Thomas Ludwig stellt große Fragen und hat noch größere Probleme. Ludwig will wissen, wie das Wasser auf die Erde kam, woraus unsere Atemluft besteht und wie sich unsere Erde geformt hat. Deshalb ringt der Heidelberger Geowissenschaftler mit den Molekülen und den Äonen. Auch gegen die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH kämpft er. Denn der Nahverkehrsbetrieb will das Straßenbahnnetz weiter ausbauen. Und zwischen der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, und der Chance auf eine Antwort darauf steht seit einer Weile der Plan für eine neue Tramlinie. Die soll einmal quer über den naturwissenschaftlichen Campus der Universität Heidelberg führen.

Der Grund für Ludwigs Sorgen befindet sich im Keller des Instituts für Geowissenschaften und wiegt mehrere Tonnen. Mächtige Stahlrohre, Platten und Schrauben fügen sich zu einer silbrig glänzenden Maschine, einer Ionensonde. Wuchtig wirkt diese, doch für Ludwig ist sie ein zartes Schätzchen. Als das Monstrum einmal unerwartet "klick" macht, schreckt der Forscher, ein Mann von bärenhafter Statur, hoch. "Was macht ihr da? Ihr könnt doch nicht einfach die Vakuumpumpe anschmeißen", raunzt er die Kollegen an. Bei der Ionensonde hört der Spaß auf.

Mikrometergenau kann die Maschine Gesteinsproben mit Ionen beschießen und herausfinden, woraus diese bestehen. Mit der wuchtig-zarten Maschine will Ludwig seine großen Fragen beantworten. Allerdings kann nicht nur ein falscher Knopfdruck der Sonde schaden. Auch kleinste Erschütterungen bringen sie aus dem Tritt. Ganze Messreihen sind im Eimer, wenn nur der Boden zittert, ein magnetisches Feld entsteht – Spuren von Chaos, wie sie nun einmal auftauchen würden, sobald eine Straßenbahn 70 Meter entfernt vom Labor über die Gleise rattert.

So stehen sie sich in der Universitätsstadt Heidelberg in einer Lokalposse gegenüber: hier der örtliche Verkehrsbetrieb und die Bürger, die eine neue Tramtrasse wollen; dort Wissenschaftler um Ludwig, die sich um allerlei zarte Instrumente wie Ionensonden und Elektronenmikroskope sorgen und damit um die Grundlage ihrer Forschung.

Es ist eine Krux: Während wissenschaftliche Geräte präziser und empfindlicher werden, wächst auch das Hintergrundrauschen unseres Alltags. Vergangenes Jahr machte die Meldung die Runde, dass amerikanische Astronomen sich über Rasenmäherroboter beschwerten. Weil die Funksteuerung der Maschinen ihre Radioteleskope störe.

In Deutschland kommen sich Forscher und Städtebauer nicht zum ersten Mal ins Gehege. Auch Freiburg plante eine neue Straßenbahnlinie entlang einiger Universitätsgebäude. Auch hier hätten Elektronenmikroskope unter dem Tramrumpeln gelitten. Dort allerdings einigten sich Stadt und Hochschule darauf, durch ein spezielles Gleisbett und eine unterirdische Stromführung die Störungen zu minimieren. In Heidelberg fehlt von solchen Kompromissen bislang jede Spur.

Eine andere Streckenführung, einen Elektrobus habe man vorgeschlagen, erklärt der Rektor der Universität, Bernhard Eitel. "Wir haben sogar zur Besichtigung und Diskussion mit Schnittchen eingeladen", ergänzt Ludwig. Auf ihre Gesprächsangebote, gar auf Kompromisse sei nicht eingegangen worden, erklären beide Wissenschaftler übereinstimmend. Die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH äußerte sich auf Anfrage lieber nicht. Nun liegt der Streit inzwischen vor dem Richter. Die Lage scheint, nun ja, verfahren.

Die Antwort darauf, wie wichtig in Heidelberg Ludwigs große Fragen sind, muss nun von auswärts kommen. Am Mittwoch kommender Woche entscheidet der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim darüber, wer in Heidelberg die Vorfahrt bekommt, Neugier oder Nahverkehr.