Kunstkäufer waren auch mal Kinder. Vielleicht glückliche, vielleicht besonders unglückliche. Exzentrische oder angepasste. Doch darum geht es hier nicht, die reale Kindheit der Sammler spielt auf dem Markt keine entscheidende Rolle. Trotzdem boomt gerade in den vergangenen Jahren eine Kunst, die das Kindliche repräsentiert. Nicht die subjektive Aufarbeitung von schicksalhaften Kindheitserlebnissen, dafür umso mehr die fantastische Fiktion von allgemeineren Kindheitsträumen.

Sotheby’s brachte Anfang des Jahres erst wieder neues Kunst-Spielzeug unter die Sammler. Auf ihrer Auktion "Boundless" in Hongkong konnten hippe Spielefiguren in Bärenform ersteigert werden, Smiley-Blumen von Takashi Murakami, ein Radio in Hundegestalt und natürlich eine Variation des legendären Ballonhundes von Jeff Koons. Die handlich kleine Version aus Porzellan erbrachte umgerechnet gut 13.000 Euro. Eine über drei Meter hohe Stahlversion des Balloon Dog (Orange) war 2013 von dem Aktionshaus Christie’s für gut 58 Millionen Dollar versteigert worden.

Aus einem länglichen Ballon geknotete Tiere begeistern normalerweise Kinderherzen, so lange, bis wortwörtlich die Luft raus ist und das Objekt der Begierde unansehnlich verschrumpelt. Koons’ Varianten aus Metall und Lack oder Porzellan halten die kindliche Faszination hingegen dauerhaft lebendig. Durch den hohen Preis wird sie sogar ungemein verstärkt: Der Käufer setzt sich selbst ein Denkmal, indem er seine Kaufkraft, das heißt seinen Sonderstatus, unter Beweis stellt. Die Kindlichkeit wird so zum Statussymbol, da nur er es sich leisten kann, dieses Stück stilisierte Kindheit für Millionen zu ersteigern.

Als der Dichter F. M. Klinger in seinem Drama Sturm und Drang schrieb: "O, gieb mir kindliche Ideen! Ich find an nichts Freude mehr. All meine Lieblingssachen, meine Kupfer, meine Gemählde, [...] alles ist mir gleichgültig geworden", stieß er mit seinem Jugendstück in eine revolutionäre Bewegung gegen das herrschende Poesie- und Kunstverständnis. Über zwei Jahrhunderte später könnte diese sehnsuchtsvolle Aufforderung aber auch die emotionale Stimmung hinter den entsprechenden Kunstauktionen widerspiegeln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Dabei ist die Idee nicht neu. Nach dem Zweiten Weltkrieg manifestierten Künstler der Art-brut-Bewegung, allen voran Jean Dubuffet, eine kindliche Ästhetik in der bildenden Kunst. Sie machten kein Geheimnis darum, dass sie sich von den Kritzeleien der Geisteskranken oder der Kinder inspirieren ließen. Ihre Werke verstehen sich als Kulturkritik, bemängelt wird mit ihnen etwa der Umgang mit Randgruppen oder das Klassensystem einer Elite-Kultur. Parallel dazu etablierten sich diese Werke als Bild-Vokabeln der Nachkriegszeit: Nach der ideologischen Kulturpolitik des "Dritten Reiches" sahen die Künstler vor allem auch in kindlichen Ausdrucksformen wirksame Lösungen, neue Bildsprachen zu erfinden und die Kunstästhetik von politischer Propaganda zu reinigen.

Anders als in früheren Epochen ist die kindliche Kunst von heute keine Gegenbewegung mehr

Doch dieser kritische Hintergrund lässt sich nicht auf die kindliche Kunst von heute übertragen. Sie ist viel mehr eine Mit- als eine Gegenbewegung, anstatt anzuklagen, stimmt sie in eine bunte Bejahung ein. So trifft es Jonathan Meese ziemlich genau, wenn er ausruft: "Kunst ist immer das tollste Spiel mit tollsten Spielzeugen." Was steckt also hinter dem Hang zum Kindischen?

Einerseits kann aufseiten der Künstler eine Opposition zu allen anderen gegenwärtig angesagten Varianten der künstlerischen Praxis unterstellt werden, zum gängigen Fotorealismus also, zur technisierten Installationskunst, zur digitalen Medienkunst, zum politischen Kunst-Aktivismus oder zu den ständigen Wiederholungen von Konzeptkunst unter intellektuellen Ausschweifungen. Doch dies kann den Erfolg der kindischen Kunst auf dem Markt nicht alleine erklären. Anscheinend herrscht ein Verlangen nach dem Ausleben von kindlichen Gelüsten, die sehr viel preisgünstigere Albereien einer Spaßgesellschaft nicht befriedigen können. Und wo können diese Gefühle erlebt werden, ohne dass Angst vor dem Verlust der eigenen Autorität mit einhergeht? Vielleicht noch im Zustand der Verliebtheit. Hier wird viel Kindliches verziehen, oft sogar emotional belohnt. Doch dieser Moment vergeht irgendwann, entweder führt er zur Ernsthaftigkeit oder zur enttäuschenden Verpuffung. Nicht so in der Kunstwelt.

Die Akteure dieses Spiels mit kindlichen Gefühlen sind fast ausnahmslos männlich

Jonathan Meese und Tal R bauten gleich mehrmals, zum Beispiel 2015 in der Düsseldorfer Kunsthalle, ihre rosafarbene Spielburg auf, bekritzelt und mit teuren Kunstwerken aufgefüllt. Der Betrachter kann in diese Welt eintauchen, Kunst rezipieren und sich gleichzeitig ganz dem Traum von kindlichen Gefühlen und pubertärem Chaos hingeben. Auch Daniel Buren verwandelte die Hallen des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst in Straßburg 2014 in eine Spielelandschaft. Überdimensionale Objekte in Gestalt von bunten Bauklötzen versetzten den Besucher schon allein wegen der Größenverschiebung in den Status eines staunenden Kindes à la Alice im Wunderland. Ein weiteres Kunsterlebnis dieser Art installierte Carsten Höller für die Galerie Gagosian auf der Kunstmesse Frieze in London. Auf seinem Spielfeld Gartenkinder fanden sich übergroße Scrabblesteine, Würfel zum Hineinklettern und märchenhafte Pilze wieder. Nicht nur deren Kinder, sondern auch die Sammler selbst konnten während des Spielens auf der Messe das Gespräch mit extra angeheuerten Pädagogen suchen.

Verkauft werden so nicht nur Wertobjekte, sondern auch utopisch-nostalgische Gefühle und exklusive Spiel-Freiheiten. Die Sammlung von Thomas Olbricht präsentiert sich im Berliner Me Collectors Room unter ähnlichen Vorzeichen. Diese Wunderkammer, ja Wundertüte, enthält ebenfalls teure Kunstwerke und eine Menge an Spielzeugfiguren. In einem Ausstellungskatalog wird sogar auf die Kindheit des Sammlers verwiesen: Es heißt dort, dass er als kleiner Junge Briefmarken gesammelt und später das Sammlerspiel einfach auf dem Kunstmarkt fortgeführt hätte. Ob Kunst, Murmeln oder Briefmarken – der Aufbau einer Sammlung wird zu einer Verwirklichung kindlicher Fantasien, die Kinderträume bei Weitem übertreffen. Ansehen und Autorität gehen dadurch keineswegs verloren, im Gegenteil.

Es liegt auf der Hand, dass dieses Phänomen nichts mit den realen Erzeugnissen von Kindern gemein hat. Die Kritzelmalerei von Meese etwa spielt nur augenscheinlich mit einer kindlichen Ästhetik. Bei näherer Betrachtung von Komposition, Symbolik und Pinselführung wird deutlich, dass diese Werke das Resultat einer bewussten Künstlerstrategie sind. Kindlich wirkende Elemente werden nur vereinzelt adaptiert, um sie in eine komplexe Bildwelt zu integrieren, die allein ein erwachsener Künstler denken und ausgestalten kann.

Was beschworen wird, ist das Gegenteil einer realen Kindlichkeit. Müssen nämlich Kinder stets in den Grenzen ihrer Möglichkeiten leben und sich erst durch Alter, Reife und oft auch Leistung daraus befreien, brauchen (erfolgreiche) Erwachsene ihre Mündigkeit nicht mehr zu beweisen. Daraus kristallisiert sich im Weiteren ein kleinerer Kreis, nämlich der der spielenden Künstler und der der spielenden Käufer. Durch die Aura der Kunstwelt wird die Kindheit hier zum veredelten Luxusgut, zur Freiheitsutopie und zum ernsten Anlageobjekt. Die Akteure dieses Spiels sind fast ausnahmslos männlich. Warum? Während Jonathan Meese und Tal R ihre rosa Burg selbstbewusst mit dem Wort Mutter betiteln, sorgt vielleicht eine weiblich emanzipatorische Angst dafür, dass Frauen um solche Spielereien (noch) einen Bogen machen.