Frankreichs ältestes AKW in Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze bei Freiburg © Frederick Florin/AFP/Getty Images


Vor einem Monat haben in der Schweiz die Sirenen geheult. Und in allen Gemeinden, die im Umkreis von 50 Kilometern rund um ein AKW liegen, hätte die Bevölkerung ihre Jodtabletten kontrollieren müssen – auf eine behördliche Aufforderung hin. So steht es in der entsprechenden Verordnung. Doch alle, die ich darauf angesprochen habe, wussten nichts davon. Es zeigt sich wieder einmal: Die Jodtabletten sind das Trostpflästerli für den garantiert-absolut-sicher-gar-nie eintretenden, rein hypothetischen Fall eines AKW-Unfalls.

Dabei schrammte die Region Basel erst vor zwei Jahren haarscharf an einem Super-GAU vorbei – das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim geriet für einige Minuten außer Kontrolle. Immerhin: Neulich gab eine französische Ministerin zu, der älteste Atommeiler Frankreichs produziere Pannen "reihenweise und gleichsam im Wochentakt". Deshalb soll das AKW Ende Jahr vom Netz gehen. Bloß: Was ist bis dahin? Sollen wir beten, dass nichts passiert?

Was kaum jemand weiß: Fessenheim ist keine rein französische Angelegenheit. Über die Stromkonzerne BKW, Axpo und Alpiq sind auch etliche Schweizer Gemeinden und Kantone daran beteiligt. Stadt und Kanton Zürich, der Kanton Aargau, der Kanton Thurgau, der Kanton Schaffhausen, der Kanton Glarus, der Kanton Zug, der Kanton Wallis, Stadt und Kanton Genf, Lausanne, der Kanton Freiburg, der Kanton Neuenburg, die Neuenburger Kantonalbank, der Kanton Solothurn, der Kanton Baselland, ja sogar die St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke.

Atomkraft - Das AKW-Fessenheim verärgert Deutsche und Franzosen Seit einem Störfall im April 2014 fordern viele Bürger im deutsch-französischen Grenzgebiet die Abschaltung des ältesten französischen Atomkraftwerks. Ursprünglich sollte es 2016 stillgelegt werden, nun wird es frühestens 2018 abgeschaltet.

Ihr Miteidgenossen, die ihr alle an diesem Methusalem-AKW beteiligt seid: Wollt ihr uns Basler eigentlich umbringen? Macht euren Einfluss geltend und schaltet diesen Reaktor endlich ab! Und die anderen, an denen ihr beteiligt seid, gleich mit. Sie produzieren nicht nur handfeste Gefahren, sondern auch viel zu teuren Strom – wenn man richtig rechnet. Die Alpiq scheint das begriffen zu haben. Und sucht nun nach Geld. Viel Geld. Viel mehr Geld als vordergründig nur für die notleidende Wasserkraft gedacht. Die Basler Zeitung zitiert aus einem PR-Strategiepapier: Darin steht, dass die hoch verschuldete Alpiq eine Verstaatlichung der Atomkraftwerke anstrebe, nach Vorbild der "Staatsversicherung" für Banken, die too big to fail sind. Das entsprechende "Gutachten" halte fest, dass das Wirtschaftlichkeitsproblem bei der Wasserkraft bekannt sei. Aber bei der Atomkraft wisse das noch niemand, denn die Stromkonzerne hätten der Politik jahrelang gesagt, dass "Kernenergie unproblematisch ist und nicht diskutiert werden muss". Dies müsse nun, schreibt die PR-Agentur, geändert und die "wirkliche kommerzielle Situation" dargestellt werden.

Anita Fetz © privat

Das ist eine unverschämte Behauptung: Der Finanzmarktexperte Kaspar Müller hat schon vor Jahren nachgewiesen, dass AKWs keine Werte sind, sondern Minuswerte, und dass bestimmte AKWs finanziell längst saniert werden müssten. Sie hielten sich nur mit Bilanztricksereien über Wasser – mit Tricksereien, wie die Regierung einmal auf einen Vorstoß von mir antwortete. Das ist brutal ehrlich. Übersetzt heißt es nichts anderes als: Ihr AKW-Betreiber, hört endlich auf, die Öffentlichkeit zu belügen!

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 10.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Was heißt das für Gemeinden, Kantone und Banken, die in Atomkraft investiert haben? Sollen sie ihre Anteile verkaufen, wie es in Zürich einige wollen? Das wäre eine grobe Feigheit von allen, die jahrelang von der angeblich so tollen Atomkraft profitiert und satte Dividenden bezogen haben. Darum nochmals: Tragt eure Verantwortung, setzt euch dafür ein, dass es ein Ende hat mit Atom-Gefahren und Atom-Defiziten: Nutzt eure Beteiligungen endlich dafür, dass Fessenheim sofort vom Netz geht. Und Beznau, Mühleberg, Leibstadt und Gösgen ebenso!

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd-Achse": Der Tessiner Financier Tito Tettamanti