Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Treffen in Ankara am 8. Februar © Yasin Bulbul/Presidential Palace/Handout/Reuters

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Wie so oft im Leben passiert auch in der Weltpolitik gerade etwas eigentlich Richtiges und Notwendiges zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Die Flüchtlinge haben ein Land wieder in den Fokus europäischer Politik gerückt, das diese seit Jahren wie ein ungeliebtes Stiefkind behandelt hat: die Türkei.

Da ist eine andere, eine neue Situation entstanden, vielleicht kann man sie historisch nennen. Denn Europa braucht den ewigen, ungeliebten Kandidaten jetzt dringend. Ausgerechnet in einem Moment, in dem die Regierung von Staatspräsident Tayyip Erdoğan zunehmend autoritärer agiert, muss die EU sie näher an sich binden. Ja, sie muss sich eine starke und stabile Türkei wünschen und an die Chance glauben, dass dieser auf den ersten Blick so prekäre Moment sich irgendwann doch als der richtige für die Annäherung erweisen wird.

Lange haben die Europäer es sich bequem gemacht: Die Türkei war doch die Nachbarin Syriens. Die Flüchtlinge, der Krieg, das waren ihre Probleme. Vorbei – seit die Flüchtlinge über das Meer und den Balkan nach Europa kommen.

Flüchtlingskrise - Merkel über den Schutz der europäischen Außengrenzen Bundeskanzlerin Merkel sagt am Montag auf einer CDU-Wahlveranstaltung im baden-württembergischen Weingarten, dass alle EU-Staaten sich darüber einig sind, dass die Außengrenzen geschützt werden sollen.

Jetzt haben viele den Blick geradegerückt: Zwischen Syrien und der EU liegt nur die Türkei. Angela Merkel hat das erkannt. Die Flüchtlingsfrage ist inzwischen so entscheidend, dass man sagen kann: Eine gute Vereinbarung mit der Türkei beim EU-Gipfel am kommenden Montag ist genauso wichtig für die Bundeskanzlerin wie die drei Landtagswahlen. Wenn nicht wichtiger.

Ausgerechnet Angela Merkel, ausgerechnet die Türkei. Doch die Geschichte der türkischen Westbindung hat eine lange Vorgeschichte, reich an unerwiderter Liebe.

Soldaten ja, Bürger nein

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Die Türkei wurde nie ernsthaft als zukünftiges EU-Mitglied, aber immer als zuverlässiger Nato-Partner betrachtet. Aus dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die noch junge Republik heraushalten können. Aber als sich nach Kriegsende die Weltpolitik neu ausrichtete, suchte und fand sich die Türkei schnell auf der Seite des Westens und der USA wieder – und gegen die Sowjetunion.

Die Republikgründer waren fest entschlossen, sich einzureihen in die Riege der westlichen Staaten. Staatsgründer Kemal Atatürk hatte die Devise ausgegeben, das Land möge gen Westen schauen und sich aus "der Region" (so nennen die Türken den Nahen und Mittleren Osten) bis auf Weiteres heraushalten. Der Osten, das war die Vergangenheit des niedergegangenen Osmanischen Reichs; der Westen, das war die Zukunft einer neuen, modernen Türkei. Man folgte nach Ende des Weltkrieges den USA fast bedingungslos. Die Leitlinie der Atatürkschen Außenpolitik lautete: "Yurtta sulh, cihanda sulh!" ("Frieden in der Heimat, Frieden auf der Welt").

So reibungslos wie der Beitritt zur Nato gestaltete sich die Beziehung zur EU nicht. Der Traum von der Mitgliedschaft begann 1963 mit dem Assoziierungsabkommen. Für die Türken folgte eine Geschichte voller Demütigungen. Der erste Antrag auf Mitgliedschaft wurde 1989 abgelehnt, 1999 entschied die EU sich um und eröffnete die Beitrittsverhandlungen. Der nächste Dämpfer folgte 2009, seitdem blockiert das junge EU-Mitglied Zypern, mit dessen griechischem Teil die Türkei seit Jahrzehnten im Streit lag, mit seinem Veto weitere Verhandlungen mit Ankara.