Das langlebigste Ideal unserer Zivilisation, der Sinn unseres Lebens, die Liebe, ist kläglich gescheitert. Enttäuschende erste Dates, bedeutungsleere One-Night-Stands, gebrochene Versprechen, Prinzen, die sich in zornige Frösche verwandelt haben, geteilte Leben, bewohnt von Lügen und Verrat: Es ist offensichtlich, dass die Straße zur romantischen Liebe mit Demütigungen gepflastert ist. Wir waren alle so damit beschäftigt, im kitschigen Kerzenschein in romantischen Gefühlen zu schwelgen, schlechte Dates zu verkraften und jene Sorgen, die ein Treuebruch mit sich bringt, die Liebe hat unsere Aufmerksamkeit so vereinnahmt, dass wir vollkommen vergessen haben, diese einem viel geheimnisvolleren und nicht weniger erhabenen Gefühl zu schenken: der Freundschaft.

Liebe und Freundschaft können leicht verwechselt werden, dabei unterscheiden sie sich fundamental voneinander. Wenn sie das gleiche Versprechen machen, so ist es für gewöhnlich die Freundschaft, die es hält. Liebe kann kaum von sexuellem Verlangen getrennt werden, sie entspringt ihm sogar. In seinem berühmten Lehrgedicht Über die Natur der Dinge trug der römische Poet und Philosoph Lukrez (99 bis 55 vor Christus) die realistischste, wenn auch unromantische Sicht auf Liebe und Begehren vor. Für ihn war Sex ein rein mechanischer Akt ohne spirituelles Trara. Im vom Zufall regierten Universum sei sexuelles Verlangen willkürlich und beliebig, meinte der Dichter, und der sexuelle Akt nicht mehr als die Entzündung zweier Körper, die sich aneinander reiben. Dauert das Begehren an, sagt Lukrez, nennen wir es Liebe. Der Gelehrte betrachtete die Liebe wie viele Denker nach ihm: als Fehler der Wahrnehmung. Sie rühre nicht daher, dass man eine andere Person mit klarem Blick sieht, sondern entspringe den mechanischen, unfreiwilligen, materiellen Vorgängen des Körpers und den Illusionen, die daraus entstehen.

Man vergegenwärtige sich den Anfang von Liebe und Freundschaft. Freundschaft beginnt nicht mit einem dramatischen Ereignis und selten mit einem elektrisierenden Moment. Freundschaft wird nicht als Moment der Offenbarung erlebt. Darum weilt ein Freund gewöhnlich eher im Hintergrund unseres Lebens, wir sind nicht von ihm besessen. Anders als bei der Brautwerbung gibt es für das Schließen von Freundschaften keine klaren Regeln, auch die Freundschaft selbst wird nicht durch feste Rituale bestimmt. Sie bewegt sich im Fluss unseres Lebens und entbehrt der dramatischen, theatralischen Struktur der Liebe.

Fast alle Philosophen (mit Ausnahme Platos) haben Liebe als Illusion betrachtet, als Fehler, sogar als Halluzination. Shakespeare machte sich im Mittsommernachtstraum einen grausamen Scherz aus der Liebe, indem er die schöne Königin Titania sich in einen Esel verlieben ließ. Natürlich suchen wir uns zuweilen die falschen Freunde aus, aber normalerweise liegt das nicht daran, dass unser Herz und unser Geist aus einem Esel einen liebenswerten Menschen machen.

Freundschaft erfindet ihr Objekt nicht und halluziniert auch nicht davon. Sie entsteht aus dem Sehen und Kennen einer Menschenseele, so wie sie ist. Montaigne sagte über seinen geliebten Freund La Boetie: Sie seien befreundet, "parce que c’etait lui, parce c’etait moi" – weil er er war, weil ich ich war. Freundschaft fühlt sich notwendig an, weil sie zwischen zweien erwächst, die durch ein tiefes Verständnis verbunden sind. Die Anziehung zwischen ihren Seelen fühlt sich somit unvermeidlich an.

Liebe entspringt dem Unbewussten (denken Sie an all die anständigen, wundervollen Menschen zurück, in die Sie sich nicht verlieben konnten!). Manche meinen sogar, dass wir, wenn wir verliebt sind, die unbewussten Wunden unserer Seelen wieder aufreißen. Eben weil sexuelles Verlangen seine Wurzeln im Unbewussten hat, wählt die Liebe oft jemanden aus, der uns Leid zufügt, von dem wir uns vernachlässigt oder missverstanden fühlen. Marcel Proust hat die Mechanik der Liebe und des sexuellen Begehrens in dieser Weise beschrieben: als willkürliche Emotionen, die einer unbewussten Sehnsucht nach einem verlorenen Objekt entspringen. In Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit verliebt sich Swann, einer der vornehmsten und gebildetsten Männer der französischen Gesellschaft, in die Halbweltdame Odette, weil nur sie es beherrschte, seine Ängste und seine Eifersucht zu wecken. Als die Beziehung zerbricht, grübelt er: "Wenn ich denke, dass ich mir Jahre meines Lebens verdorben habe, dass ich sterben wollte, dass ich eine größte Leidenschaft erlebt habe, alles wegen einer Frau, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war ..." – es gibt sicher keine bessere Art, das Gefühl zu verunglimpfen, das zu kultivieren wir so viel Energie aufwenden.

Liebe ist demokratisch – gute und schlechte Menschen können sie fühlen, fast jeder hat sie in seinem Leben verspürt. Freundschaft indessen ist aristokratisch: Sie ist das Gefühl derjenigen, die ihre Versprechen halten können – der Ethos der Aristokraten besteht darin, sein Wort zu halten. Wohl deshalb hat Aristoteles vorgeschlagen, dass gute Gesetzgeber ihre Aufmerksamkeit nicht allein der Gerechtigkeit widmen sollten, sondern auch der Freundschaft.

Woran liegt es, dass wir dieses Gefühl bisher nicht mit der gleichen fieberhaften Energie verehrt haben, mit der in unserer Kultur die Liebe zelebriert wird? Die "weltweite Verschwörung" gegen die Freundschaft lässt sich so erklären: Es mangelt ihr an theatralischem Gehabe, sie kommt ohne das bange Warten des Begehrens aus und ohne die brennende Enttäuschung der Sehnsucht. Die Freundschaft taugt nicht, um die gefräßige Kulturindustrie zu ernähren: Da sie weder dramatisch noch qualvoll oder komisch ist, eignet sie sich nicht als Vorlage für Kinofilme, Werbung, Seifenopern, Talkshows und Romane. Liebe dagegen bietet unendlich viele Möglichkeiten zum Konsum. Verschwenderische Hochzeiten, Rendezvous in Restaurants, im Kino, in der Diskothek, Opernbesuche, Urlaube, Geschenke und Überraschungen, Onlinedating und schließlich all die Produkte, die uns attraktiv und begehrenswert machen sollen (modische Kleidung, Make-up, Parfüm, Schmuck): All diese Komponenten des sexuell-romantischen Zusammentreffens bilden die tragende Säule der Konsumkultur. Ohne Liebe und Sex würde die Wirtschaft zusammenbrechen.

Dies ist natürlich kein Appell, nicht mehr zu lieben oder nicht mehr nach der Liebe zu suchen. Aber es ist eine Erinnerung an das erhabene Gefühl der Freundschaft.

Eva Illouz ist Soziologin an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sie beschäftigt sich mit Emotionen und Konsumkultur. Im Jahr 2013 erschien ihr Buch "Die neue Liebesordnung"