Noch nie hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) so schnell und eindringlich vor einer neuen Infektionskrankheit gewarnt: Schwangere sollen Regionen meiden, in denen das Zika-Virus grassiert. In Brasilien wurden allein im vergangenen Jahr 3.530 Fälle von Mikrozephalie registriert, die wahrscheinlich auf das Konto des Zika-Virus gehen, so die WHO. Die Fehlbildung, bei der Kinder mit einem zu kleinen Kopf und schweren neurologischen Schäden zur Welt kommen, sei 20-mal häufiger als gewöhnlich aufgetreten.

Für fernreiselustige Schwangere wird es nun eng: Das Zika-Virus wurde seit 2007 bereits in 46 Ländern und Regionen der Erde nachgewiesen, darunter beliebte Urlaubsziele wie Thailand, Indonesien, die Malediven, die Kapverden, die Karibik und Mexiko. Hinzu kommen Regionen Äquatorialafrikas, in denen Zika wahrscheinlich seit Jahrzehnten verbreitet ist, jedoch wegen der harmlosen Symptome kaum bemerkt wird. Die Vorhersage für 2016 ist düster: Da die Überträgermücke Aedes aegypti nahezu in den gesamten Tropen heimisch ist, wird sich Zika rund um den Äquator weiter ausbreiten.

Trotz der dramatischen Warnung ist das wirkliche Risiko für Schwangere nicht einmal näherungsweise bekannt. Fest steht, dass die mittlerweile 5.640 Meldungen an das brasilianische Gesundheitsamt, die von der WHO irreführend als "Fälle von Mikrozephalie" bezeichnet wurden, in Wirklichkeit nur vage Verdachtsfälle sind. So wurden hier beispielsweise alle Schwangeren mitgezählt, bei denen ein unklarer Ausschlag auftrat. Auch verwendeten brasilianische Ärzte anfangs eine falsche Definition für die Messung des Kopfumfangs, wodurch viele gesunde Kinder zu Verdachtsfällen wurden. Tatsächlich sind nach Überprüfung durch die Gesundheitsbehörden bisher 583 Fälle bestätigt worden. Und selbst dabei haben die brasilianischen Behörden neben Mikrozephalie auch jede andere Schädigung des Gehirns eingerechnet sowie Infektionen mit Rötelnvirus, dem Zytomegalievirus und weiteren Erregern, die bekanntermaßen Fehlbildungen verursachen. Aufgrund der derzeit verfügbaren Daten kann deshalb nicht endgültig ausgeschlossen werden, dass die Häufung angeborener Fehlbildungen, die bisher nur im Nordosten Brasiliens festgestellt wurde, eine andere Ursache als das Zika-Virus hat.

Während Wissenschaftler über den brasilianischen Befunden brüten, sollten werdende Mütter auf Nummer sicher gehen und Tropenreisen vermeiden – denn dafür gibt es auch ohne Zika ziemlich handfeste Gründe.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Im feuchtwarmen Klima zwischen den Wende-kreisen lauern zahlreiche exotische Mikroben, die für Schwangere viel gefährlicher sind als Zika. Die Mücke Aedes aegypti überträgt auch Gelbfieber- und Dengue-Viren, die in der Schwangerschaft schwere Erkrankungen und Totgeburten verursachen können. Auch Malaria ist für werdende Mütter und ihre ungeborenen Kinder extrem gefährlich. In Afrika ist sie eine der häufigsten Ursachen für Frühgeburten und angeborene Entwicklungsstörungen. Für die Prophylaxe kommen in der Schwangerschaft nur einige wenige ältere Mittel infrage, die gegen resistente Malaria-Parasiten in vielen Regionen der Erde nicht mehr wirksam sind.

Daneben werden auch aus Mitteleuropa bekannte Erreger für Schwangere zu einem unkalkulierbaren Risiko, wenn sie ihnen in den Tropen begegnen. Das Zytomegalievirus, das bei bis zu zehn Prozent der Neugeborenen neurologische Schäden und auch Mikrozephalien verursacht, ist in Brasilien, Indien und anderen Ländern mit niedrigem Hygienestandard wesentlich häufiger als bei uns. Durch verunreinigtes Wasser wird das Hepatitis-E-Virus übertragen, das Fehlgeburten auslöst und bei etwa 20 Prozent der Schwangeren zum Tode führt. In den letzten Monaten der Schwangerschaft und bei extrem heißem Klima können auch durch Bakterien verursachte Reisedurchfälle und bestimmte Pilzinfektionen lebensbedrohlich sein.

Angesichts des mikrobiologischen Artenreichtums in den Tropen (der den Fachmann durchaus begeistern kann) tun reiselustige Schwangere gut daran, sich mit Destinationen in gemäßigten Klimazonen anzufreunden. Das ist auf jeden Fall die bessere Entscheidung – auch wenn die WHO das Risiko durch Zika möglicherweise überschätzt hat.

Alexander Kekulé ist Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Direktor des Instituts für Sicherheitsforschung in Halle. In seiner Kolumne für ZEIT Doctor schreibt er regelmäßig über aktuelle Kontroversen in der Medizin