Gründer arbeiten in einem Coworking-Space in Berlin. © Alina Novopashina/dpa

Als der israelische Theaterregisseur Michael Ronen 2012 von Tel Aviv wieder nach Berlin zog, tat er das nicht nur, um hier, in einer der Theatermetropolen Europas, Stücke zu inszenieren. Auch dass seine Schwester Yael Ronen ebenfalls in Berlin lebt und Regie führt, hätte nicht ausgereicht, ihn zurückzulocken. Michael Ronen kehrte vor allem nach Berlin zurück, weil er hier ein Start-up gründen wollte. In Tel Aviv hatte er zuvor einen Kurs für digitales Unternehmertum an der Tel Aviv University belegt. "Mich beschäftigte immer mehr die Frage, wie das Internet auch ein Werkzeug dessen sein könnte, was ich im Theater mache – für Erzählformen und Geschichten", sagt Ronen. Er sitzt in typischer Start-up-Uniform – Jeans, bunte Sneakers – im Maxim Gorki Theater. Dort inszeniert Ronen und hat im zweiten Stock eines der Gebäude das Hauptquartier seines Internet-Start-ups Splash errichtet.

Ronen startete das Unternehmen mit zwei deutschen Partnern, der eine studierter Philosoph, der andere Spezialist für künstliche Intelligenz. Sie entwickelten die App Splash, mit der Nutzer 360-Grad-Videos aufnehmen können, um virtuelle Umgebungen zu erzeugen: Man setzt sich eine Datenbrille auf und fühlt sich wie auf dem Alexanderplatz. "Splash eignet sich für immersiven Journalismus ebenso wie für Kurzfilme auf Demonstrationen oder auf Rock-Konzerten", sagt Ronen.

Ronen hat bereits European Pioneers überzeugt, bei Splash zu investieren – European Pioneers ist der sogenannte Accelarator der EU-Kommission, mit dem die Europäische Union Start-ups Flügel verleihen will. Nun sucht Ronen auch im Silicon Valley nach Geldgebern – und wirbt dabei stark mit dem Standort: "Wir argumentieren bei Investoren immer, dass Berlin billiger ist und dass sie davon profitieren werden."

Ronen entschied sich, Splash in Berlin aufzubauen, obwohl Tel Aviv eine lebendige Start-up-Szene hat. Die israelische Metropole wird gerne als "Silicon Wadi" bezeichnet, in Anlehnung an das kalifornische Vorbild Silicon Valley. Doch auch für die deutsche Hauptstadt hat sich bereits ein Ehrentitel etabliert: "Silicon Allee". Die beiden Spitznamen sind natürlich Marketing, aber sie zeigen auch die Ambitionen, mit denen Gründer in den beiden Städten unterwegs sind. Und sie signalisieren, dass der Kampf darum, wer die führende Start-up-Metropole außerhalb der USA ist, voll entbrannt ist: Wadi versus Allee. Wenn sich junge Gründer wie Michael Ronen nun für Berlin statt für Tel Aviv entscheiden – zeigt das dann bereits, dass Silicon Allee mittlerweile das bessere Ökosystem für Start-ups ist als Silicon Wadi?

In den vergangenen Jahren rangierte Tel Aviv noch auf Platz 2 der Technik-Hochburgen in aller Welt. Im Compass-Ranking rutschte die Stadt 2015 auf Platz 5 ab, auch wenn sie immer noch Spitzenreiter außerhalb der USA war. Berlin liegt dort auf Platz 9. Doch blickt man auf den Wachstumsfaktor, den Indikator, der Neugründungen und Investitionen bündelt, kommt Berlin auf 10 von 10 möglichen Punkten. Tel Aviv schafft nur noch 2,9.

Tel Aviv war im Laufe der 1990er Jahre zum Hightech-Wunder geworden. Einige der erfolgreichsten IT-Firmen weltweit sind dort entstanden: Check Point etwa, das Start-up für digitale Sicherheit, das die Firewall erfand. Oder die Navigations-App Waze, für die Google 2013 mehr als eine Milliarde Dollar hinlegte. Die Gründer dieser Erfolgsfirmen sind in Israel nationale Berühmtheiten. Einhörner werden sie genannt, wie im Silicon Valley. Sie platzierten Tel Aviv auf der Weltkarte der Digitaltechnik, als Berlin gerade erst die neuen Möglichkeiten entdeckte.

Als Grund für den Erfolg der israelischen Hightech-Industrie gilt die Ausbildung, die viele ihrer Gründer in der israelischen Armee bekamen. In geheimen Spezialeinheiten erhielten sie das Wissen, das sie dann im zivilen Leben sofort einsetzten – und sich in die Unternehmensgründung stürzten.

Diese Arbeitswut steht ganz im Gegensatz zum entspannten Eindruck, den Tel Aviv auf seine Besucher macht: mit seinem kilometerlangen Stadtstrand, dem guten Wetter, den vielen Clubs. Hinsichtlich ihrer Work-Life-Balance schneiden die Bewohner der Stadt allerdings schlecht ab. Während man in Berlin im Schnitt pro Jahr 1769 Stunden arbeitet, sind es in Tel Aviv 2038 – sechs Stunden mehr pro Arbeitswoche.

Berlin gilt daher im Ausland als sehr relaxed. Die niedrigen Lebenshaltungskosten drosseln das Tempo, mit dem Miete und Essen verdient werden müssen, die Konkurrenz zwischen den Start-ups um Mitarbeiter und Investoren scheint Gründern wie Michael Ronen geringer zu sein als in Tel Aviv.

Bislang sind die Deutschen in der IT-Welt vor allem bekannt dafür, im E-Commerce erfolgreich zu sein – sie verkaufen maßgeschneiderte Müslis oder versenden Schuhe. "Alles wird digitalisiert, und man findet immer ein deutsches Start-up, das die passende App liefert", sagt der Israeli Eran Davidson, der mehrere Investitionsfonds in Berlin gegründet hat. Auf dem kleinen israelischen Markt würde niemand in solche Firmen investieren. Aber bei einem Markt von 80 Millionen Menschen, sagt Davidson, winke ein großes Geschäft.