Woher kommt das Land der Apachen? Das Land, sagt Michael Darrow, sei den alten Mythen nach aus dem Wasser gestiegen, wie eine Fata Morgana aus einem See. Dann kam Tubajiishchinen auf die Welt, der Schöpfer. Vergeblich versuchte ihn Gyeeye, der böse Geist, zu fressen. Als Tubajiishchinen erwachsen war, bekämpfte er seinen Feind mit Pfeil und Bogen. Der Gyeeye trug ein Gewand aus Steinen, sodass der Pfeil abprallte, aber der Schuss war so gewaltig, dass das Gewand abfiel. Darunter trug der Gyeeye ein weiteres Gewand aus Stein. Auch darauf schoss Tubajiishchinen, und auch dieses fiel ab. Als das letzte Gewand abgefallen war, tötete er den Gyeeye mit seinem letzten Pfeil und zog aus, die junge Welt bewohnbar zu machen ...

Michael Darrow ist Historiker der Apachen, er gehört zu dem vormals mächtigen Indianerstamm der Chiricahua. Der hochgewachsene Krieger trägt die ergrauten Haare in der Art seiner Vorfahren lang und offen. Um seinen Nacken hängt ein besticktes Lederband, das auf Brusthöhe mit einer Spange zusammengehalten wird, und er erzählt den Schöpfungsmythos der Apachen, weil ihr Land wieder einmal in realer Gefahr ist. Darrow will retten, was den Apachen von Tubajiishchinen anvertraut wurde.

Deshalb ist er aus Oklahoma nach Phoenix gekommen, ins Heard Museum of Native Culture and Arts, das mehr ist als ein Museum: das Zentrum der indianischen Kultur im Südwesten der USA. Hier stellen sie Töpferei aus, besticktes Leder, alte Karten, Skulpturen und Schmuck. Das Museum wird beraten vom American Indian Advisory Committee, in dem die Vertreter von einem Dutzend Stämmen sitzen. Ihre Mission: die indianische Geschichte zu rekonstruieren, die nur noch in Bruchstücken von Mythen überliefert ist, mündlich, in alten, aussterbenden Sprachen.

Außerdem kämpfen sie in Arizona seit einigen Monaten um einen kostbaren Flecken Heimat: 60 Kilometer östlich von Phoenix liegt Oak Flat, heiliges Land der Apachen, das von den beiden größten Minenkonzernen der Welt aufgekauft wurde.

Darrow trifft im Museum seinen Verbündeten Jeff Haozous, den Anführer der Fort-Sill-Apachen, die auf die Chiricahua zurückgehen. Während der großen Indianer-Vertreibungen des 19. Jahrhunderts wurden die letzten widerständigen Chiricahua nach Fort Sill in Oklahoma verschleppt und interniert. Nun sind zwei Nachfahren, Michael und Jeff, zurück in Arizona, um den San-Carlos-Apachen zu helfen, bei deren Reservat Oak Flat liegt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Die Familie von Jeff Haozous kannte noch den letzten Kriegshäuptling der Apachen, Geronimo, den Anführer der Chiricahua. Erbittert wehrte der sich gegen die Truppen Mexikos und der USA, nachdem er erlebt hatte, wie seine Mutter, seine Frau und seine Kinder ermordet wurden. Wegen zahlreicher Siege gegen die Landräuber galt Geronimo als heilig. Später wurde sein Stamm in ebenjenes Reservat San Carlos verbannt, wo nun die Bulldozer anrücken.

Haozous weiß alles über Geronimo, weil sein Großvater, der 1868 geboren wurde, dessen Übersetzer war. Der Häuptling war in verschiedenen Gefängnissen interniert und durfte bis zu seinem Tod 1909 sein Land nie wieder betreten. Auf dem Totenlager soll er gesungen haben: "O Ha Le a" – ich warte.

Jeff Haozous, der Enkel des Übersetzers, ist jetzt 54, Betriebswirt und Experte für Onlinemarketing; er hat den Abschluss einer der weltbesten Unis, der Duke University. Haozous trägt die Haare kurz und kämpft für die Rechte der Indianer: Nach seinem Treffen mit Darrow wird er weiterfliegen nach Santa Fe zum Indian Governors Council, der eine Pipeline durch das Land der Hopi verhindern will.

Beide Stammesführer verfolgen eine Mission. Sie wollen nicht nur die Religion und die Kultur der Apachen rekonstruieren, sondern auch ihr Land zurückerobern. Nicht mehr mit Pfeil und Bogen, sondern mithilfe von Anwälten, Gutachten und des ersten Zusatzartikels der amerikanischen Verfassung, der ihnen Religionsfreiheit garantiert. Ihr derzeit schwierigstes Schlachtfeld heißt Oak Flat: Der heilige Ort ist heute ein Campingplatz in der Einsamkeit der rötlichen, steinigen Berge Arizonas. Er liegt am Rand eines Eichenwäldchens, nahe der San Carlos Apache Reservation. Dort leben 15.000 Apachen – von 30.000, die es heute noch gibt. "In Oak Flat findet traditionell die Zeremonie statt, bei der Mädchen zu Frauen geweiht werden", sagt Darrow.