Sachsens Ministerpräsident Tillich zusammen mit seinem Stellvertreter Dulig nach ihrem Besuch der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau im Sommer 2015 © Axel Schmidt/Reuters

DIE ZEIT: Herr Dulig, kann man in diesen Zeiten noch stolz auf Sachsen sein?

Martin Dulig: Dies ist eher die Zeit der Demut. Den Sachsen wurde jahrelang eingeredet, sie seien etwas Besseres, sie müssten sich nicht politisch engagieren, die CDU regele alles für sie. Diese Art von Sachsen-Chauvinismus hat dazu beigetragen, dass wir jetzt solche Probleme haben.

ZEIT: Der Fraktionschef Ihres CDU-Koalitionspartners, Frank Kupfer, sagte am Montag im Landtag, er sei stolz auf Sachsen und lasse sich das von niemandem schlechtreden.

Dulig: Jeder kann stolz sein auf was auch immer – am besten auf seine eigenen Leistungen. Ich persönlich kann mit Kollektivstolz nicht viel anfangen, zumal wir in unserem Land bisweilen einen übertriebenen Sachsenstolz erleben.

ZEIT: Und das selbst jetzt, da Sachsen bundesweit in der Kritik steht. Was muss sich nun ändern?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Dulig: Wer nicht verstanden hat, dass wir die Politik in Sachsen jetzt fundamental umkrempeln müssen, dem ist wirklich nicht zu helfen. Dies ist ein Wendepunkt. Rassismus ist unser größtes Problem – und die größte Zukunftsbarriere, das sagen Unternehmer, das sagen die Hochschulen, das spürt man täglich.

ZEIT: Sachsen gilt dieser Tage als das schrecklichste Bundesland der Republik. Und viele sagen: zu Recht. Sehen Sie das auch so?

Dulig: Einige Sachsen haben dieses Image leider erschaffen. Ich werde nicht woanders die Schuld suchen, kämpfe aber sehr um die Differenzierung. Man kann zurzeit auch alles falsch machen. Es ist weder hilfreich, das Rassismusproblem zu leugnen, noch Sachsen zum komplett braunen Land zu erklären. Beides wird der Situation nicht gerecht.

ZEIT: Was macht Sie sicher, dass wir einen Wendepunkt erleben?

Sachsen - Sachsens Innenminister nennt grölende Demonstranten “zutiefst beschämend” Rund 100 Demonstranten haben am Donnerstagabend in Clausnitz versucht, die Ankunft von Flüchtlingen in einer Unterkunft zu verhindern. Das Video auf einer fremdenfeindlichen Facebook-Seite ist inzwischen nicht mehr abrufbar.

Dulig: Zumindest in der Politik der Landesregierung gibt es eine Wende. Wir wollen mehr Sozialarbeiter einstellen, mehr Polizisten, wir schnüren ein Integrationspaket. Das wird nicht sofort helfen, und ich kann nicht völlig ausschließen, dass es morgen, übermorgen oder am Wochenende weitere Übergriffe geben wird. Aber umso dringender ist es, jetzt ordentlich zu investieren, keinen falschen Sparkurs mehr zu verfolgen. Sonst wird aus dem entstandenen Schaden ein irreparabler.

ZEIT:Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) will mehr Geld für Polizei und politische Bildung. Reicht das?

Dulig: Wir haben nicht nur ein quantitatives Problem bei der Polizei, sondern auch ein qualitatives. Natürlich: Unsere Polizisten kommen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, sie arbeiten viel, wir müssen ihnen den Respekt entgegenbringen, den sie verdienen – etwa durch die auch vom Verfassungsgericht geforderte Wiedereinführung der von CDU und FDP gestrichenen Jahresprämie. Aber manchmal habe ich den Eindruck: Es gibt in der Polizei großen Nachholbedarf bei der interkulturellen Kompetenz – und bei der Führungskultur. Wenn von Bühnen herab Volksverhetzendes gerufen wird, warum stellt die Polizei dort nicht Personalien fest? Ich frage mich außerdem, ob die Sympathien für Pegida und die AfD innerhalb der sächsischen Polizei größer sind als im Bevölkerungsdurchschnitt. Unsere Polizisten sind die Vertreter unseres Staates. Als Dienstherr dürfen wir erwarten, dass sie die Grundelemente politischer Bildung verinnerlicht haben.