Beginnen wir mit einer etwas hinterlistigen Frage: Die EU steht vor dem Durchbruch, die Kanzlerin bei den Landtagswahlen vor einer Zweidrittelmehrheit für ihre Flüchtlingspolitik – wird jetzt also alles gut? Können wir nach Monaten des oft erbitterten Streitens mit Freunden, Kollegen und Verwandten nun endlich auf Versöhnung umstellen?

Nein, dafür ist es noch etwas zu früh. Es gibt noch ein bisschen was zu streiten, auch für diejenigen, die sich nicht in der Dauerwut häuslich eingerichtet haben. Vor allem deswegen, weil nicht die deutschen Befindlichkeiten das Problem sind. Das Problem ist das Problem – die Flüchtlinge, die bei Idomeni im Schlamm sitzen oder weiterhin übers Meer nach Griechenland kommen oder die in diesen Stunden gerade erst aufbrechen aus Aleppo oder Homs. Für sie ist noch nicht wirklich gesorgt, nicht mal für diejenigen unter ihnen, die es in deutsche oder schwedische Turnhallen geschafft haben.

Es gibt noch andere Gründe dafür, den Streit nicht jetzt schon zur Gänze einzustellen. Zunächst mal ist da die Sache mit den Landtagswahlen. Eigentlich könnten sie eine ungeheuerliche politische Provokation der von Angela Merkel geführten Bundesregierung heilen. Die bestand darin, Deutschland zu einem Flüchtlingserwartungsland zu machen sowie sich für die Nöte der arabischen Welt für zuständig zu erklären – und das ohne irgendeine spezifische demokratische Legitimation. Diese Flüchtlingspolitik stand in keinem Parteiprogramm, sie war nicht Gegenstand des Bundestagswahlkampfes, obendrein wurde sie stets schneller gemacht als erklärt. Alles in allem: eine politische Grundgesetzänderung durch die kalte Küche.

Doch nun bekommt Merkel mit den drei Landtagswahlen das, was die Volkskammerwahl in der DDR im März 1990 für Helmut Kohls Vereinigungspolitik war – eine nachträgliche demokratische Legitimation. Um das zu wissen, braucht man den kommenden Sonntag womöglich nicht abzuwarten. Denn dass jene Parteien, die Merkels liberale Flüchtlingspolitik unterstützen, mehr als zwei Drittel der abgegebenen Stimmen bekommen, das lässt sich mit einiger Sicherheit prognostizieren. Was wiederum nicht unbedingt an der einhelligen Begeisterung für Merkel liegt, sondern daran, dass die AfD als in Teilen rassistische Partei für die meisten unwählbar ist und dass Christian Lindner, Chef der kleinen FDP, mit seiner zwar populistischen, aber immerhin rassismusfreien Polemik gegen die Kanzlerin noch nicht zu einem breiteren Publikum durchgedrungen ist.

Hinzu kommt eine Verwirrung des eingeübten politischen Farbenspiels, wie sie die Republik noch nicht erlebt hat. Manche mögen sich daran erinnern, dass zu Beginn der Legislaturperiode vor unvordenklichen zweieinhalb Jahren über die äußerst heikle Möglichkeit einer schwarz-grünen Koalition verhandelt wurde. Und heute? Heute stellen die Grünen die Kanzlerin, die aber möglicherweise in der CDU ist, während die CDU den baden-württembergischen Ministerpräsidenten stellt, der aber, wie man hört, bei den Grünen sein soll. Und weil sowohl ein gewisser Guido Wolf aus Baden-Württemberg wie auch die famose Julia Klöckner aus Rheinland-Pfalz sich ein wenig ungeschickt von der Kanzlerin abgesetzt haben, weiß man noch nicht mal genau, wie die Stimmen für diese beiden Fast-Rebellen zu werten sein werden – für oder gegen die Kanzlerin? (Für politische Gourmets: Wenn Wolf/Klöckner mehr bekommen, als die CDU zurzeit in bundesweiten Umfragen hat, dann muss man das als Votum gegen Merkel werten; wenn sie drunterliegen, als eines für sie.)

All das zeigt: Das politische System ist in einem rasanten Umbruch, Programme sind meist vor Drucklegung hinfällig, Personen passen oft nicht mehr zu den Parteien, Volksparteien werden zu Kleinparteien, Kleinparteien machen einen auf Volk, Legitimation wird volatil, Wahlergebnisse sind Ansichtssache.

Der tiefere Grund für diese Vieldeutigkeiten, für die Auflösung von Begriffen liegt in der historischen Dimension des Umbruchs, in dem wir uns befinden. Es ist das "Rendezvous mit der globalen Gerechtigkeit", die nächste Stufe der Globalisierung. Da sollte man nicht auf schnelle Klärung hoffen, sondern sich in Geduld üben und vor allem die Widersprüche genießen, wie ein kompliziertes Stück Jazz.

Auch auf die Frage, was ein mutmaßlich gutes Abschneiden der AfD für den zivilisatorischen Gesundheitszustand der Deutschen bedeutet, lassen sich zwei völlig gegensätzliche Antworten geben. Wertet man diese Partei als rechtsextrem und legt als Maßstab die letzten 70 Jahre deutscher Geschichte zugrunde, dann muss man tiefschockiert und hochbesorgt über den Rechtsruck der Republik sein. Wer hingegen den seit Jahren anhaltenden Linkstrend der CDU veranschlagt, kann kühl konstatieren: Nun wissen wir also, wie viele richtig rechte Wähler es gibt, bislang waren sie ja zu einem erheblichen Teil in der Union verhüllt. Wenn man zudem die unglaublichen Zumutungen der Gegenwart als Maßstab nimmt – Millionen Flüchtlinge, Klimakrise, Finanzkrise, Entschwinden der USA, Aggression aus dem Osten, Bedeutungsverlust des Mannes –, dann wirken 15 Prozent für die AfD beinahe schon wie ein Ausweis demokratischer Coolness der Deutschen.

Auch in dem, was man bis vor Kurzem noch Außenpolitik genannt hätte, spiegelt sich diese Zwiespältigkeit, je nachdem, ob man die sich abzeichnende Einigung zwischen der EU und der Türkei mit der Idylle vergleicht, aus der man kommt, oder sie an dem Ideal misst, das man in sich trägt – oder ob man den Maßstab einer aus den Fugen geratenen Welt anlegt.

Nehmen wir die Türkei. Sie ist zugleich einer der autoritärsten Staaten Europas und einer der liberalsten des Mittleren Ostens. Endlich, so ließe sich sagen, versteht die EU, welch große Chance, welches Risiko und welche Verantwortung in dieser türkischen Doppelgestalt für sie liegen: Endlich kommt Bewegung in die leidige Zypernfrage; endlich wird den Türken Visafreiheit gewährt – doch halt!, hier kippt schon wieder der Maßstab. 72 Auflagen müssten die Türken dafür bis Juni erfüllen. Und wenn nicht? Wird die EU in ihrer Flüchtlingsnot trotzdem darauf bestehen, oder gibt es dann Rabatt?

So wie er der Türkei zurzeit in Sachen Demokratie still gewährt wird. Und nicht einmal das genügt Erdoğan, der die Repression genau in dem Moment demonstrativ verschärft, da die EU auf sein Entgegenkommen angewiesen ist. Die Unterdrückung türkischer Medien ist ein Zeichen nach innen wie nach außen. Nach innen: Auch die große Wertegemeinschaft der EU kann und will euch nicht retten. Nach außen: Seht her, nicht einmal die EU wagt, mir zu widersprechen, ich habe die mächtigste Frau der Welt zum Schweigen gebracht; ich habe gesagt, komm, und sie ist gekommen, zu meinen Füßen, in meinen Palast.

Merkel wird darüber nur bitter lächeln, zum Demütigen gehören schließlich immer zwei. Aber weiß Erdoğan das?

Jedenfalls muss die EU nicht auf die Nettigkeit einer zurzeit besonders unnetten türkischen Regierung wetten, hier geben Interessen den Ausschlag. Immerhin haben die Türken mit ihrem Vorschlag an die EU einen großen Schritt gemacht, sie haben gezeigt – und zugegeben –, dass auch sie eine neue Beruhigung an der Flüchtlingsfront brauchen. Die Türkei hat nämlich zurzeit etwas zu viele Fronten: im Krieg mit den Kurden, unter Druck durch die Russen, Assad gestärkt, Flüchtlingsland Nummer eins, Terror in den Städten. Und nicht viele Freunde auf dieser Welt. Auch Erdoğan wird sich bald entscheiden müssen, ob er nicht doch ein paar Freunde braucht und wer die sein könnten.

So ist es mit den autoritären Gesten dieser Tage; Stärke demonstrieren, wo Schwäche ist, das hält nicht lange. Zum Beispiel das Sperren der Balkanroute. Zunächst macht so etwas Eindruck, Staatsmänner bewegen Menschen oder halten sie auf. Nur macht sich dazwischen eben Chaos breit, das dann andere aufräumen müssen. Die Frage nach diesem EU-Gipfel und vor dem kommenden in einer Woche lautet ja, warum Angela Merkel sich durchzusetzen scheint. Anders als in der Euro-Krise führt sie die EU aus einer Position der Schwäche heraus, die Zeit läuft gegen sie, Freunde wackeln, Feinde erleben einen späten Frühling. Sollte sie sich dennoch durchsetzen, dann nur, weil sie Geduld und einen Plan hat.

Aber ist er auch wirklich nachhaltig? Gerald Knaus – Vorsitzender des Thinktanks ESI und einer der Erfinder des "Merkel-Plans" mit der Türkei – glaubt, dass der Kanzlerin in Brüssel ein Coup gelungen sei. Die Türken haben ein umfassendes Angebot vorgelegt, die Griechen werden nicht ihrem Schicksal überlassen, den Schleppern wird ein Großteil ihres Geschäfts genommen, legale Flüchtlinge bekommen Sicherheit, illegale noch mehr Stress. "Sehr gut möglich, dass am Ende nicht Merkel, sondern Viktor Orbán isoliert dasteht", meint Knaus. Der Erfolg hängt für ihn, der gerade mit griechischen Behörden diskutiert hat und nun in Wien Gespräche führt, an zwei Dingen. Erstens: Die Österreicher, die für das Gelingen von Merkels Plan essenziell sind, müssen eine zweite Wende vollziehen – sie müssen erkennen, dass die Abriegelung der Balkanroute bestenfalls eine vorübergehende Entlastung verschafft, die schon in zwei, drei Wochen versagt, wenn genügend Flüchtlinge aus Griechenland die mazedonische Grenze ein paar Kilometer jenseits der Absperrung überqueren. Die Flüchtlinge wollen zwar nicht nach Ungarn, sodass Zäune für Viktor Orbán funktionieren – für Österreich aber wird das auf Dauer nicht reichen. Die Regierung Faymann müsste sich darauf einlassen, Flüchtlinge aus der Türkei aufzunehmen: geregelt, legal, begrenzt. Wer Schengen retten will, so Knaus, kann sich nicht dauerhaft hinter Zäunen verschanzen.

Und zweitens brauchten die Griechen, die derzeit nur 120 Beamte zur Bearbeitung von Asylanträgen beschäftigen, massive Unterstützung. Sie sollten sich nicht an dem hoffnungslosen Plan aufreiben, ein Kontingent von 160.000 Flüchtlingen aus Griechenland umzuverteilen, sondern sich voll auf das Rücknahme-Abkommen mit der Türkei konzentrieren.

Das sind Details, die den nächsten EU-Gipfel beschäftigen werden. Doch im Kern haben die Türken mit ihrem Konzept Sympathie errungen, den syrischen Flüchtlingen in ihrem Land zu signalisieren: Das Warten ist nicht nutzlos, weil ihr auch Bildung für eure Kinder bekommt sowie Arbeit für euch selbst. Und: Das Warten wird nicht endlos sein, habt Geduld, dann wird man euch nach Europa holen.

Macht also die Türkei nun die Drecksarbeit für die moralisch hochveredelten Europäer? So ist es jedenfalls nicht gedacht. Das Konzept lautet: erträgliche Lebensumstände statt gewaltsamer Grenzen, Geduld üben statt Schlepper finanzieren; den Behörden vertrauen statt den Kriminellen.

Geduld, immer wieder Geduld. Es ist das Wort der Stunde, eine Chiffre für Macht ohne Hast. Auch darin liegt ein Widerspruch. Denn für die Flüchtlinge, die leiden, die krank sind, die immer noch im Mittelmeer ertrinken, geht das alles viel zu langsam. Die EU hingegen, die für gewöhnlich in Jahrfünften rechnet und dabei schon in einen Geschwindigkeitsrausch kommt, macht nun seit einem Jahr Flüchtlingspolitik im Höchsttempo. Sieht echt nicht gut aus, geht aber voran und ist wieder europäisch eingefangen.

Was das alles mit den Landtagswahlen zu tun hat? Nun, zumindest ist klar, was es damit nicht zu tun haben wird: Die Ergebnisse sind für Angela Merkel kein Kriterium mehr, sie entscheiden "null Komma null" über ihre Zukunft, so sieht sie das. Sie will Europa einen, den Mittleren Osten befrieden helfen, Russland bezähmen und diese Dinge. Rheinland-Pfalz sieht auf der Landkarte ihres Denkens nicht besonders groß aus. Auch das kann man provozierend finden.

Ohnehin fragt sich, was Deutschland nun mit all den Gefühlen macht, die sich im vergangenen halben Jahr aufgebaut haben. Mit der Wut, mit den ins Weltanschauliche übersteigerten Aversionen gegen die Kanzlerin. Manch einer hat ja darauf gehofft, dass sich all das in drei Landtagswahlen und auf zwei Gipfeln entladen werde. So wird es aber nicht sein. Die Gipfel bringen wahrscheinlich Fortschritt – und weitere Gipfel.

Tja, die Landtagswahlen. Erinnern Sie sich noch an die fünfbändige Science-Fiction-Satire Per Anhalter durch die Galaxis? Da bauen Außerirdische einen gigantischen Computer, um eine Antwort zu finden. Sie lautet schließlich "42". Nur weiß niemand mehr, wie die Frage lautete, auch der Computer nicht.

Die Flüchtlinge sind die Frage, die Antwort lautet offenbar: Geduld.

Mitarbeit: Matthias Krupa, Mariam Lau

Mehr zu den Wahlen: Die AFD-Basis - was sind das für Leute? Unser Reporter zog aus, sie kennenzulernen. Er traf nicht nur auf Rechtsextreme, sondern auch auf Menschen, die ihm seltsam vertraut vorkamen.