Ließe sich das, was mit diesem Land gerade passiert, auf eine einfache mathematische Formel bringen? Der Chemieprofessor Thomas Rödel, 48 Jahre alt, Experte für die Synthese von Duft- und Riechstoffen, hat es versucht. Mehrere Abende lang saß Rödel in seinem Büro und dachte nach. Dann schrieb er, ein Mann, der nie auf einer Demonstration war, das Ergebnis seiner Grübeleien auf ein Protestplakat.

Rödel arbeitet an der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt. Jedes Wochenende fährt er heim zu seiner Frau und den Kindern ins Fränkische, in das Dorf, in dem er aufwuchs. Seine Eltern waren Bäcker, und Rödel hat die einfache Welt, der er entstammt, nicht vergessen: Wer sich länger mit ihm unterhält, spürt die Dankbarkeit für das Beamtenleben, das er führt. In jüngster Zeit allerdings wird seine Zufriedenheit von Sorgen überschattet, wegen des Zustroms der Flüchtlinge. Die Kanzlerin, findet Rödel, habe "den Kontakt zum Bürger verloren".

Als Rödel an einem Tag im Januar die Wiederannäherung an Angela Merkel in Angriff nimmt, steht sie zehn Meter vor ihm und liest eine Rede ab. Die Kanzlerin ist nach Sachsen-Anhalt gekommen, um ein Forschungsinstitut zu eröffnen. Rödel, den Mund trocken vor Aufregung, will so höflich protestieren wie möglich, er wartet auf eine Redepause. Die Kanzlerin macht aber keine Pause. Da steht Rödel auf, Anzugträger zwischen Anzugträgern, sein Plakat in der Hand, und sagt die Sätze, die er Dutzende Male geprobt hat, beim Joggen, beim Autofahren: "Ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder ..." Unruhe im Saal, Köpfe wenden sich, Merkel schweigt, hört zu. "Meine Kinder sind zwei, vier und neun Jahre alt. Und Sie machen einen Versuch und wissen nicht, wie das Experiment ausgeht. Von Ihnen als Physikerin erwarte ich verantwortungsvollere Entscheidungen. Danke."

"Okay. Danke schön", sagt die Kanzlerin. "Ich werde meiner Verantwortung gerecht."

Dann ist schon alles vorbei. Rödel nimmt seine Aktentasche und geht. Was genau auf seinem Plakat stand, haben nur wenige im Saal gesehen. Ob es jemand begriffen hat?

(D + EU) d HK = 1U

(D + EU) d AM = 0U

==> AM U(D) ^ AM U(EU)

==> Keine Experimente

Die Rödelschen Gleichungen, sie sollen in etwa dies bedeuten: Deutschland und Europa, abhängig von Helmut Kohl, ergaben eine Einheit.

Deutschland und Europa, abhängig von Angela Merkel, ergeben keine Einheit.

Daraus folgt: Angela Merkel ist kein Element der Einheit Deutschlands, und sie gehört auch nicht zur Einheit Europas.

Woraus wiederum folgt: der Klassiker. Adenauer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

So stellt sich für den Chemieprofessor Thomas Rödel die Lage des Landes dar. Übersetzt man seine Formeln in Umgangssprache, dann wollte Rödel wohl sagen: Irgendetwas sollte grundlegend anders laufen. Nur, was genau könnte das sein? Und geht es wirklich bloß um die Flüchtlinge?

Ich bin auf Thomas Rödel gestoßen, als ich mich vor etwa sechs Wochen bei Facebook angemeldet habe. Genauer gesagt, habe ich mich unter falschem Namen angemeldet. Unter meinem echten Namen bin ich schon seit Jahren auf Facebook. Ich habe dort 460 Freunde, viele Journalisten, Studienkollegen und interessante Bekanntschaften aus dem Ausland, auf Recherchen gesammelt wie früher Briefmarken. Es sind Leute, die so denken wie ich selbst: Wir finden Merkels Flüchtlingspolitik eher gut als schlecht, wir wollen "tolerant" sein und "weltoffen". Wobei wir, das muss ich zugeben, als Gruppe ziemlich homogen sind.

Ich wollte mal etwas über die anderen erfahren. Liegen die Umfragen richtig, dann werden an diesem Sonntag etwa eine Million Deutsche die AfD wählen. Man kann nicht sagen, dass wir Journalisten sie nicht davor gewarnt hätten. Ich finde, wir sind ganz gut darin, den demokratiefeindlichen Ideen der Petrys und Höckes nachzuspüren. Und nachdem ich dazu viele Artikel gelesen und viele Sendungen gesehen habe, glaube ich sofort, dass Anhänger dieser Partei gegen Flüchtlinge und sonstige Minderheiten hetzen. Manche tun vielleicht sogar mehr als das. Nur bleibt da nach allen Recherchen diese Zahl: eine Million voraussichtliche Wähler, allein in drei Bundesländern.

Es könnte natürlich sein, dass diese Menschen seit Beginn der Flüchtlingskrise, quasi über Nacht, zu Rechtsradikalen geworden sind. Aber das glaube ich nicht. Um zu verstehen, was los ist, habe ich mich auf die Suche gemacht – im Milieu der Millionen, der Menschen hinter den Frontleuten. Ich fing dort an, wo sie ihre Stimme erheben. Auf Facebook.

Undercover-Recherche als Facebook-User Matthias Weiß

Ich gab mir den falschen Namen Matthias Weiß, stellte als Profilfoto ein Bild von Friedrich Nietzsche ein und schickte fünf Fremden eine Kontaktanfrage. Alle fünf hatten ihr Profilfoto mit dem Logo der AfD hinterlegt, diesem schnittigen roten Pfeil auf blauem Grund; so wie andere das mit dem Wappen ihres Lieblingsvereins aus der Bundesliga machen. Es war nicht klar, wie diese Leute zur AfD stehen: Finden sie die irgendwie gut? Sind sie glühende Fans? Oder Mitglieder?

Alle fünf wollten sich mit mir anfreunden. Einer lobte das Profilbild von Matthias Weiß, er schrieb kühn und knapp: "Spitzenmann!"

Bald leuchteten die ersten Kontaktanfragen auf, von Freunden meiner neuen Freunde. Bei einem stand groß auf seiner Seite der Spruch "Gib Islam keine Chance". Ich klickte auf "Bestätigen".

Auf Facebook war es so gut wie unmöglich, Thomas Rödel zu entgehen. Rödels 45 Sekunden mit der Kanzlerin wurden gefilmt, jetzt sind sie ein YouTube-Hit. Wohl millionenfach angeschaut, wandert das Video von einer Facebook-Seite zur nächsten, unter Überschriften wie dieser: "Gesinnungsdiktatur BRD: Familienvater kritisiert öffentlich Merkel – Kündigung!"

Ich beschloss, Thomas Rödel zu besuchen. Unter meinem echten Namen, als Journalist.

Einige Tage nach seinem Auftritt sitzt Rödel in seinem Büro: ein sanfter, etwas versponnener Mensch, der glaubte, er sei es seinem Gewissen schuldig, der Kanzlerin mal seine Meinung zu sagen, wie in einer Bürgersprechstunde. Von den "juristischen Schritten", die seine Hochschule danach gegen ihn prüfen wollte, war schon bald keine Rede mehr.

Er hat jetzt in seinem E-Mail-Programm einen Ordner namens "Merkel", darin liegen 670 Zuschriften. Rödel klickt sich durch, fast alle liest er zum ersten Mal. Er stutzt und staunt.

Werter Herr Professor! ... Geschätzter Herr Kollege ... Als Vater von zwei Kindern ... meinen tiefen Respekt ... Hochachtung ... dass es noch Personen mit Rückgrat gibt ... haben Sie einer geistig trägen, angepassten Mehrheit gezeigt, was Zivilcourage ist ... Akt bürgerlichen Ungehorsams ... wünschen wir Ihnen viel Kraft, die Kampagne der Medien, des Wissenschaftsbetriebs und der Politik zu überstehen ... Ähnlich müssen sich die Dissidenten aus dem Dritten Reich oder der DDR gefühlt haben ...

"Oh, Rödel!", ruft Rödel. "Was hast nur ang’richtet!"

Er hat fast immer CSU gewählt, jetzt hat ihm die AfD zweimal hintereinander einen Parteieintritt angeboten. Rödel lehnte ab, aber er findet, die AfD stelle "die richtigen Fragen". Dass es ihm nicht allein so geht, wusste er. Dass so viele Leute so große Worte um ihn und sein Plakat machen würden, hätte er sich niemals vorgestellt.

Die ihm geschrieben haben, sind: Ärzte, Richter, Unternehmer, Wissenschaftler, darunter deutsche Professoren in Berkeley, Kolumbien und Österreich, ein bedeutender Evolutionsbiologe sowie Dekane geisteswissenschaftlicher Fakultäten. Dutzende Rechtsanwälte bieten kostenlose Hilfe an, sie glauben offenbar, Rödel stehe vor dem Kampf um seine Existenz.

Man kann davon ausgehen, dass die meisten dieser Menschen intelligente Bürger sind, so wie Rödel selbst; die Karrieren gesichert, die Kinder gesund. Nimmt man ihre Äußerungen ernst, und das sollte man unbedingt tun, dann fällt auf, dass sie so reden, als sähen sie in Thomas Rödel eine Art Wilhelm Tell von Sachsen-Anhalt. Den Helden einer Protestbewegung – einer Bewegung von rechts, einer Bewegung der Bürger.

Ich glaube, diese Bewegung gibt es wirklich. Es fällt nur schwer, sie einzuordnen, weil sie ziemlich chaotisch ist. Und weil sie, wie jeder soziale Protest, das Gewohnte durcheinanderschüttelt. Im 20. Jahrhundert waren es die Studenten, die gegen das Establishment aufstanden. Heute macht so was ein Professor. Früher gingen eher die Jungen, die Have-nots, die Linken auf die Straße. Heute tun es eher die Älteren, die Etablierten, die Konservativen.

Sie sehen sich nicht als Egoisten oder Ausländerfeinde – sie sehen sich in der moralischen Pflicht zum Engagement. Irgendwo zwischen Online-Brüllerei und stiller Offline-Sorge, zwischen Propagandalüge und überlegtem Handeln mischen sie sich ein. Sie haben der Partei, die diesen Protest in Politik verwandelt, schon vor den Wahlen am Sonntag so viele Erfolge verschafft, wie keine andere neu gegründete Partei in der Geschichte des Landes sie je hatte. Außer einer. Aber zu der kommen wir noch.

In Neuwied, einem Städtchen bei Koblenz, steht ein großer, dünner Mann mit Zwirbelbart, der an eine lustige Nussknackerfigur erinnert, in der Lobby eines Hotels und schüttelt mir die Hand. Tiefe Stimme, Rheinländer, also nett. Uwe Junge, so heißt der Mann, erzählt mir, dass er 34 Jahre lang Mitglied der CDU war. Dann, 2009, trat er aus. Die CDU habe sich "umorientiert", sagt Junge. Und wie er das sagt, stelle ich mir einen Mann vor, der nach langen Ehejahren vom Coming-out seiner Frau überrascht wird. Auf der Suche nach einer echt konservativen Partei landete der Berufsoffizier Junge in der AfD. Er ist jetzt der Spitzenkandidat für Rheinland-Pfalz.

Junge geht in einen Saal, wo knapp achtzig Bürger warten. Die lokalen AfD-Leute sind auch da, meist ältere Herren in bunten Blousons. Gerade stellen sie Plakate vor ein Podium, mit Slogans wie "Unser Land, unsere Heimat" und "Kinder willkommen". "So, Männers, hinsetzen!", ruft Junge. "Heribert, du auch!"

In der Rede, die Junge in Neuwied hält, tauchen viele altertümliche Wörter auf. Fleiß. Beharrlichkeit. Redlichkeit. Pflicht. Die "guten preußischen Tugenden", die Junge lieber mag als die herrschende "Ideologie des Establishments". Grenzen schließen, abgelehnte Asylbewerber abschieben, diese Parteiklassiker handelt Junge zügig ab. Er redet über das Aussterben der Landärzte, fordert von der Bildungspolitik "mehr gute Meister statt unnötig viele Master" und beschwert sich über "unsere Verunglimpfung durch die Medien – Anwesende natürlich ausgenommen". Als er dies sagt, zwinkert er mir väterlich zu: Alles halb so wild, Männers.

An diesem Abend von verblüffender Harmlosigkeit geschieht etwas mit mir. Plötzlich bin ich wieder in der Welt meiner Kindheit, Anfang der achtziger Jahre in der alten BRD, und in meiner Erinnerung tauchen die Männer auf, die damals unser Dorf bevölkerten. Sie redeten eher wenig als viel, konnten kein Englisch und sahen in der Welt außerhalb Europas einen Ort der Gefahren, weshalb sie höchstens in Italien oder Spanien Urlaub machten. Der Konservatismus dieser Männer schien quasi angeboren. Als Mittel zur Bewältigung des Lebens setzten sie auf das, was sie gesunden Menschenverstand nannten. Mit seinem Jetzt-mal-Klartext-Habitus wäre Uwe Junge um 1984 bei uns im Fußballvereinsheim super angekommen, anders gesagt: Er hätte die Mehrheit repräsentiert.

Helmut Kohls geistig-moralische Wende hat es gegeben

Mein eigenes Elternhaus war "links angehaucht", wie man damals sagte, wir standen ziemlich weit draußen.

Heute sehe ich mich in der Mitte und misstraue mir selbst, meiner demokratischen Gesinnung, wenn ich jemanden aus der AfD so sympathisch finde wie Uwe Junge.

Damals stellte die CDU den Bundeskanzler. Heute inszeniert sich die AfD als Anti-Mainstream-Partei.

Ich glaube, sie trifft da einen Punkt. Irgendwie geschah es, dass die Uwe Junges an den Rand gedrängt wurden. Man spürte es schon in den Neunzigern, als ich auf dem Gymnasium war. Die geschniegelten Leute von der Jungen Union mit ihren schwarzen Aktenkoffern aus Kunstleder und dem Gel in den Haaren, sie waren bereits damals die bemitleidete Minderheit. Wir, die wir unsere Rucksäcke mit Peace-Zeichen bekritzelten und die Parkas von Uwe Junges Bundeswehr trugen, aber nur ironisch – wir waren jetzt der Mainstream.

Helmut Kohls geistig-moralische Wende hat es gegeben, nur nicht so, wie er sich das gedacht hatte. In Büchern von Historikern lässt sich nachlesen, wie liberal die Gesellschaft der alten BRD in den achtziger und neunziger Jahren wurde. Als Kohl an die Macht kam, stimmten vier von fünf Deutschen der Aussage zu, "die Gastarbeiter" sollten "wieder in ihr Land zurückkehren", und die neue Regierung verkündete: "Deutschland ist kein Einwanderungsland."

Das Land hat sich seitdem verändert, unter Schwarz-Gelb wie unter Rot-Grün. Die Parteien haben sich verändert, die Medien, die Universitäten, die Erwartungen daran, wie man öffentlich auftritt, was man sagen sollte und was lieber nicht, all das, was man Gesellschaft nennt. Die Uwe Junges haben sich nicht mitverändert. Man konnte leicht vergessen, dass es sie noch gibt. Sie schienen weg, erledigt. Jetzt sind sie wieder da, und die AfD ist der Lautsprecher, mit dessen Hilfe sie es uns wissen lassen.

Werden die Deutschen heute von Meinungsforschern gefragt, in welchem Jahrzehnt sie am liebsten leben würden, dann nennen die meisten die Achtziger. Die Uwe Junges verwandeln diese Nostalgie in Politik. Sie rebellieren gegen einen mächtigen Gegner – die vergangenen dreißig, vierzig Jahre. Ziemlich mutig. Ist Mut nicht eine Eigenschaft, die man bewundern kann?

Auf Facebook findet Matthias Weiß, mein falsches Internet-Ich, schnell Freunde. Er muss dafür nichts tun. Schon am ersten Tag bekommt er 72 Kontaktanfragen. Er ist sofort beliebt, er wird umarmt von einer Gemeinschaft. Jemand postet einen Strauß Blumen auf Matthias’ Profil. Ein Mann, offenbar aktiv in einem AfD-Kreisverband, schickt eine Nachricht:

Hallo und vielen Dank für deine Freundschaft. Ich bin total entsetzt über das, was hier in Deutschland jeden Tag passiert. Wir müssen jetzt noch mehr unsere Wut und unseren Protest gegen die Merkelpolitik in die Welt hinausschreien. Es ist jetzt extrem wichtig, dass wir in diesen historischen Zeiten fest zusammen stehen. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft für unseren gemeinsamen Kampf. Liebe Grüße sendet dir Heinz

Auf Facebook ist der Ton ein anderer als bei der AfD-Versammlung in Neuwied. Rauer, härter, Richtung Umkleidekabine. Matthias Weiß’ Freunde, nach einer Woche sind es 238, stöbern ständig irgendwelche Nachrichten auf, schreiben etwas dazu und teilen den Link dann mit ihren Freunden. Teilen, kommentieren, teilen, kommentieren.

Nachricht: Schweden: Minderjähriger Asyl-Bewerber ersticht Flüchtlingshelferin.

Kommentar: Gutmenschentum ist in der Tat heilbar. Leider endet der Heilungsprozess oft tödlich.

Ab und zu schreibe ich selber mal etwas, ab und zu teile auch ich eine Nachricht. Bei meinen Bekannten aus dem echten Leben würde ich mich damit ins Abseits posten; bei den Freunden von Matthias Weiß falle ich nicht weiter auf. Für sie dreht sich fast alles um die Flüchtlingskrise, aber es scheint, als geschehe die Energieentladung weniger in der Konfrontation mit den Fremden. Vor allem arbeiten sich meine neuen Freunde in erstaunlicher Ausdauer an den "Gutmenschen" ab, den "Bahnhofsklatschern", den "geistigen Bodenbrütern von links". Dabei zeichnen sie das Bild eines Landes, in dem man von Du-darfst-nicht- und Du-musst-Geboten umzingelt ist. Als würden sie von einer Besatzungsmacht bevormundet.

Wobei, das stimmt nicht ganz. Meine Freunde zeichnen dieses Bild nicht, sie werfen nur Schlaglichter darauf. Sie sagen "Tugenddiktat", "Meinungskartell", "Gesinnungsterror", schon ist klar, was gemeint ist. Das Bild haben andere vor ihnen erschaffen. Thilo Sarrazin in seinen Bestsellern, jede Menge Blogger und Kolumnisten, die AfD-Chefin Petry mit ihrer Forderung, "Political Correctness" zum "Unwort des Jahrzehnts" zu küren. Die Existenz des Tugendterrors, sie ist unter Matthias Weiß’ Freunden heute so unumstritten wie unter Physikern der Erste Hauptsatz der Thermodynamik.

Denken darf man aber wehe man äußert sich laut!

Wann darf man endlich wieder Negerkuss sagen?

Wer sein Maul aufmacht und seine Meinung äußert, wird entsorgt.

Bei 51 % Wahlstimmen für die AfD wird die Meinungsfreiheit wieder gelebt und ist Schluss mit Gendermainstreaming.

Es muss psychisch ungeheuer entlastend sein, so zu denken. Mich erinnert es daran, wie Evolutionspsychologen die Entstehung von Religionen erklären. Als der Mensch noch Jäger und Sammler war, stand er allein inmitten einer unheimlichen Natur. In jedem Blitz und jedem Sturm, vielleicht schon in jedem raschelnden Baum lag eine Gefahr. Der Mensch ist aber ein Wesen, das Ursachen braucht. Deshalb erfand er Geister und Götter: als Kommandeure einer abstrakten Welt. Für alles, was geschah, gab es nun eine Erklärung.

Nicht aufgrund verborgener klimatischer Prozesse stand das Land unter Wasser. Die Flut kam, weil ein Gott sie gewollt hatte.

Es ist diese Logik, der Matthias Weiß auf Facebook begegnet: Für alles, was geschieht, gibt es eine Erklärung. Immer die einfachste. Wer seit dreißig, vierzig Jahren die Welt nicht mehr versteht, verfällt schnell dem Glauben an gottgleiche Herrscher, die alles steuern und jeden manipulieren.

Die Kanzlerin spielt im Denken meiner Freunde eine herausgehobene Rolle, auf der Seite des Bösen ist sie die oberste Göttin. Und die Flüchtlinge sind der größte der Blitze, die sie auf uns loslässt. Wir leben in der Ära der Ausrufezeichen, auf Facebook sind die meisten für Angela Merkel reserviert.

Von Demokratie ist nicht mehr viel geblieben. Daraus ist eine Diktatur geworden mit einer Alleinherrscherin!!!!

Matthias Weiß erfährt auch, dass die Muttersprache der Kanzlerin Hebräisch ist. Im Bund mit den Zionisten plant sie die Zerstörung unseres Landes durch die Flüchtlinge, mithilfe einer "Migrationswaffe". Als ich die Profilseiten derer anschaue, die so denken, schreien mir Fotos von Heinrich Himmler und SS-Soldaten entgegen.

Nazis also. Definitiv. Dies sind nicht die AfD-Leute, mit denen ich anfing; aber ihre Kontakte oder Kontakte von Kontakten.

Facebook, ein Kontinent der offenen Grenzen

Wenn es einen Kontinent der offenen Grenzen gibt, dann diesen: Facebook. Von rechts nach rechts außen, von 1985 nach 1935, diesen Weg kann man dort in vielen kleinen Schritten gehen. Ich habe mich gefragt, was das über die AfD aussagt. So bin ich auf Werner Kaiser gekommen.

Kaiser wohnt mit seiner Lebensgefährtin in einer kleinen Stadt an einem großen Fluss. Ihr Haus steht an der Hauptstraße, und es fällt auf, weil es gerade einen frischen Außenanstrich erhalten hat. Ich schreibe das, weil Kaiser mich gebeten hat, seinen echten Namen nicht zu verraten. Er hat Angst, dass Randalierer ihm Farbbeutel auf seine schöne Fassade werfen, wenn sie erfahren, was dahinter geschieht.

Werner Kaiser ist ein Mann Anfang sechzig, füllig und freundlich, mit einem ganz, ganz harten Job. Seit fast drei Jahren setzt er sich an sieben Tagen die Woche um acht Uhr morgens an den Schreibtisch. Feiertage, Feierabend, Feierlaune, so etwas kennt Kaiser nicht, darf er nicht kennen. Nüchternes Arbeitszimmer, Zimmerpflanze, Kaffeemaschine, Kaiser schaltet den Rechner ein und "sondiert die Stimmung im Netz". Werner Kaiser leitet die Facebook-Redaktion der AfD. Genauer, er ist diese Redaktion. Vor Kurzem hätte ich einen wie ihn noch für einen Hetzer gehalten. Nach meinem Besuch bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Zuerst muss ich ein paar Fakten nennen. Über 240.000 Freunde hat die AfD auf Facebook, mehr als doppelt so viele wie die CDU. Zweimal am Tag überlegt sich Werner Kaiser an seinem Schreibtisch eine politische Botschaft, baut mithilfe eines simplen Grafikprogramms so etwas wie ein Plakat, stellt es dann online. Auf diese Weise erreicht Kaiser bis zu vier Millionen Menschen, beinahe halb so viele wie die Tagesschau. "Ist Ihnen Deutschland nun ›bunt und weltoffen‹ genug, Frau Merkel?" – als Kaiser nach Silvester-in-Köln diese triumphierende Frage stellte, bekam er 26.089 Gefällt-mirs. Eine ganze Kleinstadt an Zustimmung.

Die Regierung gibt ein armseliges Bild ab.

Das Flüchtlingskonzept der Balkanstaaten – Per Zug direkt nach Deutschland!

Angela Merkel macht Politik für die EU. Wir machen Politik für Deutschland.

Hinter Werner Kaiser steht kein großer Apparat, der ihn kontrollieren könnte, die AfD-Zentrale hat nur zwölf Mitarbeiter. Kaiser entscheidet ganz allein, wie die AfD zu den Leuten spricht. Dieses Losgelöste, Anti-Institutionelle passt gut zu den sozialen Medien. Es macht die neue Rechte so erfolgreich im Netz.

Für Werner Kaiser liegt darin auch eine Gefahr.

Man könnte erwarten, dass Kaiser morgens gleich losnetzwerkt, Rassisten in Kiel mit Rassisten in Chemnitz verknüpft, aber so ist es nicht. An diesem Morgen meldet ihm sein Programm, dass er 19 270 Aufgaben zu erledigen hat. So viele Kommentare, Beiträge und Nachrichten der Nutzer muss Kaiser noch lesen, und er liest alles, jedes Wort, das auf seiner Seite auftaucht. In Sekunden muss er entscheiden: löschen oder nicht löschen?

Werner Kaiser löscht viel. Mindestens zehn, bei manchen Themen bis zu fünfzig Prozent aller Beiträge. Am schlimmsten, sagt er, seien die Videos, die müsse man immer bis zum Ende schauen. Könnte ja sein, dass ein Hakenkreuz auftaucht.

Es ist schwer, die Seite der AfD frei zu halten von Radikalen und Spinnern aller Art, aber Kaiser scheint es aufrichtig zu versuchen. Jemand schreibt, er könne einen Anstieg der Kaufhausdiebstähle durch Flüchtlinge bezeugen – klick, gelöscht. Ein anderer glaubt, das Zugunglück in Bayern sei vom Staat inszeniert worden – klick, Nutzer gesperrt. So geht es weiter, zieht der Bewusstseinsstrom des Landes über Kaisers Computer, an sieben Tagen die Woche. Wie die Kurven auf dem Bildschirm eines Gehirnforschers. Da, ein Beitrag von einem Mann namens Matthias Weiß. Ich habe ihn auf die AfD-Seite gestellt, bevor ich an Werner Kaisers Haustür geklingelt habe.

AfD! Nur die AfD. GEGEN: Lügenpresse, Gutmenschen, Altparteien, Döner, Köfte, Rassismus gegen Deutsche. FÜR: die Stimme der Vernunft.

"So ein Schwachsinn", murmelt Kaiser. "Das ist kein wahrer AfD-Anhänger." Er schaut noch mal hin, verdreht die Augen. Der Beitrag hat mehrere Gefällt-mirs bekommen, auch von einer Frau, die mit der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Beatrix von Storch befreundet ist. Klick, gelöscht.

Werner Kaisers Mission hat etwas Heroisches. Auch weil er sie gegen Teile seiner eigenen Partei durchzieht. Bis hinein in den Vorstand finden Leute, dieser Kaiser sei zu streng. Er hat sogar AfD-Landtagsabgeordnete gesperrt. Man muss sich das klarmachen: Jeder x-beliebige Mensch darf etwas auf die Facebook-Seite der AfD schreiben, das wichtigste Forum der Partei. Aber nicht jeder, der für die AfD im Parlament sitzt.

Politisches Kalkül!, ruft da mein linksliberales Warnsystem. Vielleicht will Kaiser die AfD wählbar halten für den normalen Bürger, denkt aber in Wahrheit wie die Parteifreunde, die er aussperrt.

Werner Kaiser hat mir seine Lebensgeschichte erzählt, eher zögerlich und nicht als Argument. Kaiser setzt ständig Inszenierungen in die Welt, aber was ihn selbst betrifft, ist er von anrührender Zurückhaltung. Er war mal ein idealistischer junger Sozialdemokrat, in jener versunkenen Epoche Anfang der achtziger Jahre, der auch die Uwe Junges entstiegen sind. Er kämpfte in seinem Betrieb einen erfolgreichen Arbeitskampf und bekam einen Job bei der Gewerkschaft. Dort entzauberten sich seine Ideale. Alles habe sich um Shakehands mit den Arbeitgebern gedreht, sagt Kaiser. Seine Kollegen wollten in Aufsichtsräten sitzen und erster Klasse fliegen. Kaiser litt am Konsensmodell und an den Selbstlügen der alten BRD, so sehr, dass er irgendwann kündigte, aus enttäuschter Liebe die SPD verließ und aufhörte, den Spiegel zu lesen.

Er war Nichtwähler, driftete so vor sich hin – bis er das Netz für sich entdeckte. "Da merkte ich: Ich bin nicht allein. Ich bin kein Sonderling." Er klingt wie ein pubertierender Außenseiter in der Provinz, der die große Selbstbefreiung erlebt, als er im Internet auf Gleichgesinnte stößt. Bei Kaiser waren es Menschen, die seine "Ideen von Anstand, Würde, Tradition" teilten, die Ablehnung einer "gegen den Bürger gerichteten Politik".

Es war sein Endlich-Moment. Endlich wieder eine Möglichkeit zum Engagement. Vor zwei Jahren unterschrieb er den Arbeitsvertrag bei der AfD.

Heute führt Werner Kaiser seinen Kampf um Gerechtigkeit auf Facebook. "Was mich am meisten aufregt: dass wir rechte Brandstifter sein sollen." Folgt man Kaiser, dann erspürt er die unbearbeiteten Stimmungen eines ziemlich großen Teils der Menschen in diesem Land, reinigt sie vom Schmutz, verteidigt sie gegen feindliche Übernahme von rechts außen – und speist sie am Ende in den demokratischen Prozess ein.

90 Prozent der Deutschen lehnen die Rundfunkgebühren ab. WIR AUCH!

Volksabstimmungen – Wir wollen, dass SIE entscheiden!

Der Polizei den Rücken stärken!

Bargeld ist Freiheit

Es wird Zeit für den Kampf gegen Links!

Wie ein DJ steuert Kaiser das Gefühlslevel seines Publikums, dreht den Sound auf, manchmal so laut, dass die Zwischentöne verloren gehen. Nimmt dann "den Druck raus", postet "etwas Harmloses", zum Beispiel gegen TTIP, auch wenn er weiß, dass darunter sowieso wieder alle zur Flüchtlingsfrage losbrüllen. Es gibt Tage, an denen fühlt sich Werner Kaiser von der AfD wie ein Getriebener. Es gibt Tage, erzählt er mir, da ist er so fertig von all dem Hass im Netz, dass er seinen Rechner stehen lässt und mit dem Hund eine Runde am Fluss dreht.

Manchmal trauert Werner Kaiser dem Showdown um den Euro hinterher. Wie entspannt das damals war.

Es ist nicht leicht, aus einer Bewegung eine Partei zu formen

Am Abend sitze ich im Hotelzimmer, mache den Fernseher an und wundere mich. Kommen nicht aus dem Machtzentrum der AfD immer schrillere, menschenfeindlichere Töne? Frauke Petry hält es für bedenkenswert, an der deutschen Grenze "notfalls von der Schusswaffe Gebrauch" zu machen. Ihr Stellvertreter Alexander Gauland will sich, wenn er Nachrichten schaut, "nicht von Kinderaugen erpressen lassen". Und Björn Höcke hat sich in "tausend Jahre Deutschland" so sehr verliebt, dass er sie "nicht hergeben" will.

Wie, um Himmels willen, passt das zu den harmlos erscheinenden älteren Männern, wie passt es zu dem Facebook-Menschen Werner Kaiser?

In der Berliner Zentrale der Partei klingelt in diesen Wochen alle paar Minuten das Telefon. Viele Anrufer wollen Frauke Petry sprechen, und wenn sie erfahren, dass weder sie noch ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen einfach mal so Zeit hat, dann empören sie sich: Seid ihr jetzt auch wie die anderen? Auch etabliert? Seit Kurzem kümmern sich drei der zwölf Mitarbeiter in Vollzeit um das Bürgertelefon. "Wir sind ein psychosozialer Dienst, so wie Hotlines für Schwangere und Alkoholiker", heißt es in der Zentrale. Die Fragen kreisen um gefährliche Keime und um Rentenzulagen, und manchmal wollen die Leute wissen, warum "die Merkel" immer Rot trage.

Es ist nicht leicht, aus einer Bewegung eine Partei zu formen. Soziale Bewegungen sind heiß, chaotisch; politische Ursuppe sozusagen. Eine etablierte Partei ist erkaltete Ursuppe: lauter Teilchen, die sich zu einem Planeten verbunden haben. Die letzte Partei, die aus so einem Abkühlungsprozess hervorgegangen ist, sind die Grünen.

Als sie entstanden, Anfang 1980, kam ich gerade in den Kindergarten. "Wir sind die Alternative zu den herkömmlichen Parteien", riefen die Grünen in ihrem allerersten Programm dem Land entgegen. Damals lag die Gründung der Bundesrepublik drei Jahrzehnte zurück, so wie bis zur Gründung der AfD drei weitere Jahrzehnte vergehen sollten. Vielleicht ist das mehr als ein Zufall der Zahlen. Vielleicht existieren Generationen nicht nur im Reich der Biologie, sondern auch in der Parteipolitik. (Die Linke ist ein Spezialfall, weil sie aus zwei bestehenden Parteien hervorging, sie ist ein reines Zerfallsprodukt.)

Damals regierte die SPD von Helmut Schmidt, und links von ihr war Leere.

Heute regiert die CDU von Angela Merkel, und rechts von ihr ist Leere.

Damals galten die Neuen als schwer integrierbar: "Jeder Obergrüne trägt einen Vorrat von jeweils passenden aggressiven Sprüchen mit sich herum", schrieb ein SPD-Politiker 1982 in der ZEIT, so werde gegenüber jedem Andersdenkenden direkt ein Feindbild aufgebaut.

Heute gelten die Neuen als schwer integrierbar: "Die Feindbilder, die dort gepredigt werden, sind inzwischen eine echte Gefahr", sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel in Kameras.

Ich habe mir Bilder von Protestmärschen angeschaut. Man sieht darauf Menschen, die Plakate hochhalten: "Wir sind keine Versuchskaninchen" – "Wir wollen mitentscheiden" – "Das Volk muss die Zeche bezahlen!". Lange Haare, Schlaghosen, schwarz-weiße Aura der alten BRD. Die Vergangenheit kann harmlos wirken, wenn man das Nachher kennt. Die Menschen auf den Fotos wehrten sich natürlich nicht gegen den Bau von Flüchtlingsheimen, obwohl man das denken könnte, wenn man liest, dass auf ihren Demos Parolen gerufen wurden wie "Die Heimat ehren, hier sich wehren!". Damals ging es gegen den Bau von Atomkraftwerken und atomaren Endlagern.

In der heißen, chaotischen Umweltbewegung, aus der die Grünen hervorgingen, sahen sich viele Menschen als Kämpfer für das Althergebrachte. Ohne diesen konservativen Anfang hätte es die Grünen nie gegeben. Die Zukunft unserer schönen Dörfer und Städte schien in Gefahr, aufs Spiel gesetzt durch die "Etablierten", die "Mächtigen", die "Staatsfaschisten". Sie hatten eine Waffe, die Kernkraft, und nutzten sie zur Unterdrückung des eigenen Volkes.

Gegner damals: "der totale Atomstaat".

Gegner heute: "der totale Asylstaat".

Man staunt schon, wie sehr sich die Gefühle und Motive ähneln. Die Verschwörungstheorien, die irren Übertreibungen, die Lust am Opfersein. Auch damals gab es den Hass auf den staatlichen Rundfunk, der nur die Botschaft der Eliten unters Volk bringe, auch damals gründeten sich Dagegen-Medien. Die Umweltbewegung hatte Piratensender, alternative Zeitschriften, die tageszeitung. Die AfD hat Werner Kaiser.

Damals stand auf vielen Plakaten der Satz: "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt."

Heute sagen mir viele neue Rechte, Angela Merkel sei die Zukunft des Landes egal, weil sie keine Kinder hat.

Claudia Roth sitzt in ihrem Büro in Berlin und schüttelt den Kopf. Die Vizepräsidentin des Bundestages und ehemalige Grünen-Chefin will nichts davon hören, als ich meine These an ihr teste. Historische Parallelen zwischen AfD und Grünen? Sieht sie nicht, will sie nicht sehen. "Nein! Wir hatten und haben eine ganz andere Idee vom Leben. Bei uns geht es um eine offene, vielfältige, gleichberechtigte und solidarische Gesellschaft. Wir haben von Anfang an für den Feminismus gekämpft, für die Aufarbeitung der Nazizeit ..."

Man muss dazu sagen, dass Claudia Roth neben der Kanzlerin die Politikerin ist, die in diesen Zeiten am meisten beleidigt wird. Für die neue Rechte ist Claudia Roth der Darth Vader des Gutmenschentums. Vielleicht arbeiten sich ihre Gegner auch an der bürgerbewegten Außenseiterin ab, die es ins Establishment geschafft hat: "Verbeamtung des Protests", so hat der Politikwissenschaftler Franz Walter den Aufstieg der Grünen genannt, und es ist, als machten die Rechten Claudia Roth ihn persönlich zum Vorwurf. Ganz sicher aber wird sie im Netz angegriffen, weil sie eine Frau ist.

Nicht nur ich fühle mich an die achtziger Jahre erinnert, Roth tut es auch. Damals bekam die junge Grünen-Politikerin Briefe, in denen stand, sie müsse "mal richtig durchgefickt" werden, dann werde sie zur Vernunft kommen. Danach, sagt sie, "war es dreißig Jahre lang ruhiger". Heute muss sie sich mit Leuten wie dem Jugendchef der AfD herumschlagen. Der teilte vor einigen Wochen auf Facebook ein Foto von Roth, neben ihrem Kopf stand: "Ach wäre ich Neujahr nur nach Köln gefahren ..." Roth hat die Botschaft dieses Satzes so gelesen wie ich: Die müsste von den arabischen Invasoren mal richtig ...

Hinter all der Pöbelei sieht Claudia Roth einen ideologischen Kern, und der sei eben anders als bei den Grünen. "Dieser Kern ist der Wunsch nach einem homogen-autoritären Deutschland."

In vielen Orten Ostdeutschlands herrscht Progromlust

Ich war in den letzten Wochen auch im Osten unterwegs und habe die Pogromlust erlebt, die viele Orte dort im Griff hat. Auf einem "Bürgerforum" von Flüchtlingsgegnern in Thüringen brüllte der Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer gegen das "Regime" von Angela Merkel an, nannte Justizminister Heiko Maas "den neuen Reichsjustizminister" und schob nach: "Der sieht ja auch schon ein bisschen aus wie einer aus dem Volksgerichtshof." Und 500 Bürger der Stadt Altenburg jubelten.

"Steht zu Deutschland! Kämpft für Deutschland! Kommt zu uns!", brüllte Elsässer, eine absurde Figur mit seiner Haartolle, den schwäbischen Dialektspuren, seiner Applaussucht.

Die Leute lachten über ihn, das schon. Vielleicht gehört das Karnevaleske zum Krawall einfach dazu. Aber man spürte die Lust am Überschreiten von Grenzen. Der Saal vibrierte vor Energie, und alle schienen den Reiz der Einigkeit zu spüren. Stichwort: das Volk. Das Volk wehrt sich. Das souveräne Volk ist die höchste Instanz. Im Volk sind alle gleich. Das Volk ist demokratisch. Wir sind das Volk. Irgendwann hatte ich eine Gänsehaut.

Es ist, als seien sie im Osten in einer Zeitschleife gefangen. Jetzt ist wieder 1989, Revolutionszeit. Tatsächlich erzählen mir viele, die gegen Flüchtlinge aufstehen, sie seien damals schon im Widerstand gewesen. Und es sei ja bekannt, dass Merkel bei der Stasi ... Sie glauben das wirklich. Auf ihre Weise wünschen sie sich auch im Osten die achtziger Jahre zurück.

Vielleicht ist das der wichtigste Unterschied zwischen den Grünen von damals und den neuen Rechten von heute. Die Rechten verharren im Dagegen-Modus. Die Grünen entwickelten Visionen, Gesellschaftskonzepte, Vorstellungen von einer besseren Welt. Sie dachten nach vorn. Die neue soziale Bewegung denkt zurück.

"Wir müssen alle AfD wählen!", rief Elsässer. "Sie ist der Stock, mit dem wir die Blockparteien prügeln."

Ein Mann aus dem Publikum meldete sich zu Wort, ein älterer Herr mit Brille und buntem Pullover. Er regte an, die Kanzlerin nach Paragraf 6 Völkerstrafgesetzbuch anzuklagen, wegen Genozid am eigenen Volk. Später, auf der Rückfahrt im Taxi, fragte mich der Fahrer, wo ich gewesen sei.

"Auf einer Veranstaltung über Flüchtlinge."

"Für oder gegen Flüchtlinge?"

"Eher dagegen."

"Gut", sagte der Fahrer. Dann erzählte er mir Kanakenwitze.

Ich fragte mich, ob das der Weg sein wird, den die neue Bürgerbewegung geht. Jürgen Elsässer ist kein Mitglied der AfD, Einfluss auf die Zukunft der Partei haben Leute wie er trotzdem: Gelingt es den Radikalen, die AfD weiter nach rechts zu ziehen, dann wendet sich das Bürgertum ab. Dann versinkt Werner Kaiser auf seiner Facebook-Seite im braunen Schmutz. Dann hat das Land bald eine zweite NPD, und die soziale Bewegung verfestigt sich niemals zu einer staatstragenden, bundestagstauglichen Partei.

Alle Leute, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, denken über dieses Risiko nach. Viele ärgern sich über die Ruckzuck-Fantasien und das Volkskörper-Gerede der Radikalen, fast jeder ließ den Satz fallen: "Die Höckes", die müssten raus aus der Partei.

Alice Weidel, AfD-Kandidatin am Bodensee, hatte neulich Alexander Gauland zu Gast in ihrem Wahlkreis. Vorher schärfte sie ihm ein, auf keinen Fall das Wort "Volkskörper" zu verwenden. Gauland hielt sich nicht daran. Weidel war sauer.

Alice Weidel: 37 Jahre alt, Ökonomin, irrer Lebenslauf. Hat in China geforscht, für Goldman Sachs gearbeitet und in Hongkong, Hamburg und anderswo Start-ups hochgezogen. Lesbisch, Lebensgefährtin, kleines Kind. Bezeichnet sich selbst als "Urliberale". Sitzt mit Leuten wie Gauland, Petry und von Storch im Vorstand der AfD, in der zweiten Reihe, aber immerhin. Ich muss gestehen, dass mich das überrascht.

Ich habe mit Alice Weidel einen tollen Abend verbracht, in einer Kneipe ihrer Heimatstadt Überlingen. In der Ferne sah man wie Schattenrisse die Berge der Schweiz. Von dort stammt Weidels Lebensgefährtin, dort hat sich im 19. Jahrhundert der Liberalismus durchgesetzt, während in Deutschland bekanntlich das Autoritär-Nationale vor einer großen Zukunft stand. Alice Weidels Sympathien, so schien es mir, liegen wohl eher jenseits des Bodensees.

Volksabstimmungen, Ende der Euro-Rettungspolitik, mehr Netto vom Brutto, das sind ihre Themen. Man könnte es sich leicht machen und sagen, Weidel sei ein Überbleibsel aus der Ära des Wirtschaftsprofessors Lucke, ein neoliberales Fossil. Dabei gibt es in der Partei noch viele wie sie. Weidel hat früher Grüne und FDP gewählt; am Ende fühlte sie sich politisch so vereinsamt, dass ihre Partnerin sie zur AfD schickte, "als neuen Zeitvertreib".

Weidel ist klug, zeigt Interesse an meiner Meinung, gesteht Zweifel ein. Manchmal frage sie sich, ob sie da in ein Himmelfahrtskommando geraten sei. Sie hoffe auf die disziplinierende Wirkung von Beschlüssen.

Weidel ließ sich zur Chefin der Bundesprogrammkommission wählen. Dieses Sieben-Silben-Ungetüm organisiert den Prozess, aus dem Ende April das erste AfD-Parteiprogramm hervorgehen soll. Zugegeben, das ist ein Beispiel an Basisdemokratie, auf das jeder Grüne stolz wäre. Weidel hat eine Online-Befragung aller Mitglieder organisiert, und es gibt Fachausschüsse auf Länder- und Bundesebene, bei denen man mitmachen kann.

Die AfD-Leute experimentieren mit anderen – und mit sich

Die AfD weist Organisationselemente linker Parteien auf, sagen Politologen. Das Prinzip der Doppelspitze kenne ich auch von irgendwoher.

Und so streiten sie jetzt, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, die nur die lauten Höckes und Petrys hört, wer sie sind und was sie wollen. Die Wehrpflicht wieder einführen, die Schulpflicht abschaffen? Impfgegner reden mit, Klimaskeptiker, Nato-Feinde. Manche wollen "dem Islam" ein Angebot machen, andere Minarette verbieten. GEZ, TTIP, Datenschutz und Sterbehilfe müssen diskutiert werden.

Die ja immer noch kleine AfD ist im Frühjahr 2016 eine größere Projektionsfläche als die eigentliche Volkspartei CDU, deren Wahrnehmung allein bestimmt wird von der Frage, ob man für oder gegen Merkel ist. Die AfD dagegen gleicht einem riesigen Meckerkasten, Wähler aus allen Lagern wandern ihr zu, sie ist Adressat abstruser Wünsche wie lang verdrängten Unbehagens – fast schon logisch, dass in dieser Gemengelage immer noch Platz ist für die Annahme, man könne die radikalen Kräfte bändigen.

Nach sechs Wochen hat Matthias Weiß auf Facebook 673 Freunde, mehr, als ich in acht Jahren gesammelt habe. Außer den paar AfD-Leuten am Anfang hat Matthias fast keinen von ihnen als Kontakt angefragt. Sie kamen von selber. Auf seinen radikalsten Beitrag gab es kaum Reaktionen. War wohl zu unauffällig.

Die Zahl der Verkehrstoten steigt. Bin gespannt, was auf unseren Straßen erst abgeht, wenn die ganzen Syrer und Afghanen ihren Führerschein in der Tasche und ihren Neuwagen vor der Tür haben ...

Einen großen Gefällt-mir-Erfolg feierte Matthias dagegen, als er am 5. Februar um 19.03 Uhr das Handybild einer schmackhaften Mahlzeit auf seine Seite stellte, die zu Hause vor ihm – mir – auf dem Tisch stand.

Abendessen. Kein Döner, kein Schaschlik, kein Cevapcici – eine deutsche Gemüsesuppe geht vor!

Matthias ist jetzt unter anderem Mitglied in den Gruppen "Klartext Deutschland Miteinander", "Unsere Heimat", "Heimisches Volksbündnis", "Bürgerwehr Hannover", "Zensoren der BRD" und "Melodie des Herzens". Die gängigen Bezeichnungen für unsere Politiker kann er auswendig.

Sigmar Gabriel: das Schweinchen

Cem Özdemir: Kümmel-Lümmel

Claudia Roth: Fatima, Warzenschwein

Joachim Gauck: der Gaukler

Angela Merkel: IM Erika, die Kanzlerschlange

Ich würde gern sagen, dass ich das alles einfach nur lächerlich fand, muss aber eingestehen, dass Facebook von rechts auf mich gewirkt hat, ähnlich einer täglichen Strahlentherapie. Ich konnte zu jeder beliebigen Zeit auf meine Seite gehen und sah neue Meldungen über gewaltsame Übergriffe durch Flüchtlinge. Zuerst dachte ich, all diese Meldungen stammten von Lügen-Seiten.

Dann fiel mir auf: Eine beträchtliche Menge davon ist wahr.

Landshut: Asylbewerber verkauft Drogen an Minderjährige

10-jähriger Wiener Bub in Hallenbad vergewaltigt: massive Verletzungen

St. Ingbert: Syrer onaniert vor vier Frauen in der Sauna

Vergewaltigung im Erlebnisbad: So wurde die Rutsche zur Falle

Herford: Somalier soll 88-Jährige vergewaltigt haben

Zusammengesucht von den Seiten normaler Zeitungen, flottierten diese Nachrichten durchs Netz. Ihr Wahrheitsgehalt wertete die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien gleich mit auf.

Wo viele Millionen Menschen zusammenleben, kann man für fast jede Verallgemeinerung Belege finden, man muss nur lange genug suchen. Vorstellbar wäre ein Freundeskreis, der Beweise für die Gewalt von Wanderern gegen Mountainbiker zusammenträgt. Oder von Putzfrauen gegen Haustiere. Sechs Wochen volle Dosis auf Facebook, und ich wäre in großer Sorge um die deutsche Hauskatze und hätte einen Hass auf Putzfrauen.

So sind es jetzt die Flüchtlinge. Und obwohl ich wusste, dass ich Opfer einer selektiven Wahrnehmung war, begann ich mich zu fragen, ob diese Fremden vielleicht doch gefährlich sind. Und wie es wohl wäre, wenn die Freunde von Matthias Weiß auf Dauer meine einzige Nachrichtenquelle bleiben würden.

In ihrem Büro neben dem Reichstag hatte Claudia Roth erzählt, wie sich in letzter Zeit das Verhalten der Bürger ihr gegenüber gewandelt hat. Am Tag zuvor hatte sie in München ein Wirtshaus betreten, dort saßen Männer an einem Tisch, sahen Roth, riefen "Hau ab!" und "Menschen wie du haben in Bayern nichts verloren!". Und als Claudia Roth den Schauplatz des Zugunglücks von Bad Aibling besuchte, stand da diese Frau, die "Du dreckige Sau! Du Schlampe!" brüllte. Immer wieder. Roth ging hin: "Was haben Sie da gesagt?" Die Frau lachte nur: "Haha, Meinungsfreiheit! Ich hab doch Meinungsfreiheit!"

Solche Sätze kenne ich. Von der Facebook-Seite von Matthias Weiß. Das Verhalten dort, es springt nun also über in die Realität.

Uwe Junge, der alte CDU-Mann. Werner Kaiser, der alte Sozialdemokrat. Alice Weidel, die Urliberale. Björn Höcke, der Tausend-Jahre-Deutschland-Hetzer. Diese vier Menschen hätten einander wohl nicht viel zu sagen, wenn man sie einen Tag lang irgendwo einsperren würde. Sie sind Teil derselben Bewegung – in derselben Partei werden sie auf Dauer nicht bleiben.

Als die Grünen jung waren, blieb auch nicht jeder dabei. Zuerst mussten die rechten Heimatfreunde gehen, später erwischte es die linken Ökosozialisten. Zählt man die Vorgeschichte dazu, von den 68ern über die Umweltbewegung, dann hat das Heranreifen der modernen Grünen mindestens zwei Jahrzehnte gedauert. Heute geht ja vieles schneller. In einer Zeit, in der soziale Medien alle Gegensätze und Idiotien sofort nach draußen spiegeln, sortieren sich soziale Bewegungen wie auf Speed. Vielleicht wird die AfD so harmlos, wie es die Grünen geworden sind. Vielleicht verschwindet sie wieder. Aber selbst wenn das geschieht: Die neue Bürgerbewegung von rechts, die werden wir nicht mehr los.

Ich glaube, diese Bewegung tut selber das, was sie der Kanzlerin vorwirft. Sie hat ein Experiment mit ungewissem Ausgang entfesselt. Die AfD-Leute experimentieren mit anderen. Und mit sich selbst.

Neulich hielt eine Kandidatin der AfD eine Rede. Es war einer dieser Auftritte, wie sie im Wahlkampf an vielen Orten zu sehen sind. Nichts Besonderes. Die Kandidatin stand sehr gerade am Pult, sie trug ein dunkles Jackett und sprach eher ruhig. Dabei blätterte sie durch ihre Notizen. Sie griff den Justizminister an, nicht so schlimm wie Jürgen Elsässer; aber ein Amtsenthebungsverfahren forderte auch sie. Sie griff Claudia Roth an, in gesetzteren Worten, als man es auf Facebook liest; sie zählte deren Privilegien auf. Ein Vizepräsident des Bundestags sei "in den schönsten Büros des Parlaments untergebracht", drei große Amtszimmer, zwei Sekretärinnen, ein persönlicher Referent, 15.000 Euro Monatsgehalt. Und das alles für eine Frau, "die hinter dem Schwarzen Block hinterherrennt: Deutschland, verrecke!".

Das Publikum buhte und klatschte höhnisch. Es hatte die Botschaft verstanden: Claudia Roth ist von gestern. Jetzt sind wir dran. Wenn ihre Privilegien jemandem zustehen, dann uns.

Die Rednerin hieß Alice Weidel.