ist, dem Papst-Emeritus Benedikt. Dass auch der Eichsfelder Landrat, der Teil von Ramelows Franziskus-Delegation ist, noch am Benedikt-Besuch teilhaben werde. Oh, du wildes Thüringen, und zwei Päpste mittendrin. Schlagzeile der Thüringer Allgemeinen am nächsten Tag: Ramelow trifft Althaus statt Papst. Am letzten Reisetag klappt es mit Ramelows Audienz bei Franziskus übrigens doch. Er habe das Gefühl gehabt, dass sich zwei Herzen berühren, sagt er danach, ergriffen. Für die Pressekonferenz hat er einen Tisch so vor der Hotel-Dachterrasse aufbauen lassen, dass direkt hinter ihm der Petersdom thront. Für die Fernsehzuschauer in Thüringen muss es aussehen, als regiere ihr Premier jetzt auch im Vatikan.

Von Martin Machowecz