Plötzlich regt er sich nicht mehr. Keine Hände, die abwinken, kein Kopfschütteln, kein verächtliches Seufzen. Sonst ist Mario Forster immer in Aufruhr. Doch jetzt, als der Mann, den er nur "den Turm" nennt, den Saal betritt, beugt Forster seinen Kopf so weit nach unten, als wolle er in sich selbst verschwinden.

Zum ersten Mal seit fast viereinhalb Jahren treffen sich Mario Forster, Ex-V-Mann des Bayerischen Landeskriminalamts (BLKA) bei den Bandidos in Regensburg, und Ralf K., der ehemalige "Präsident" des dortigen Rockerclubs, wieder. "Wenn der mich in die Finger kriegt", hatte der ehemalige V-Mann Forster dem ZEITmagazin vor knapp zwei Jahren gesagt ( Nr. 27/14), "tötet der mich in drei Sekunden." Und wenn man diesen Mann sieht, ein ehemaliger Rocker, groß wie ein kaltblütiges Pferd, versiert in der chinesischen Kampfkunst Win Chun, dann hat man keinen Zweifel daran, dass er das könnte: einen Mann in drei Sekunden töten.

Doch zwischen den beiden sitzen an diesem verschneiten Januarmorgen zwei Berufsrichter, fünf Rechtsanwälte und eine ganze Batterie an Polizeibeamten. Forster hat hier nichts zu befürchten – außer einer erneuten Verurteilung für Verbrechen, die er zwar begangen hat, für die er sich aber nicht schuldig fühlt. Er sagt: "Alles, was ich getan habe, tat ich im Auftrag des Freistaates Bayern."

Hier, in Saal 0017 des Landgerichts Würzburg, entscheidet sich in den nächsten Wochen vermutlich bis Ende Mai das Schicksal eines Mannes, dessen Geschichte sechs Beamte des bayerischen Landeskriminalamtes den Job kosten könnte und inzwischen auch den bayerischen Landtag beschäftigt. "Dieser Fall ist ein einziger Skandal", sagt die rechtspolitische Sprecherin der Grünen und Vizepräsidentin des bayerischen Landtags, Ulrike Gote. Vieles spricht für einen Untersuchungsausschuss.

Mario Forster, der mittlerweile einen anderen Namen trägt, dient sich 2009 dem BLKA als V-Mann an. Nicht weil er plötzlich seine Liebe zum Rechtsstaat entdeckt hätte, sondern weil er Geld braucht. Er ist mehrfach vorbestraft, Hehlerei, Diebstahl, Körperverletzung, gerade hat er eine dreijährige Haftstrafe wegen Betrugs in besonders schwerem Fall abgesessen. Aber Forster wirkt wie einer, der einem Imker Honig verkaufen könnte: charmant, schlagfertig, witzig, und so überzeugt er auch das BLKA von sich. Forster übernimmt in Absprache mit der Polizei einen Nachtclub, er soll sich im Rauschgiftmilieu umhören. Mit Rockern hat er bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu tun.

Doch einige Monate später kommt er über einen flüchtigen Bekannten zu den Bandidos in Regensburg – und sein V-Mann-Führer macht "vor Freude eine Rolle rückwärts", wie Forster sagt. Die Rocker agieren extrem klandestin, es führt kaum ein Weg in ihre inneren Kreise. Doch Forster, der Menschenfänger, wird bald Fahrer des dortigen Präsidenten Ralf K. und erarbeitet sich das Vertrauen der Rocker – und die Bewunderung seiner Führungsbeamten beim BLKA. In einem Evaluationsbericht heißt es, sein Einsatz könne "gar nicht hoch genug gewertet werden" und: "Die bislang erlangten Informationen der Vertrauensperson (VP) übersteigen alle bisherigen Infos zur Zielgruppe. Ein seit 2 Jahren laufender VE-Einsatz war bislang vergleichsweise uneffektiv." VE steht für verdeckter Ermittler. Forster, der Berufskriminelle, hat in kürzester Zeit mehr erreicht, als ein Berufspolizist es je vermögen würde.

Doch um in einem Rockerclub an brisante Informationen zu gelangen, reicht es nicht, Koks zu schnüffeln und eine Harley-Davidson zu fahren. Wer wirklich etwas erfahren will, der muss, wie Forster sagt, "das große Rad drehen". Mit Drogen dealen, Frauen beschaffen, auf welchem Wege auch immer: Geld verdienen für den Club, der für jeden Rocker wichtiger ist als die eigene Familie.

Forster bringt tschechische Prostituierte über die Grenze in die Laufhäuser der Bandidos, besorgt Crystal Meth, klaut Bagger, schmuggelt Münzen. Immer, wie er sagt, mit dem Wissen seines VP-Führers Norbert K. Mehrfach wird er erwischt, doch trotz seiner Vorstrafen stets wieder auf freien Fuß gesetzt. "Norbert sagte mir, ich solle einfach meinen Joker ziehen, wenn die Bullen mich schnappen. Und das habe ich auch gemacht und ihn angerufen."

Doch im November 2011 wird es Forster zu gefährlich. Er weiß nicht, wie er den Bandidos erklären soll, dass er nicht nur nach einer Festnahme wegen des Diebstahls von drei Minibaggern aus Dänemark im Wert von mehr als 100.000 Euro umgehend entlassen wurde, sondern auch jetzt nach einer Drogenfahrt mit knapp zehn Gramm Crystal Meth. Ein Rocker bestellt ihn ins Clubhaus, man müsse dringend reden. Forster ist sicher, enttarnt worden zu sein. Er fürchtet um sein Leben. Gott vergibt, Bandidos tun es nicht.