Abendkleider wie Raumanzüge, so sah der "space look" von Modedesignern wie André Courrèges aus, das ist nun ein halbes Jahrhundert her. Damals wähnte sich der Zeitgeist unseres Teils der Welt auf der Reise in eine Zukunft mit fliegenden Autos, kostenloser Atomenergie und glücklicher Existenz auf Mondfarmen. Das Kommende war ein immerwährendes Weihnachtsfest: lauter neue Sachen.

Heute ist es kaum noch möglich, über die einstigen Zukunftsfantasien ohne wehmütiges, ironisches Lächeln zu sprechen. An ihre Stelle ist, in den Worten des Schriftstellers Romaric Sangars, eine Art "Zukunftsnostalgie" getreten. Der 39-Jährige hat Anfang des Jahres in der nouvelle revue française einen bemerkenswerten Essay über den Übergang "von voluntaristischer Euphorie zum technischen Fatalismus" geschrieben: Früher habe die Zukunft uns strahlend angelacht, heute werde sie uns "von einer autonomen technischen Entwicklung aufgezwungen". An die Stelle all der zauberhaften Dinge, die uns eines Tages umgeben sollten, sei die Aussicht auf totale Abhängigkeit von der Technik getreten.

Zwar ließe sich gegen diesen Befund einiges einwenden. Etwa dass es auch damals Zweifler am Fortschritt gab. Und existieren nicht heute noch Scharen unbeirrter Optimisten? Gewiss, aber die Mehrheitsverhältnisse haben sich umgekehrt. Mag die Technik auch fröhlich blinken und surren, die Gedanken tun es nicht. Wenigstens sieht das aus europäischer Perspektive so aus. Kalifornien, das Epizentrum des Technikoptimismus, liegt eben fernab von hier, nicht nur geografisch.

Ein weiterer Einwand lautet: Deutschland könne man nicht als technikpessimistisch bezeichnen, schließlich sei es das Land der Energiewende. Daran ist richtig, dass die Wende technischen Optimismus voraussetzt. Politisch und psychologisch ist sie jedoch die Abkehr von einer technischen Utopie. Dort, wo sie ihrerseits Zustimmung zu Großtechnik (Windparks! Stromtrassen!) verlangt, stößt auch sie auf Ablehnung.

Die Beliebtheit von Elektronikmärkten wäre erst recht kein schlüssiges Argument gegen die These, dass die Zeit der technischen Glücksverheißungen abgelaufen sei. Wir statten unsere Umgebung zwar mit immer neuen Dingelchen aus. Aber wir entdecken keine neuen Welten, wir schwimmen im Konsumstrom mit. Und demnächst hocken wir Melancholiker der einstigen Zukunft in sogenannten Autos, die uns umsorgen werden wie eine Gouvernante, oder in Smart Homes, die uns umhüllen werden wie eine Gebärmutter. An die Stelle unbegrenzter Möglichkeiten tritt umfassende Betreuung. Einst progressiv, werden wir regressiv.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Man würde das alles gerne besser begreifen. Doch während wir über die gegenständliche Welt vieles wissen und über den Menschen einiges, ist das Verhältnis von Menschen und Sachen erheblich unklarer. Auch weil die Techniksoziologie und die Technikgeschichte, welche sich mit diesem Verhältnis befassen, nicht im Hauptgebäude der Wissenschaft residieren, sondern an den entferntesten Enden der Seitenflügel ihr Dasein fristen. Das ist merkwürdig. Schließlich befinden wir Menschen uns in Beziehungsnetzen, die durch Sachen vermittelt sind. Sachen, die bedient werden wollen und ihrerseits Handlungen auslösen, schon vom frühen Morgen an: der Wecker, die Nachttischlampe, das Radio, die Dusche, womöglich die elektrische Zahnbürste – vom Handy oder vom Computer ganz zu schweigen.

Die Netze aus Menschen und Dingen haben sich auf atemberaubende Weise verändert. Um das zu verstehen, hilft der Begriff der Immersion; er kommt von immersio, dem Eintauchen. Vor der Epoche des Werkzeuggebrauchs lebten unsere Vorfahren im Zustand totalen Eingetauchtseins. Sie waren der Natur unterworfen. Nehmen wir als Beispiel das schnelle Laufen, dessen ursprüngliche Form wohl das Weglaufen war: Unser Urahn flitzte barfuß über die Savanne und spürte jeden Stein. Nichts schob sich zwischen ihn und die Natur.

Der nächste Schritt erfolgte in Sandalen. Als einige Primaten damit begannen, die Natur zu manipulieren, mit Feuer, Jagdspeeren, Steinwerkzeugen, wurden sie zwar nicht von ihr unabhängig, aber immerhin autonomer. Die Menschen arbeiteten sich mithilfe der Technik aus ihrer ursprünglichen Immersion heraus. Bald trugen die Menschen feste Schuhe und konnten in ihnen schneller und weiter laufen als zuvor.

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