Winfried Kretschmann bei einem Besuch des Daimler-Motorenwerks in Stuttgart-Untertürkheim mit dem Daimler-Chef Dieter Zetsche (rechts) und Meister Thomas Schade (Mitte) im September 2012 © Franziska Kraufmann/dpa

Als Winfried Kretschmann vor knapp fünf Jahren erster grüner Ministerpräsident wurde, ging ein Raunen durch Baden-Württemberg: Manche sahen eine "Ökodiktatur" heraufziehen – und das war kein Scherz.

Der frisch installierte grüne Verkehrsminister Winfried Hermann – ein erklärter Gegner des Projekts Stuttgart 21 und überzeugter Fahrradfahrer – war für viele Wirtschaftsvertreter der "Nordkoreaner". Beim schwäbischen Motorsägen-Weltmarktführer Stihl herrschte über Kretschmanns Wahl eine solche Empörung, dass sich der Vorstandsvorsitzende Hans Peter Stihl zu seinem 80. Geburtstag glatt jeden Besuch aus dem Staatsministerium verbat. Für viele Unternehmer in Baden-Württemberg war die Herrschaft der CDU ein Naturgesetz, wie der Nebel im Stuttgarter Kessel. Und als Kretschmann dann noch sagte, es sei eine "moralische Frage, ob man die S-Klasse noch nach China exportiert", und "weniger Autos sind besser als mehr", war in der Industrie plötzlich nur noch von einer "hoffentlich guten Zusammenarbeit" die Rede.

Jetzt, kurz vor der Landtagswahl am 13. März, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Hans Peter Stihls Sohn Nikolas stellt fest, dass das "Abendland nicht untergegangen ist" nach den Jahren mit Kretschmann und seinem SPD-Wirtschaftsminister Nils Schmid. "Sollte Kretschmann die Wahl gewinnen, werde ich nicht kreidebleich den Ausgang aus Deutschland suchen." Im ersten Halbjahr 2015 ist die Wirtschaft in Baden-Württemberg um 3,1 Prozent gewachsen, so stark wie in keinem anderen Bundesland. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger erteilte der Landesregierung gönnerhaft eine Drei plus. Und Trigema-Chef Wolfgang Grupp, der nach eigenem Bekunden nie etwas anderes in seinem Leben gewählt hat als CDU, verblüffte die Öffentlichkeit dieser Tage mit der Aussage: "Meine Stimme schulde ich Winfried Kretschmann von den Grünen. Er hat seine Aufgaben als Ministerpräsident unseres Landes sehr gut gemacht."

Aber muss eine Landesregierung im Wirtschaftswunderland Baden-Württemberg, wo die Dinge von ganz allein großartig laufen, überhaupt etwas richtig machen? Wäre sie nicht besser beraten, sich das Motto von Alf zu eigen zu machen: "If it ain’t broke, don’t fix it"? Also nie ein laufendes System zu ändern? Oder, wie es der frühere grüne Fraktionschef Rezzo Schlauch aus Gesprächen mit Unternehmern berichtet: "Die freuen sich, dass wir sie in Ruhe lassen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Ganz so einfach war es aber nicht. Es hat vielen Unternehmern nicht wirklich gefallen, dass die frisch installierte grün-rote Landesregierung als Erstes mal zur Finanzierung ihrer ambitionierten Bildungspolitik die Grunderwerbsteuer erhöhte und die Studiengebühren abschaffte. Die Vorschriften im Baurecht zur Begrünung von Dächern und Bereitstellung von Fahrradstellplätzen, bei denen haarklein sogar ein Mindestabstand zwischen den Ständern festgelegt wurde, schienen die finstersten Ahnungen von der kommenden Ökodiktatur zu bestätigen. Als der "Nordkoreaner", Verkehrsminister Winfried Hermann, kürzlich im Zuge des VW-Abgas-Skandals unangemeldete Tests bei heimischen Autokonzernen androhte, wurden diese Ängste noch einmal wach. Aber Kretschmann ging hart dazwischen, der Vorschlag ist vom Tisch.

Überhaupt hat sich Kretschmann, sehr zum Ärger der Linken unter den Grünen, in vielen wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen rechts vom CDU-Mainstream positioniert – und wird dafür gelobt. Speziell in Sachen Erbschaftsteuer, sagt IHK-Präsident Peter Kulitz, habe sich der grüne Ministerpräsident gegenüber den Familienunternehmern konzilianter gezeigt als der CDU-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Eine "steile Lernkurve" attestiert Kulitz dem Grünen. Die Eintracht mit der Wirtschaft ging so weit, dass ein innerparteilicher Gegenspieler Kretschmanns bei den Grünen heute sagt: "Er hat die CDU in Sachen Erbschaftsteuer noch rechts überholt." Als grüner Ministerpräsident des Wirtschaftswunderlands Baden-Württemberg habe er das auch gar nicht anders machen können. "Aber es killt uns eben dort, wo wir nicht regieren."

Es passt in dieses Bild, dass Kretschmann seinem sozialdemokratischen Koalitionspartner Nils Schmid wiederholt in die gewerkschaftsfreundliche Parade fuhr und etwa das Bildungszeitgesetz abschwächte, das dieser gefordert hatte. Es sollte Arbeitnehmern ein weites Spektrum von Bildungsangeboten während der Arbeitszeit ermöglichen. "Der Yogakurs", heißt es aus dem Kretschmann-Umfeld süffisant, "der ist jetzt nicht mehr drin."

Die Konkurrenz zwischen dem SPD-"Superminister" für Wirtschaft und Finanzen – dem von der Wirtschaft Effizienz und Verlässlichkeit attestiert wird, der aber von den Wählern übersehen wird – und dem grünen Star-Ministerpräsidenten fand ihren schönsten Ausdruck in einem Comic des Autors Peter Unfried. Der Titel: Der Ökodiktator. "D’r Daimler", sagt Kretschmann, dem in einem Bild ein Mercedes-Stern über dem Haupt leuchtet, "hört sich unsere grünen Ideen an. Und praktisch verdient er sei’ Geld weiter wie immer."

Interessanterweise sind es gerade grüne Kernkompetenzen, bei denen es offenbar gelegentlich hakte. So ging der Ausbau der Windkraft dermaßen schleppend voran, dass Kretschmann ganz entgegen seiner üblichen Präsidialität in Kabinettssitzungen herumgebrüllt haben soll. Der Breitbandausbau dagegen ist in Baden-Württemberg weiter fortgeschritten als anderswo. Die Wirtschaft ist mit breiter Mehrheit für das Projekt Stuttgart 21 gewesen, das die Grünen jahrelang erbittert bekämpft haben. Dass jetzt dort, wo früher der Stuttgarter Schlosspark war, eine riesige Baugrube klafft, die Grünen also den Tiefbahnhof entgegen ihren Überzeugungen doch bauen, hat ihnen Achtung eingetragen.

Wie grün ist die Wirtschaft des Landes, wie offen sind die Automobilhersteller für die seit fünf Jahren gepredigte Idee, mit grünen Ideen schwarze Zahlen zu schreiben? "Gerade die Mittelständler bei uns sind Meister in Sachen Ressourceneffizienz", meint Rezzo Schlauch. "Sie nennen es nicht Ökologie, aber im Grunde ist es genau das."

Die baden-württembergischen Grünen standen in der Gesamtpartei schon immer für die "ökolibertäre" Denkrichtung, die – wie es ihr Gewährsmann Ralf Fücks formuliert – sich nicht auf Fortschrittsskepsis, Kapitalismuskritik und die Drohung mit dem Untergang einlassen will. Enthaltsamkeit rette den Planeten nicht, glaubt Fücks. Die Unternehmer sind in diesem Weltbild nicht der Feind, den man an die Kandare nehmen muss, damit er kein Unheil anrichtet. Die Theorie der Grünen ist, dass die Hersteller und Zulieferer von politisch gesetzten Normen profitieren, weil sie zur Erfindung neuer Produkte und Techniken zwingen. Knappheitskrisen, sagt Fücks, müssten durch technische und kulturelle Innovation überwunden werden, durch Kreativität, nicht durch Verzicht auf Wachstum. In Baden-Württemberg waren die Grünen mit diesem Weltbild erfolgreich. Überall im Rest der Republik verlieren sie derzeit massiv an Zustimmung.