Mitarbeiter eines Start-Ups in Ludwigsburg ©dpa/Wolfram Kastl

Niklas Zennström hat auf einer Weltkarte akribisch die seltenen Fabelwesen der Wirtschaftswelt verzeichnet. Jene jungen Technologiefirmen, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind und im Sprachgebrauch von Start-up-Finanzierern Einhörner heißen. Mehr als die Hälfte der rund 240 Einhörner, die seit 2003 das Licht der Welt erblickt haben, tummeln sich in Nordamerika, besonders im Silicon Valley. Doch Europa holt auf: Inzwischen kommen 40 dieser Milliarden-Dollar-Unternehmen vom hiesigen Kontinent, hat Zennström festgestellt. "Das sollten wir feiern", findet der Chef des Wagnisfinanzierers Atomico.

Macht Europa nun den USA ernsthaft Konkurrenz? Aktuelle Zahlen legen das nahe. Laut dem Start-up-Barometer der Beratungsgesellschaft EY sind die Investitionen in junge Unternehmen in Europa im Jahr 2015 um etwa die Hälfte gegenüber dem Vorjahr gestiegen, auf insgesamt 11,8 Milliarden Euro. Der Studie zufolge floss davon fast jeder vierte Euro in deutsche Unternehmen und etwa jeder sechste in Unternehmen aus Berlin, was die Stadt an der Spree vor London und Paris zu "Europas Start-up-Hauptstadt" mache, so die Autoren der Studie.

Dass Europa aufholt, hat verschiedene Gründe. Ein wichtiger ist, dass erfolgreiche Gründer ihr Vermögen an die Einhörnchen in ihrer Heimat verfüttern, in der Hoffnung, dass daraus bald Einhörner werden. Ein weiterer ist, dass die Welt verflacht. So formuliert das Christian Leybold vom Risikokapitalgeber Eventures. Während Internetunternehmen früher auf regionale Märkte angewiesen waren, können sie heute schnell weltweit expandieren – etwa, wenn sie Apps für Smartphones anbieten. Zugleich können sie günstig Dienste aus aller Welt nutzen, die sie früher teuer regional einkaufen mussten. Außerdem seien die europäischen Firmen günstiger bewertet als die amerikanischen.

Europas Gründerszene hilft auch mit, dass verschiedene Landesverbände nun einen europäischen Start-up-Verband gründen: Das European Startup Network soll sich in Brüssel für eine gründerfreundlichere Politik starkmachen. Wie viel auf diesem Feld zu tun ist, zeigt eine aktuelle Studie. Sie vergleicht die Start-up-Szene in zwölf EU-Ländern und Israel. Dabei zeigt sich: Jungunternehmer in Deutschland sind vergleichsweise unzufrieden damit, wie die Bundesregierung sie unterstützt, ihre Belange versteht. Am zufriedensten sind Gründer in den Niederlanden und Israel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Was Studien wie diese aber auch beleuchten: wie intensiv der Wettbewerb um junge Technologiefirmen inzwischen ist. Kürzlich pries eine Analyse London als Standort für Finanztechnologiefirmen und wies darauf hin, dass einige deutsche Fintechs ihr Geschäft an die Themse verlagert hätten. Zeitgleich warb die britische Wirtschaftsförderung auf dem Portal deutsche-startups.de für London als place to be. Und auch Vertreter aus Hamburg, München und Berlin streiten immer wieder öffentlich, wer die besten Bedingungen für Gründer bietet; der Bundesverband Deutsche Startups vergleicht die Städte Jahr für Jahr in allen Details.

Dieser Wettbewerb mag schmerzhaft sein. Aber: Wenn Köln sieht, was Berlin bietet, und Berlin staunt, was in London passiert, und man in ganz Europa die Entwicklungen im Silicon Valley verfolgt, dann strengen sich alle mehr an. Das ist gut, wenn morgen noch viel mehr Einhörnchen und Einhörner auf dem Kontinent grasen sollen.