Christian Lindner, seit 2013 Bundesvorsitzender der FDP © Sean Gallup/Getty Images

Christian Lindner ist ein Stimmungspolitiker. Früher als viele hat er im vergangenen Spätsommer erkannt, dass die Flüchtlingskrise eine Chance sein könnte. Für ihn und für die FDP. "Er hat ein sagenhaftes Gespür dafür, welche Themen sich abzeichnen und wie man die in politisches Handeln umsetzen kann", sagt ein Mitglied des FDP-Präsidiums.

In der zweiten Septemberhälfte 2015, als ein Großteil der Deutschen noch von der eigenen Hilfsbereitschaft berauscht ist, beginnt Lindner bereits, neue Töne zu testen.

Am 21. September tritt er in der Bundespressekonferenz auf. Er will zur Halbzeit der Legislaturperiode mit der Bundesregierung abrechnen, doch das Interesse ist flau, nur zehn Journalisten sind gekommen. Vielleicht ist Lindner enttäuscht, aber er lässt sich davon nichts anmerken, bloß seine Augenringe zeugen von Erschöpfung.

Lindner sagt dies und das, wenig davon bleibt hängen. Nur ein einziger Satz lässt aufhorchen: "Nicht Deutschland muss sich zuerst verändern, sondern viele Flüchtlinge werden sich verändern müssen."

Es ist ein Versuch. Lindner spricht den Satz aus, wie man einen Finger in die Luft streckt, um den Wind zu fühlen.

Aus seinen Kreisverbänden hört Lindner, dass erste FDP-Anhänger nervös zu werden beginnen, es machen sich vage Ängste breit: Facharbeiter fürchten um ihre Jobs, Akademiker um die Ausbildung ihrer Kinder, Hauseigentümer um den Wert ihrer Grundstücke.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Natürlich ist das alles ziemlich irreal, die Wirtschaft brummt, die Silvesternacht in Köln ist noch Wochen entfernt. Aber Lindner wittert, was er am dringendsten braucht: ein Thema. Und Wähler. Kontinuierlich verschärft er den Ton.

"Angela Merkel ist zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, weil sie schwerwiegende Fehlentscheidungen spontan trifft", sagt er in einem Interview mit der BamS am 18. Oktober.

Im November legt er nach: Merkel habe "dort, wo nichts wichtiger ist als Ordnung und Regeln, Chaos angerichtet. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa."

Anfang Dezember sagt Lindner: "Der Heiligenschein von Frau Merkel ist weg. Sie hat den Höhepunkt ihrer Amtszeit hinter sich."

Merkel habe "Europa ins Chaos gestürzt", verkündet Lindner schließlich beim Dreikönigstreffen Anfang Januar.

Eigentlich hatte Lindner seiner FDP ja mehr Zuversicht verordnet. Die Partei forderte im vergangenen Jahr "German Mut" statt German Angst, mehr Optimismus, mehr Anpacken. Eigentlich mehr "Wir schaffen das". Nun verschiebt sich die Tonlage. Die FDP will die Flüchtlingszahlen begrenzen. Mitte Oktober wendet sich Lindner mit einem Fünf-Punkte-Plan an die Parteimitglieder. Zentrale Aussage: Die Bundesrepublik solle Kriegsflüchtlinge "nur dulden, aber vom weitgehenden Asylverfahren ausschließen!".

Die strategische Absicht ist klar. Lindner zielt auf jene Wähler der bürgerlichen Mitte, denen Merkels Kurs zu soft, die AfD aber zu hässlich ist. Deshalb entwickelt sich Lindner zum härtesten Kritiker der Kanzlerin neben der AfD. Und mit ihm die FDP-Spitze.

"Wir müssen zusehen, dass die Lichtgestalt Schatten bekommt. Die Zweifel müssen wachsen", sagt Wolfgang Kubicki, der FDP-Landeschef in Schleswig-Holstein. "Die Union ist unser schärfster Konkurrent."

Und die Wahlkämpfer berichten, dass die Strategie aufgeht. In einer Telefonkonferenz des FDP-Präsidiums Mitte Februar schwärmt der baden-württembergische Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke, jeder Auftritt der Kanzlerin bringe der FDP 5000 Stimmen.