Ließe sich das, was mit diesem Land gerade passiert, auf eine einfache mathematische Formel bringen? Der Chemieprofessor Thomas Rödel, 48 Jahre alt, Experte für die Synthese von Duft- und Riechstoffen, hat es versucht. Mehrere Abende lang saß Rödel in seinem Büro und dachte nach. Dann schrieb er, ein Mann, der nie auf einer Demonstration war, das Ergebnis seiner Grübeleien auf ein Protestplakat.

Rödel arbeitet an der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt. Jedes Wochenende fährt er heim zu seiner Frau und den Kindern ins Fränkische, in das Dorf, in dem er aufwuchs. Seine Eltern waren Bäcker, und Rödel hat die einfache Welt, der er entstammt, nicht vergessen: Wer sich länger mit ihm unterhält, spürt die Dankbarkeit für das Beamtenleben, das er führt. In jüngster Zeit allerdings wird seine Zufriedenheit von Sorgen überschattet, wegen des Zustroms der Flüchtlinge. Die Kanzlerin, findet Rödel, habe "den Kontakt zum Bürger verloren".

Als Rödel an einem Tag im Januar die Wiederannäherung an Angela Merkel in Angriff nimmt, steht sie zehn Meter vor ihm und liest eine Rede ab. Die Kanzlerin ist nach Sachsen-Anhalt gekommen, um ein Forschungsinstitut zu eröffnen. Rödel, den Mund trocken vor Aufregung, will so höflich protestieren wie möglich, er wartet auf eine Redepause. Die Kanzlerin macht aber keine Pause. Da steht Rödel auf, Anzugträger zwischen Anzugträgern, sein Plakat in der Hand, und sagt die Sätze, die er Dutzende Male geprobt hat, beim Joggen, beim Autofahren: "Ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder ..." Unruhe im Saal, Köpfe wenden sich, Merkel schweigt, hört zu. "Meine Kinder sind zwei, vier und neun Jahre alt. Und Sie machen einen Versuch und wissen nicht, wie das Experiment ausgeht. Von Ihnen als Physikerin erwarte ich verantwortungsvollere Entscheidungen. Danke."

"Okay. Danke schön", sagt die Kanzlerin. "Ich werde meiner Verantwortung gerecht."

Dann ist schon alles vorbei. Rödel nimmt seine Aktentasche und geht. Was genau auf seinem Plakat stand, haben nur wenige im Saal gesehen. Ob es jemand begriffen hat?

(D + EU) d HK = 1U

(D + EU) d AM = 0U

==> AM U(D) ^ AM U(EU)

==> Keine Experimente

Die Rödelschen Gleichungen, sie sollen in etwa dies bedeuten: Deutschland und Europa, abhängig von Helmut Kohl, ergaben eine Einheit.

Deutschland und Europa, abhängig von Angela Merkel, ergeben keine Einheit.

Daraus folgt: Angela Merkel ist kein Element der Einheit Deutschlands, und sie gehört auch nicht zur Einheit Europas.

Woraus wiederum folgt: der Klassiker. Adenauer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

So stellt sich für den Chemieprofessor Thomas Rödel die Lage des Landes dar. Übersetzt man seine Formeln in Umgangssprache, dann wollte Rödel wohl sagen: Irgendetwas sollte grundlegend anders laufen. Nur, was genau könnte das sein? Und geht es wirklich bloß um die Flüchtlinge?

Ich bin auf Thomas Rödel gestoßen, als ich mich vor etwa sechs Wochen bei Facebook angemeldet habe. Genauer gesagt, habe ich mich unter falschem Namen angemeldet. Unter meinem echten Namen bin ich schon seit Jahren auf Facebook. Ich habe dort 460 Freunde, viele Journalisten, Studienkollegen und interessante Bekanntschaften aus dem Ausland, auf Recherchen gesammelt wie früher Briefmarken. Es sind Leute, die so denken wie ich selbst: Wir finden Merkels Flüchtlingspolitik eher gut als schlecht, wir wollen "tolerant" sein und "weltoffen". Wobei wir, das muss ich zugeben, als Gruppe ziemlich homogen sind.

Ich wollte mal etwas über die anderen erfahren. Liegen die Umfragen richtig, dann werden an diesem Sonntag etwa eine Million Deutsche die AfD wählen. Man kann nicht sagen, dass wir Journalisten sie nicht davor gewarnt hätten. Ich finde, wir sind ganz gut darin, den demokratiefeindlichen Ideen der Petrys und Höckes nachzuspüren. Und nachdem ich dazu viele Artikel gelesen und viele Sendungen gesehen habe, glaube ich sofort, dass Anhänger dieser Partei gegen Flüchtlinge und sonstige Minderheiten hetzen. Manche tun vielleicht sogar mehr als das. Nur bleibt da nach allen Recherchen diese Zahl: eine Million voraussichtliche Wähler, allein in drei Bundesländern.

Es könnte natürlich sein, dass diese Menschen seit Beginn der Flüchtlingskrise, quasi über Nacht, zu Rechtsradikalen geworden sind. Aber das glaube ich nicht. Um zu verstehen, was los ist, habe ich mich auf die Suche gemacht – im Milieu der Millionen, der Menschen hinter den Frontleuten. Ich fing dort an, wo sie ihre Stimme erheben. Auf Facebook.