Zwei Männer, reichlich abgerissene Gestalten, Penner oder sonst wie schlimm gestrandete Typen, philosophieren zwei Stunden lang über ihr Schicksal: Ihr Kaputtsein und ihre weitgehend unbegründete Hoffnung auf einen Dritten, der sie vielleicht erlösen könnte – das ist Warten auf Godot, das vielleicht berühmteste Drama nicht nur Samuel Becketts, sondern der klassischen Moderne.

Auf der Bühne des Thalia Theaters, in der Regie von Stefan Pucher, entfaltet es ein überraschendes Maß an Komik, auch an slapstickhaften Momenten, die das Grauen der Leere und der tief empfundenen Sinnlosigkeit nicht mindern, aber für den Zuschauer ins Erträgliche mildern. Jens Harzer als Wladimir und Jörg Pohl als Estragon strampeln sich in ihren grellfarbigen Sportklamotten – Trainingskleidung der traurigsten und billigsten Sorte – eher tapfer und lebhaft als depressiv an einer Situation ab, die man früher, lange ist es her, "transzendentale Obdachlosigkeit" genannt hat.

Aber wer erinnert sich überhaupt noch an das, was mit dem Absurden Theater der sechziger Jahre, zu dem neben Beckett auch Ionesco und Pinter seinerzeit gehört haben, einmal gemeint war? Was ist mit diesem Lebensgefühl der absoluten Schwärze, das Zweck und Ziel jeder menschlichen Existenz leugnete? Sind wir trostlos und untröstbar genug für Samuel Beckett? Das ist das Problem, mit dem sich jede Wiederaufführung eines Stücks des Absurden Theaters herumschlagen muss und an dem auch Stefan Pucher erkennbar laboriert. Kann es wirklich so böse um den Menschen stehen – und wenn, verflucht noch mal: warum?

In der Verweigerung der Antwort, in der fraglosen Voraussetzung, dass Trostlosigkeit keiner Begründung bedarf, lag seinerzeit die politische Brisanz des Absurden Theaters. Es formulierte die aggressive Gegenposition zu dem sozial und sozialistisch engagierten Theater Brechts (und anderer), das sich die Erlösung des Menschen eher simpel vorstellte: durch den Sieg des Proletariats im Klassenkampf.

Menschheitsfragen waren Machtfragen, und die fatalistische Schwermut Becketts erschien in dieser Perspektive nur wie die eingebildete Krankheit einer Bourgeoisie, die ihren Untergang fürchtet. Das war einer der großen ideologischen Grabenkämpfe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Kann der Mensch durch Politik gerettet werden – oder gar nicht? Die Philosophen des Absurden glaubten fest an die Unrettbarkeit.

Ein bisschen "Mad Max", ein bisschen Flower-Power-Verwahrlosung

Und heute? Offenbar ist das begründungslose Leiden an der Existenz noch immer eine Provokation – jedenfalls für Stefan Pucher. Mit einer Videofolge schwarz-weißer Ruinen- oder Kriegslandschaften, auf den Bühnenhintergrund projiziert, versucht er so etwas wie einen realistisch glaubhaften Hintergrund auch für die Bühnengestalten anzubieten; Gestrandete einer Verheerung, die jedes zivile Leben zerstört hat. Das funktioniert recht gut und motiviert vor allem den Auftritt der satanischen Figur, die statt des ersehnten Godot ins Leben von Wladimir und Estragon einbricht: des gewalttätigen Pozzo, der mit seinem Sklaven Lucky ein Zwischenspiel als archaischer Herrenmensch bietet.

Oliver Mallison, der unzweifelhafte Star des Abends, gibt diesen Pozzo als enthemmten Späthippie, mit Langhaarmähne in schwarzer Lederjacke, der alles ehemals Emanzipatorisch-Linke in einen zynischen Egoismus verwandelt hat. Wer kennt solche Typen nicht, die sich vom Revoluzzer zum betrügerischen Menschenschinder der Kreativszene gemausert haben?

Das ist sehr lustig und bringt einen Hauch von Mad Max und kalifornischer Flower-Power-Verwahrlosung ins Bild. Für Augenblicke verliert Becketts Drama seine Überzeitlichkeit und wird zwanglos zu einem Stück Science-Fiction, das von einer schon recht nahen apokalyptischen Zukunft handelt, in der es nur noch Verlierer und einige wenige, durch Unmenschlichkeit überlegene Gewinner gibt. Die haben freilich in den Ruinen ihrer Gewinnsucht auch nicht mehr viel zu lachen.

Und doch trägt Puchers Anstrengung, dem Absurden Theater realistische Plausibilität zu geben, nicht weit. Der Grund: Becketts Text ist dagegen, er ist zu eigensinnig und zu stark, auch zu poetisch und zu dicht. Er beharrt auf einer Ewigkeitsdiagnose, die sich jeder aktuellen Anbindung widersetzt, erst recht dem Versuch im zweiten Teil, Wladimir und Estragon eine Raver-Identität als DJs am Plattenspieler zu geben, als seien sie Überlebende einer Techno-Partywelt der neunziger Jahre. Das erklärt zwar die grellen Trainingsklamotten, aber sonst nichts weiter. Sollten sie wirklich nur zu viele bunte Pillen eingeworfen haben und in einen schlimmen Darkroom geraten sein? Das glaubt in Wahrheit niemand.

Im Ringen zwischen dem Realisten Pucher und dem Metaphysiker Beckett bleibt der Philosoph des Absurden der Sieger. Für den Zuschauer heißt das: Wer fürs Trostlose empfänglich ist, wird das Theater bestärkt und bestätigt verlassen. Alle anderen brauchen einen Schnaps.