Alles hat seine Zeit. Und diese Zeit ist ohne jeden Zweifel die Zeit der Superhelden, der aufrichtigen, gebrochenen und durchgeknallten. Super-, Bat- und Spider-Männer, wohin man nur schaut. Ironman hier, Deadpool dort, die FANT4STIC-Bande und die X-Men. Irgendwo soll sich noch eine grünfarbene und zur She-Hulk mutierte Rechtsanwältin herumtreiben, die Fantasie kennt weder Grenzen noch Erbarmen. Ich habe diese ganzen Helden-Epen nicht bis ins letzte Detail verfolgt. Wer die vielen Figuren aus den Marvel- und DC-Universen einigermaßen korrekt auseinanderhalten will, muss jedoch einen Lernaufwand betreiben, der das Ausüben einer normalen Berufstätigkeit schon rein zeitlich unmöglich werden lässt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Das Nervige an der aktuellen Helden-Inflation ist, dass sie nicht nur im Kino und beim Comicbuchhändler stattfindet – wo man ihr ganz leicht aus dem Weg gehen kann. Klar, Handballer, Fußballer und Tennisspieler waren immer schon Helden, sofern sie irgendetwas gewonnen haben. Aber Aldi hat schon Colorwaschmittel und Kalk-Stopp-Tabs zu "Helden des Alltags" erklärt. Zuvor soll der Discounter bereits Fertigkuchen in den Heldenstand erhoben haben, wie Leser Wolfgang T. bemerkte. Und nicht nur das: Die "Helden-Snacks" wurden zur Biomarke des Jahres gewählt. Es gibt mit "Schuh-Helden" ein Schuhgeschäft im Internet. Eine "Heldenlounge" verkauft im Netz Rasierpinsel aus Dachshaar, Gesichtsreiniger und andere Herrenpflegeprodukte. Allabendlich huscht der grinsende "Lieferheld" im hautengen Synthetik-Dress durchs Werbefernsehen, um Pizzabringdienste anzupreisen. Schlimm, so was.

"Unglücklich das Land, das Helden nötig hat", ließ Bertolt Brecht schon seinen Galilei sagen. Er wird gewusst haben, warum. Was werden heutige Heranwachsende wohl sagen, wenn man sie nach den Helden ihrer Kindheit fragt? Irgendwas mit Waschmittel?