Es ist schwer, sich von diesem Adagio molto e mesto als Zuhörerin emotional nicht in die Knie zwingen zu lassen. Besser, man schickt sich drein, nach allem, was geschehen ist. Und blickt den schlimmen Stellen gefasst entgegen, gleich in Takt acht etwa, wenn das Eingangsthema ins Cello wandert, im Diskant gespielt, als drängte sich das große, kräftige Instrument wie ein Kuckuckskind unter die Fittiche der drei kleineren, der Bratsche und der beiden Geigen. Besser, man lässt der Erschütterung und den Assoziationen freien Lauf. "Einen Trauerweiden- oder Akazienbaum aufs Grab meines Bruders", notierte Beethoven im Blick auf sein Streichquartett op. 59,1, das erste der drei Rasumowski-Quartette (benannt nach dem Widmungsträger, einem russischen Diplomaten). Worte, die keineswegs den Tuberkulose-Tod seines Bruders Kaspar vorwegnehmen, sondern ein bitterer Kommentar sind zu dessen Heirat mit Johanna Reiß, der Verhassten. Demnach kann es Beethoven mit dem grubenschwarzen f-Moll in diesem langsamen dritten Satz, mit den Spielanweisungen zum Verschwinden oder Ersterben des Klangs wohl ernst, aber kaum todernst gewesen sein. Ein Trost?

Dieses Adagio molto e mesto mag wie ein Requiem anmuten; aber es ist keins, oder wenn, dann eines auf den klassischen Sonatensatz, Komponisten bearbeiten Menschheitliches nun einmal mit musikalischen Mitteln, und der Beethoven des jungen 19. Jahrhunderts war zwar ein Aufrührer, aber kein Romantiker. Meine Musik ist abstrakt, sagt Beethoven hier – und lässt einen schlichten Hauskonzertabend im März 2016 zum Ereignis werden. Plötzlich triumphiert die Musik über das Leben, das Leben und den Tod und jede Form der Exegese gleich mit. An jenem Abend präsentiert sich das Artemis Quartett zum ersten Mal nach seiner achtmonatigen Trio- und Trauerphase in neuer, vollständiger Besetzung. Und ausgerechnet in Beethovens Adagio siegt bei den Zuhörern die Gefühlsgewissheit, dass die Artemisianer wieder die werden könnten, die sie waren: eines der besten Streichquartette weltweit, ja das beste überhaupt im 21. Jahrhundert. Und auch eines der schwierigsten, sensibelsten, austernhaft verschlossensten. Das Balancieren auf hohem Seil hat seinen Preis.

Anfang Juli 2015 hat sich Friedemann Weigle, der Bratscher des Quartetts, umgebracht. Ein Schock, eine brutale Zäsur. Dass der 53-Jährige unter Depressionen litt, war bekannt, auf einen Suizidversuch folgten Klinikaufenthalte und Therapien, nach 2007 aber, als er dann bei Artemis spielte, auch gefestigte Phasen. "Die Jahre im Quartett waren ein Wunder", sagt der zweite Geiger Gregor Sigl, der zeitgleich mit Weigle in das Ensemble eingetreten ist, ein so barocker wie sanfter, intellektueller Typ. Einen "Schutzwall der positiven, geradezu euphorischen Einstellung" habe Weigle um sich herum errichtet, fügt Eckart Runge hinzu, der Cellist, den alle nur "Ecki" nennen, das habe den Freund am Leben gehalten. Wenige Wochen vor dessen Freitod erhielt Runge selbst eine Krebsdiagnose. Und überstand die Krise, die, wie sollte es anders sein, auch eine Krise des Quartetts war. Weigles Wall aber bröckelte. Er sprach darüber, wie schlecht es ihm gehe, zum ersten Mal. Und machte es schließlich so, dass nichts schieflief.

Mitte Dezember, wir sitzen in einer Hamburger Osteria, abends wird das Artemis Quartett in der Laeiszhalle seine In memoriam Friedemann Weigle-Tour fortsetzen (mit wechselnden Pianisten als Partnern). Eigentlich wollten wir nach einem ersten Treffen im Herbst in Berlin unser Gespräch über die Suche nach einem Nachfolger, einer Nachfolgerin fortsetzen, jetzt stochern die drei in ihren Salat- und Pasta-Tellern und reden fast nur über ihn, Friedemann. Die Suche macht keine Fortschritte, der Druck seitens der Veranstalter wächst, nach einem halben Jahr will die Musikwelt wissen, was los ist. 156 Bewerber aus aller Welt – und kein einziger soll gut genug sein? Ist das jetzt Hochnäsigkeit oder pure Verzweiflung?

Vielleicht ist das Prozedere durch die Zweigleisigkeit etwas komplizierter als gewöhnlich: Nach Weigles Tod ist Gregor Sigl, der beides kann, von der zweiten Geige auf die Bratsche umgestiegen und fühlt sich dort wohl. Der oder die Neue könnte also wiederum beides spielen, Geige und/oder Bratsche, wobei sich erwartungsgemäß mehr Geiger gemeldet haben. In jedem Fall sei es schön, darin sind sich die Musiker einig, auf "Peacys" (so Weigles Spitzname) Platz keinen Fremden zu wissen, zumal Sigl seine Bratsche spiele, ein herrliches, honigfarbenes Instrument. "Ab und zu höre ich seinen Sound", erzählt der gebürtige Bayer mit leiser Stimme, und wenn er den Instrumentenkasten öffne, rieche es manchmal noch nach ihm.

Streichquartett spielen ist eine Frage von sozialem Umgang miteinander

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Als Vineta Sareika, die wache, lustige, kräftige erste Geigerin, sich zu Beginn der Memoriam-Tour im Oktober einen Halswirbel verrenkte und ein Konzert abbrechen musste, war es, wie immer, nicht ihr Wirbel, der Probleme machte, sondern "unser" Wirbel. Ganz wie es im Sommer nicht Eckart Runges Diagnose war, sondern "unsere" Diagnose. Streichquartett spielen sei eine "Lebensweise", erklärt Sonia Simmenauer, seit Mitte der neunziger Jahre die Agentin der Artemisianer, eine mächtige Figur im internationalen Kammermusikzirkus: "Man ist nicht mehr Ich, sondern nur noch Wir. Man ist unersetzbar und trotzdem individuell nicht vorhanden." Zwei Geigen, eine Bratsche und ein Cello sind zusammen ein Kollektiv und doch kein Kollektiv; sie führen die intimste menschliche Beziehung, die sich in der Öffentlichkeit zuträgt. Der Schutz der Gruppe ermöglicht Bekenntnisse, die weder solistisch noch im Duo vorstellbar wären. Und in der Masse, im Orchester, erst recht nicht.

Doch wie ist es zu verkraften, dass ein Mitglied die Gruppe verlässt und dies nicht aus künstlerischen oder familiären Gründen tut (drei Wechsel dieser Art hat das Artemis Quartett erlebt), sondern weil ihm der Lebensmut fehlt? Steht am Ende dann auch "unser" Selbstmord? Die Tiefe der Verletzung, die Friedemann Weigle dem Quartettkörper zugefügt hat, ist nicht zu ermessen. Dankbar sei man, heißt es, dass er so prall gelebt und so viel hinterlassen habe. Bei der Trauerfeier Ende Juli verlas die Schauspielerin Dörte Lyssewski eine Rede, die Vineta Sareika, Gregor Sigl und Eckart Runge gemeinsam auf "Peacy" verfasst hatten und in der es schrägerweise auch um die Intonation der reinen Septime geht, einen notorischen Streitpunkt im Quartett: "Friedemann hatte verstanden, dass Konflikt und Harmonie sich nicht ausschließen müssen – auch nicht in einem dissonanten Intervall. Diese Erkenntnis blieb nicht nur eine musikalische, sondern wurde für uns auch eine philosophische, eine Frage von Leben und sozialem Umgang." Danach haben sie für ihn die Aria aus Bachs Goldberg-Variationen gespielt.

Weigles Nachfolge ließ sich durch dieses Plädoyer nicht leichter regeln, im Gegenteil. Wo die Reflexion einen so hohen Stellenwert besitzt, hält man nicht bloß nach dem nächsten fabelhaften Musiker Ausschau. Da verlangt man mehr, eine Ausdruckslust, ja -wut, das präzise Definieren und Verbalisieren von musikalischen Charakteren. Auch das spiegelt die Länge der Suche wider. Diese als Außenstehende begleiten zu wollen ist ein Wagnis. Vor allem zu Beginn ging faktisch gar nichts, allen positiven Signalen der Musiker zum Trotz. Ein Blick in die eingesandten Bewerbungen? Das widerspräche jeder Diskretion. Zuhören bei einzelnen Auditions? Verfälschte die Lage und setzte die Kandidaten noch mehr unter Druck. Ein Probenbesuch, wenn es denn vollbracht sei? Probenbesuche gebe es grundsätzlich nicht. Das Artemis Quartett, sagt Sonia Simmenauer in ihrem schönen Büro am Berliner Ku’damm, sei ein Tier, "das ich nicht berühren kann. Ein Igel vielleicht." In seinen Kern lasse es niemanden hinein. Und recht habe immer derjenige, der Nein sage.