Die NS-Broschüre "Die Juden in USA" mit dem New Yorker Bürgermeister und erklärten Nazigegner Fiorello LaGuardia auf dem Titel. Die darin gezeigten Fotografien stammten überwiegend von AP. Abb.: Hans Diebow (Hg.), Die Juden in USA. Über 100 Bilddokumente, Berlin, 1939

DIE ZEIT: Frau Scharnberg, Sie haben nationalsozialistische Zeitungen und Propaganda-Broschüren daraufhin untersucht, woher die darin verwendeten Fotos kamen. Ihr Ergebnis lautet, dass die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) mitunter zu den wichtigsten Lieferanten gehörte. Wie kann das sein?

Harriet Scharnberg: Der Befund hat auch mich zuerst überrascht. Nüchtern betrachtet zeigt sich aber, dass die Agenturen die Bilder wie Waren behandelten. Und da bis zur deutschen Kriegserklärung an die USA Ende 1941 noch Wirtschaftsverbindungen zwischen den beiden Ländern bestanden – Warenlieferungen einschlossen –, gab es auch einen Austausch von Bildern.

ZEIT: War AP die einzige Nachrichtenagentur, die sich daran beteiligte?

Scharnberg: Von Mitte der dreißiger Jahre an ja. 1934 trat das sogenannte Schriftleitergesetz in Kraft. In Redaktionen und Bilddiensten durften fortan nur noch Deutsche "arischer" Abstammung arbeiten, die nicht mit Juden verheiratet waren. Die Vorschrift galt auch für internationale Agenturen, die Dependancen im Reich gegründet hatten. Darunter waren das britisch-amerikanische Unternehmen Keystone und Wide World Photos, der Bilderdienst der New York Times. Anfangs hielt sich das NS-Regime ihnen gegenüber zurück. 1935 aber stellte das Propagandaministerium diese Agenturen an den Pranger, weil sie weiterhin Juden beschäftigten. Daraufhin gaben alle Agenturen den Standort auf. Nur AP entschied sich zu bleiben.

ZEIT: Warum?

Scharnberg: Da kann ich nur spekulieren. Sympathien für das NS-System standen sicher nicht dahinter. Ausschlaggebend scheint mir zu sein, dass AP mit dem Verbleib in Deutschland eine einzigartige Marktstellung gewann. Erkauft wurde sie mit der Entlassung der jüdischen Mitarbeiter. Die Agentur wurde gleichgeschaltet und verlor ihre Unabhängigkeit.

ZEIT: Das heißt?

Scharnberg: Das Propagandaministerium griff direkt auf die Fotoagenturen zu, denn sie waren die Schnittstelle zwischen der Produktion der Bilder und ihrer massenhaften Verbreitung in den Medien. Das Propagandaministerium hatte das Recht, die Agenturarchive zu zensieren. Es steuerte den Einsatz der Fotoreporter zu bestimmten Anlässen. Zudem mussten die Agenturen ihre Bilder dem Ministerium zur Zensur vorlegen.

ZEIT: Was versprach sich das Regime von der Zusammenarbeit? Statt die Agentur gleichzuschalten, hätte man sie ja auch vor die Tür setzen können.

Scharnberg: Dazu war die Zusammenarbeit zu attraktiv. Denn mithilfe der Agentur ließen sich Propaganda-Aufnahmen auch außer Landes lancieren: Geadelt durch AP, sollte das Material den Charakter neutraler Nachrichtenfotos gewinnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

ZEIT: War man sich dessen bei AP bewusst?

Scharnberg: Die AP-Zentrale in New York wies darauf hin, dass die Bilder die deutsche Zensur passiert hatten. Zwar übernahm sie häufig die Bildbeschriftung aus Deutschland, stellte aber immer klar, dass sie von einem Zensor stammte. AP hoffte, dadurch die grundsätzliche propagandistische Ausrichtung der Fotos kenntlich zu machen. Nur war man sich häufig unsicher, wo genau der propagandistische Gehalt steckte. Die Bildbeschriftung weiterzugeben hieß daher auch, die eigene Unsicherheit weiterzureichen und damit den Redaktionen die Verantwortung aufzubürden. Die Redaktionen überließen es dann in der Regel ihren Lesern, sich selbst einen Reim zu machen.