Wie gern würde die CDU über den Wahlwerbespot der Grünen so richtig lachen. Die Kamera schweift über das verschneite Laiz, einen Ortsteil von Sigmaringen, streift kurz den Kirchturm und landet dann im Halbdunkel des Kretschmannschen Hobbykellers. An der Wand hängt ein Retro-Schild ("Gasthaus zum Lamm"), darunter hockt der Ministerpräsident im blauen Arbeitskittel, er hobelt, sägt und hämmert, aber immer "mit Augenmaß", wie er aus dem Off erklärt. Nach getaner Tischlerei tritt der 67-Jährige im Anzug ans Licht, steigt in seinen Mercedes S-Klasse mit Hybridantrieb und braust davon.

Das Lachen über den "Moses aus Sigmaringen" ist den Christdemokraten zehn Tage vor der Landtagswahl am 13. März allerdings gründlich vergangen. Winfried Kretschmann ist nicht nur der mit Abstand beliebteste Ministerpräsident der Republik. Er hat die Grünen, die in jüngsten Umfragen mit 30,5 Prozent knapp vor der CDU liegen, auch ins Gelobte Land der Volksparteien geführt – dahin also, wo seine Parteifreunde im Rest der Republik immer den Gottseibeiuns vermutet haben. Für diese politische Sensation hat sich in Baden-Württemberg eine Erklärung herausgemendelt, die im Staatsministerium nur zu gern bejaht wird: Der Kretsch sei einfach der bessere Konservative und seine Partei die bessere CDU.

Aber der wahre Grund dafür, dass 70 Prozent der CDU-Wähler dem grünen Ministerpräsidenten vertrauen (und 90 Prozent der eigenen Leute), ist ein anderer. Es ist ein eher unpolitischer, charakterlicher Grund. Winfried Kretschmann ist ein Politiker, der öfter mal Nein sagt. Zu Freunden wie zu Feinden, zu potenziellen Wählern und Flüchtlingen, zu Wutbürgern und Atomkraftgegnern. Kein konziliantes "wenn wieder Geld da ist" oder "Ich würde ja gern, aber mein Koalitionspartner will nicht", sondern einfach "Nein". Nichts schafft so viel Vertrauen bei den Wählern wie die Bereitschaft eines Politikers, sich aus Gründen der Staatsräson unbeliebt zu machen.

Als Kretschmann vor fünf Jahren mit scharfem Bürstenhaarschnitt sein Amt antrat, umschwärmten ihn seine Anhänger wie einen Revolutionsführer, der ein halbes Jahrhundert CDU-Arroganz hinwegfegen würde. Dreißig Jahre lang hatte Kretschmann, hatten die Grünen in der Opposition gesessen, der Frust war riesig. Zuletzt war auf der Straße sogar Blut geflossen. Bei den Protesten gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 war im September 2010 ein Mann erblindet, weil die Polizei demonstrierende Bahnhofsgegner mit Wasserwerfern bekämpft hatte. Im Frühjahr 2011 dann: der grüne Sieg.

Im Sommer sah man im Stuttgarter Schlosspark Kretschmanns grün-rote Sympathisanten zusammenstehen und lachen. "Jetzt sind wir dran", das war ihr Gefühl. Doch dem Triumph folgte gleich die Niederlage: Eine Volksabstimmung in der Landeshauptstadt ergab eine Mehrheit für Stuttgart 21, für das Bahnhofsprojekt, das Kretschmann und seine Freunde 14 Jahre lang erbittert bekämpft hatten und bis heute falsch finden. Nun musste es ausgerechnet der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann umsetzen, der sich immer als Teil der Protestbewegung gesehen hatte.

"Ich habe eine Bürgergesellschaft versprochen, kein Bürgerparadies"

Und was tat Kretschmann? Der Ministerpräsident verpasste genau den Leuten, die liebend gern für ihn auf die Barrikaden geklettert wären, einen Dämpfer. Nach dem Volksentscheid stellte Kretschmann sich praktisch ungeschützt vor das Rathaus der Stadt. 5.000 Zuhörer waren gekommen, darunter jede Menge Bahnhofsgegner mit grauen Zöpfen, Spruchbändern und Trillerpfeifen. "Jetzt reden wir!", schrien einige und verlangten eine "Wahrheitskommission", sonst werde man doch "belogen und betrogen" – das alte Lied des Linkspopulismus. Das waren keine tollen Bilder für die Grünen in den Nachrichten. Der Antiparlamentarismus, die Irrationalität der "Bewegung" – das hatte Kretschmann, der früher dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands angehörte, immer irritiert. Befremdet starrte er in Stuttgart auf "seine" Anhänger. "Ich habe eine Bürgergesellschaft versprochen", sagte er heiser in ein Mikrofon, "kein Bürgerparadies. In einer Demokratie gibt es kein 'richtig' und 'falsch'. Es gibt nur Meinungen, und eine setzt sich durch. Unsere hat sich nicht durchgesetzt." Kein bedauerndes Lächeln, keine versöhnlichen Trostpflaster, keine juristischen Finessen. Einfach Nein. Der Bahnhof wird gebaut, basta.