Drei Ärzte sind für dieses Gespräch zusammengekommen, um – anonym und umso offener – über eines der größten Volksleiden des Landes zu sprechen: Rückenschmerzen. Drei Disziplinen, verschiedene Mentalitäten, ein Problem, das sie alle betrifft: überflüssige Operationen an der Wirbelsäule.

85 Prozent der Deutschen leiden mindestens einmal im Leben unter Rückenschmerzen. Obgleich es eine enorme Auswahl an Therapieangeboten gibt, ist die Pein verantwortlich für die meisten Krankentage, gehen fast am häufigsten Patienten mit Rückenleiden in den Vorruhestand. Die Zahl der Wirbelsäulenoperationen hat sich hierzulande binnen weniger Jahre mehr als verdoppelt. Dabei helfen die Eingriffe vielen Menschen nicht: Oft sind die Patienten nicht zufrieden mit dem Ergebnis und leiden weiter unter erheblichen Schmerzen. Ein Gespräch über Ängste und falsche Anreize, die Grenzen der Technik und die Macht des eigenen Willens.

ZEIT Doctor: Manche Ihrer Kollegen sagen, 40 Prozent der Wirbelsäulenoperationen seien überflüssig. Wo sehen Sie die Ursachen für den dramatischen Zuwachs an Eingriffen?

Psychosomatikerin: Der Fokus liegt zu sehr auf der schmerzenden Stelle am Rücken. Da schauen alle hin, machen Bilder und kommen dann zu einer Diagnose. Aber das reicht nicht. Auf den Bildern sehen wir zwar degenerative Veränderungen oder Bandscheibenvorfälle. Aber das, was wir sehen, sagt nichts darüber aus, ob der Patient Schmerzen hat. Man zieht die falschen Schlüsse.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Orthopäde: Wir Ärzte sind an der Misere mit schuld. Der Radiologie sagt zum Patienten: "Sie haben eine Bandscheibenvorwölbung, es ist doch völlig klar, dass da Ihr Kreuzschmerz herkommt." Der hat aber überhaupt keine Ahnung, und das ist der erste Schubser in die Misere.

Psychosomatikerin: Psychische und vor allem soziale Faktoren für Rückenschmerz werden noch immer viel zu wenig berücksichtigt. Diese biomechanische Vorstellung, dass der Schmerz an Muskeln, Bändern und Knochen entsteht, die man dann einfach wegschneiden kann, ist der Untergang vieler Schmerzpatienten.

ZEIT Doctor: Wenn auch psychische oder soziale Probleme dahinterstecken, warum wird dann geschnitten?

Chirurg: Die Eingriffe nehmen auch deshalb zu, weil wir heute schonender operieren und mehr machen können. Viele Eingriffe am Rücken sind technisch unkompliziert und überschaubar, man entfernt ein bisschen Bandscheibengewebe, erweitert einen Nervenkanal oder versteift ein, zwei Wirbelsäulensegmente. Das haben sich viele Ärzte angeeignet, es ist vermeintlich schnell gemacht und weitverbreitet. Die Gefahr ist sehr groß, dass den Patienten das zu früh angeboten wird. Sicher werden sehr viele Menschen operiert, denen eine Stabilisierung und Stärkung der Muskulatur genauso gut, wenn nicht sogar besser geholfen hätte. Und da ist noch ein zweites Risiko: Über den Erfolg der Operation entscheidet die richtige Indikation – nicht die Fähigkeit des Chirurgen. Bei einer richtigen Indikation wird das Ergebnis gut, bei einer schlechten wird es schlecht.

ZEIT Doctor: Wenn also die Entscheidung für einen Eingriff falsch ist oder zu früh fällt, kann jemand noch so gut operieren, es kommt nichts Gutes dabei raus?

Chirurg: Genau. Die Erwartung der Ärzte an diese Verfahren ist viel zu hoch.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Orthopäde: Ich möchte die Patienten gerne mit in die Verantwortung nehmen, die sind auch sehr flott dabei und sagen: "Dann schneiden die mir mal schnell meinen Kreuzschmerz heraus, und alles ist gut." Ich sage: Kreuzschmerzen braucht man nicht zu operieren.

ZEIT Doctor: Eine klare Ansage.

Orthopäde: Kreuzschmerz, insbesondere der chronische, ist fast nie ein körperliches Problem. Zur Klarstellung: Wir reden nicht über Beinschmerz oder eine anhaltend schwere Lähmung im Bein, sondern über Kreuzschmerz. Da gibt es für mich nur sehr wenige Indikationen für eine Operation. Alles andere kriegt man so in den Griff, wenn man in Ruhe mit dem Patienten spricht, realistische Ziele definiert und sich genug Zeit gibt. Wir Ärzte müssen heute aber viel mehr begründen und erklären. Ich spüre viel Unverständnis, Misstrauen. Ich könnte mir vorstellen, dass das bei den Operateuren noch viel häufiger so ist.