Warmes Wasser, das so gerade nicht zu heiß ist, verwandelt eine doppelte Dosis "Arzneibad Eukalyptus" in eine schaumige Herrlichkeit mit leichtem Grünstich. Ich setze mich hinein. In die Badewanne, zum zweiten Mal am selben Tag. Einem Werktag. Es wäre Wellness, würde mein Hals nicht brennen und jedes Schlucken mit einem klebenden Schmerz bestrafen, wäre mein Kopf nicht kleinen, dumpfen Schlägen aus seinem Inneren ausgesetzt. Dazu Gliederschmerzen, ich bin so richtig erkältet. Erkältung – die gefühlt häufigste und objektiv banalste aller Krankheiten diktiert uns manchmal Bettruhe. Aber meistens glauben wir: Mit ein, zwei Ibuprofen muss das doch wegzudrücken sein! Wenigstens tagsüber, bis dieser besonders wichtige Termin durchgestanden ist! Ich trinke auch extra einen Smoothie in der Kantine ... – wer kennt solche inneren Monologe nicht?

Die Erkältung ist eine Opt-in-Krankheit: Man kann sie annehmen oder ablehnen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin verlieh dieser vermuteten Empirie Gewissheit, als sie vor drei Jahren vermeldete, dass jeder zweite Angestellte in Deutschland krank zur Arbeit gehe. An dieser Statistik habe auch ich meinen Anteil. Obwohl ich es natürlich besser weiß. Der Einzelne leidet. Und den Arbeitgeber kostet die ganze Unvernunft mehr als ein paar Tage Krankschreibung, weil beim Trotzdemarbeiter das Risiko für längere Ausfälle steigt und er womöglich die Kollegen ansteckt. Die beste Prävention für alle: daheim zu bleiben. So viel zum gesunden Egoismus aus Volkswirtschaftsperspektive.

Vor allem aber – und damit sind wir wieder bei meiner Badewanne – lässt sich der Malaise individuell durchaus Positives abgewinnen. Man muss sich nur auf sie einlassen. Dann räumt sie uns ein, zwei oder drei Tage frei (so lange halten in den allermeisten Verläufen die starken Symptome an). Eine Zeit voller Niesen, Schneuzen und Ächzen zwar, aber eben auch eine ganz für uns.

Also doch ein bisschen Wellness? Das lässt sich überhaupt nur reinen Gewissens schreiben, weil die Erkältung meist so harmlos ist. Unter all den schlechten und schrecklichen Krankheiten ist sie eine ganz gute. Sofern man zu keiner Risikogruppe gehört, kann einem nicht viel passieren: Man stirbt nicht daran, und in der Regel verschwindet sie von selbst wieder. Meist ist nicht mal ein Arztbesuch nötig. Mehr als 200 verschiedene Virenarten können Erkältungen verursachen. Einen Erwachsenen erwischt es im Schnitt zwischen zwei und vier Mal im Jahr. Und das summiert sich. Schier unglaublich klingt die Addition, nach der ein typischer Mensch zwei bis drei Lebensjahre mit Erkältungssymptomen verbringt.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Wenigstens ein paar dieser Tage sollten wir als Einladung verstehen: Bleib im Bett, soll die Welt sich mal alleine drehen! Dies ist die Gelegenheit für eine sozial akzeptierte Auszeit. Mein Arzt sagte einmal zu mir, für die Hälfte aller Patienten, die ihn konsultierten, sei die beste Therapieempfehlung ohnehin "aktives Zuwarten", in diesem Fall: Abwarten – und immer schön Tee trinken.

Ja, alleine der Tee! Klassiker Pfefferminze oder lieber ein Trendgetränk der Sorte Ingwer-Zitronengras? Honigsüße Hustenbonbons für den Hals, Dinkelwärmekissen gegen das Ziehen im Rücken? Und dann noch japanisches Minzöl auf die pochenden Schläfen? Wann, wenn nicht jetzt, haben wir einen Freibrief zur hemmungslosen Selbstmedikation mit all den Hausmittelchen, die wir im Lauf des Lebens ans Herz gelegt bekommen: ausgiebiges Gurgeln mit Kamillenextrakt (eigentlich ganz lecker) oder mit lauwarmem Salbeitee (Pfui! Aber wenn’s hilft ...). Außerdem heiße Zitrone und natürlich Hühnerbrühe. Am ersten Krankheitstag noch ein puristisches klares Süppchen, schwimmen schon bald Sternnudeln darin, ein aufgeschlagenes Ei und eine Handvoll grüner Erbsen – es geht bergauf.

Doch dauert die Erkältung nun, wie der naseweise Spruch es behauptet, "eine Woche oder sieben Tage"? Oder lässt sie sich aktiv verkürzen? Dem kalten Blick der medizinischen Statistik können viele populäre Mittelchen nicht standhalten. So urteilen die strengen Studien-Vergleicher der Cochrane Collaboration: Die Belege dafür, dass Präparate aus Sonnenhut (Echinacea) eine Erkältung schneller abklingen lassen, seien bestenfalls unklar. Und Vitamin C verkürzt die Erkrankung höchstens bei regelmäßiger Einnahme – und das auch nur möglicherweise.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Physiologisch betrachtet mag es also ziemlich egal sein, was wir trinken und schlucken und anwenden. Aus psychologischer Sicht handelt es sich um lauter wohltuende Rituale. Mir eröffnen sie eine Zeitreise. Schon beim Geruch scharfen Erkältungsbalsams, einer klebrigen Melange aus Menthol und Eukalyptus, fühle ich mich zurückversetzt in meine Kindheit. Sobald mir dieser Duft in die Nase steigt, spüre ich förmlich, wie meine Mutter mir dick die Brust einrieb, mich warm einpackte, mit ihrem Handrücken über meine Wangen strich und mir schließlich die Stirn küsste – Behaglichkeit pur.

Was für ein Glück es doch ist, sich genau im richtigen Zeitalter zu erkälten! Mussten sich die alten Ägypter ihre Nasen mit Dattelsaft spülen, die Griechen zerstoßene Senfkörner schnupfen und die Niesenden in der frühen Neuzeit noch Deftiges einnehmen: zerstoßenen Storchenkot in Honigwasser etwa oder gar den eigenen Urin. Aberglaube? Gewiss, wir sind ja so viel schlauer. Aber eine ursächliche Therapie, die Husten- und Schnupfen-Viren ausmerzt, gibt es bis heute nicht. Nur die Symptome können wir lindern. Immerhin dafür gibt es wirksame Strategien: Nasenduschen mit Salzwasser lassen die Schleimhäute abschwellen, sodass die Nebenhöhlen weniger schnell verstopfen. Dicke, weiche Kissen im Rücken, für einen etwas höher liegenden Oberkörper mildern Hustenreiz; und ein warmer Kartoffelwickel auf der Brust beruhigt die Bronchien. Ach ja, Ruhe und Wärme. Psychologen kennen den Effekt eines warmen Getränks: Sobald wir eines in der Hand halten, sehen wir die Welt und unsere Mitmenschen positiver. Und wer schluckt, sei es nun beim Trinken oder Bonbonlutschen, kann nicht gleichzeitig husten, so hat es die Natur eingerichtet.

Da erscheint sogar der Gedanke an eine große, bauchige Tasse Thymiantee auf einmal verlockend. Vor allem, wenn man an ihr nippt, während auf dem Tablet die x-te Folge einer Netflix-Serie läuft. Und wie herrlich lang ist ein Tag im Bett oder auf dem Sofa erst, wenn man zwischen den Nickerchen und dem Dösen einfach nur den Tagträumen nachhängt, die sonst im Alltag nie zu ihrem Recht kommen.

Schwieriger wird es natürlich, einer Erkältung den nötigen Raum zu gewähren, sobald Kinder im Haus leben. Unpassenderweise erhöhen gerade sie die Wahrscheinlichkeit einer Infektion drastisch: Erkältungsforscher (die gibt’s!) sehen Kleinkinder als primäres Reservoir, als Basisstation von Erkältungsviren. Die Jüngsten erwischt es ungleich häufiger als Erwachsene, meist sieben bis zehn Mal jährlich. Und an wen reichen sie ihre Erreger weiter? Genau.

Fällt dann ein Elternteil erkältet aus, bleibt dem anderen die doppelte Arbeit. Sie oder er ermöglicht dem Partner erst die behagliche Krankness. An dieser Stelle muss das schwärmerische Lob der Erkältung enden – mit dem ernsten Hinweis, dass sie erst dann wirklich auskuriert ist, wenn der Genesene der Pflegenden Blumen schenkt.