Ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten Film: "Spotlight" © Paramount

Bevor der Film einen Oscar bekam, wurde ich gefragt: Gibt es etwas, was Sie darin vermissen? Eine wahre Begebenheit, die nicht vorkommt, aber sich in Ihr Gedächtnis eingebrannt hat? Ich bekenne, es gibt eine Szene, die im Film fehlt. Der Zorn, den ich damals empfand, wird noch lange brauchen, um zu verlöschen.

Es geschah am 4. November 2002, bei einer Rede der Harvard-Professorin Mary Ann Glendon. Die Juristin sagte auf einer Konferenz vor Katholiken: "Ein Pulitzerpreis für die Reporter vom Boston Globe wäre wie ein Friedensnobelpreis für Osama bin Laden." Damit machte Glendon unsere monatelange Recherche über sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester nieder. Ich war damals Chefredakteur des Boston Globe und hatte unser Investigativteam massiv gedrängt, die Vertuschung einer ganzen Serie von Missbrauchsfällen in der Erzdiözese Boston aufzudecken. Das gelang den Kollegen auch, und wir bekamen dafür einen Pulitzerpreis für den Dienst an der Öffentlichkeit. Der Angriff der Professorin ging also ins Leere, aber er sagte viel über jene Unkultur der Verleugnung und Vertuschung, die die ganze katholische Kirche vergiftete – lange bevor wir begannen zu recherchieren und auch noch lange danach.

Unsere Recherche wurde vor 14 Jahren im Boston Globe gedruckt. Später machten Thomas McCarthy und Josh Singer darüber einen Film, der den Namen unseres Investigativteams trägt: Spotlight. Er handelt von einem Missbrauchsskandal, der letztlich weltweiten Ausmaßes ist. Bis heute ist die katholische Kirche in Erklärungsnot, warum sie schwere Untaten im großen Maßstab vertuschte – und ob die seither angestrengten Reformen ausreichend sind.

Ja, dass Spotlight jetzt einen großen Preis gewonnen hat, freut mich. Ich stehe in der Schuld all derer, die in diesem ergreifenden Film zeigen, wie guter Journalismus funktioniert und warum wir ihn weiterhin brauchen. Aber es gibt noch einen anderen Lohn unserer Arbeit.

Der wahre Lohn besteht in der möglichen Wirkung des Films: Künftige Zeitungsbesitzer, Herausgeber und Chefredakteure könnten sich wieder der investigativen Recherche verpflichtet fühlen. Eine misstrauische Öffentlichkeit könnte erkennen, dass wir immer noch eine starke Presse brauchen. Wir alle könnten mehr Bereitschaft zeigen, jenen Menschen zuzuhören, die keine Macht und keine Stimme haben – vor allem den Opfern von Missbrauch.

Kino - "Spotlight" (Trailer)

Mir persönlich hat die Verfilmung von Spotlight schon jetzt einen unerwarteten Sieg beschert. In E-Mails, Tweets und Facebook-Posts berichten mir Kollegen, sie fühlten sich in ihrer Arbeit bestärkt. Einer schrieb: "Eure Enthüllungsgeschichte ist eine wunderbare Mahnung, warum wir einst Journalisten werden wollten und warum wir trotz allem noch dabei sind." Ein Reporter einer überregionalen Zeitung erzählte mir, er habe seine ganze Familie in den Film geschleppt: "Plötzlich finden meine Kinder ihren Vater cool." In Kalifornien mietete ein Verleger ein Kino, um der Belegschaft seiner Zeitung den Film vorzuführen. Ein anderer Verleger versprach mir auf Facebook: "Ihr Spotlight-Team gibt mir neuen Auftrieb, nach Geschäftsmodellen zu suchen, mit denen wir auch künftig solche kritische Arbeit finanzieren."

Natürlich befreit solches Lob uns nicht von dem Druck, der auf unserer Arbeit lastet. Im Gespräch mit den Missbrauchsopfern spürten wir ihn besonders schmerzlich. Die Wahrheit ist: Meine ersten Monate als Chefredakteur beim Boston Globe waren schwer. Ich hatte in der ganzen Zeitung nur zwei entfernte Bekannte. Außerdem wusste ich, dass vier erfahrene Kollegen den Job abgelehnt hatten, den ich nun bekam. Ich wollte ein Erneuerer sein, aber erst mal war ich ein Außenseiter.

Vielleicht hat mir das geholfen, den mächtigsten Kirchenmann Bostons anzugreifen. Im Film bietet mir Kardinal Bernard Law seine Freundschaft an, und ich ziehe es vor, unabhängig zu bleiben. Später wurde Law als der Verantwortliche für die Vertuschung der Missbrauchsverbrechen seines Amtes enthoben. Noch so eine Frage wird mir deshalb jetzt dauernd gestellt, und ich will sie beantworten: Ja, Kardinal Law schenkte mir den Katechismus, ehe ich seine Residenz verließ. Das Buch im Film ist dasselbe Buch, das er mir damals überreichte. Ansonsten wurde die Filmszene etwas ausgeschmückt. Hauptsächlich redeten wir beide um den heißen Brei herum und versuchten, das eigentliche Thema zu vermeiden: die bereits laufenden Recherchen des Globe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Spotlight ist ein Spielfilm, keine Dokumentation. Aber er gibt getreu, wenn auch in Kurzform wieder, wie sich unsere Recherche bei Opfern, Tätern, Täteranwälten und Vertuschern entfaltete. Wir erhofften uns nicht viel, als wir der Verfilmung zustimmten, meine Kollegen Walter Robinson, Michael Rezendes, Sasha Pfeiffer, Matt Carroll, Ben Bradley jr. und ich. Wir dachten nur, die Geschichte sei es wert, erzählt zu werden. Was mein eigenes Porträt betrifft, so will ich mich nicht beschweren, schon weil der geniale Liev Schreiber mich spielt. Trotzdem habe ich mich gefreut, als eine Freundin auf ein paar meiner nebensächlichen Qualitäten hinwies, die im Film fehlen: "Martys Figur schafft es im ganzen Film kaum einmal zu lächeln. Im echten Leben gibt er aber stets ein dankbares Publikum für Witze ab."

Wie gesagt, mein Anfang beim Globe war einsam. Ich wusste nicht, was sie im Newsroom über mich sprachen. Und dass es interne Widerstände gegen die Missbrauchsrecherche gab, obwohl sie mir so wichtig war, erfuhr ich erst aus dem Film.

Was bleibt? Die Arbeit des Globe hat sich allen Anfeindungen zum Trotz als fair und korrekt herausgestellt. Und als überfällig. Die Jury des Pulitzerpreises bestätigte uns 2003 Mut, die systematische Geheimhaltung des Missbrauchs durchbrochen zu haben – und so die katholische Kirche verändert.

Später bekam ich einen Brief von Pater Thomas P. Doyle, der in Amerika lange einen einsamen Kampf für die Missbrauchsopfer führte. Er schrieb: "Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester und die Vertuschung waren das Schlimmste, was in der katholischen Kirche seit Jahrhunderten passiert ist. Männer der Kirche verletzten jene, die sie beschützen sollten. Kinder wurden betrogen. Ihre Familien wurden betrogen. Die Öffentlichkeit wurde betrogen.

Dieser Albtraum wäre immer weitergegangen – ohne Sie und Ihre Mannschaft. Als einer, der seit Jahren um Gerechtigkeit für die Opfer und Überlebenden kämpft, will ich Ihnen mit jeder Faser meines Seins danken. Ich versichere Ihnen: Was Sie für die Opfer, die Kirche und die Gesellschaft getan haben, ist kaum zu ermessen. Die Folgen werden noch lange Widerhall finden."

Pater Doyles Brief lag auf meinem Schreibtisch beim Boston Globe, bis ich vor drei Jahren zur Washington Post wechselte. Er erinnerte mich daran, warum ich Journalist wurde und bleibe. Damals gab es noch keinen Film, keinen Oscar. Aber ich fühlte mich durch diesen Brief belohnt. So ein Lohn reicht für ein Leben.

Aus dem Englischen von Evelyn Finger