"Könnten Sie nicht ein Mal ein kurzes, klares, leicht zu kapierendes Buch schreiben?", wird Péter Esterházy bisweilen von Lesern gefragt, denen bei seiner literarischen Hochseilartistik schwindlig wird.

Eins? Warum nur eins, muss Esterházy sich gefragt haben. Jedenfalls setzte er sich im Jahr 2012 an eine Trilogie von Kurzknappklar-Büchern mit dem Serientitel Einfache Geschichte Komma hundert Seiten. Letztes Jahr erschien die erste Lieferung unter dem Titel Die Mantel-und-Degen-Version, eine wilde und natürlich nicht wirklich supereinfache Kutschenreise durch einige Jahrhunderte ungarischer Geschichte. Dieses Frühjahr folgt flugs Teil zwei, Die Markus-Version. Teil drei, eine Blixen-Version, reift im Kopf des Autors.

Im ersten Band hat es Esterházy mit der Hundert-Seiten-Vorschrift des Serientitels (im Ungarischen ist das der Haupt-, im Deutschen nur der Untertitel) noch recht locker genommen: Manche der sogenannten Seiten gingen über zwei, drei wirkliche Buchseiten, und herrliche Fußnoten taten ein Übriges, um die Hundert Seiten- Geschichte auf 238 Seiten anschwellen zu lassen. Im zweiten Band ist die Umfangs-Vorschrift nun streng eingehalten: Nach exakt hundert Seiten ist die Geschichte durch (dass die 100. Seite auf der 101. und 102. wiederholt und auf der 102. mit einem Kringel versehen wird, lassen wir als Abschiedsschmerz durchgehen, und für die 15 Seiten Anmerkungen, in denen Esterházy die Zitate, die er sonst heimlich in seine Bücher zu schmuggeln pflegte, nachweist, sind wir dankbar). Aber ist die präzise Hundert Seiten- Geschichte nun auch eine "einfache Geschichte"?

Am Anfang durchaus. Man kann sie, wenn man will, als eine ungarische Kindheit lesen, in der Esterházy, ins Fiktive verschoben, vom Schicksal einer Familie erzählt, die, wie die seine, "infolge der sogenannten Aussiedlung aus Budapest in ein nordungarisches Dorf" abgeschoben wird und dort, als "Volksfeinde" eingestuft, "bei einem der wohlhabendsten Bauern im Dorf, bei einem Kulaken, zwangseinquartiert" zu leben hat. Die Eltern und die zwei Brüder müssen mit einem kleinen Zimmer von neun auf neun Schritten auskommen. Was wir in 100 kleinen und kleinsten Kapiteln zu lesen kriegen, ist meist ein Kammerspiel. Wir belauschen mit den Brüdern die traurige, meist schweigende Mutter und den deprimierten, meist trinkenden Vater. Wir sehen die Falten im Gesicht der Mutter "Ich haasse sie, sagt sie mit langem a. Sie sind kaum sichtbar, sind voller Puder. Auf dem Gesicht meines Vaters gibt es zweierlei Falten, auf der Stirn und zu beiden Seiten des Mundes. Die Klugheitsfalten und die Traurigkeitsfalten. Eher Verzweiflung, Verzweiflungsfalten. Ich weiß, warum er verzweifelt ist. Weil er sein Leben nicht findet. Er hat es gesagt, ich habe es gehört. Ich habe im Dunkeln gehört, dass er weinte und sagte, wo ist mein Leben (...)." Ums Kammerspiel lagert sich eine karge Dorfgeschichte, Kühe, Bäche, eine Kneipe fürs Trinken des Vaters, eine schöne Nachbarin, die dem Erzähler Brüste und Küssen zeigt, Geheimpolizisten der Stalinzeit auf Verhaftungstour.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Aber all das ist nur die tragikomische Bühne für den Auftritt der zwei Großmütter, die die eigentlichen Hauptfiguren des Buches sind und die diese "einfache Geschichte" in ein abgründiges und vertracktes Stück über Gott und das Böse verwandeln. Beide haben im Krieg einen Sohn verloren, und beide verzweifeln auf je andere Weise an ihrem Gott. In der ersten, einfacheren Hälfte der Geschichte dominiert die christliche Großmutter väterlicherseits des Erzählers. In der zweiten, schwierigeren Hälfte dominiert die jüdische Großmutter väterlicherseits des Bruders des Erzählers, der ein Halbbruder ist: Sein Vater, der erste Ehemann der Mutter dieser Brüder, wurde im Holocaust im Lager ermordet. Die Mutter, jüdisch auch sie, entging der Deportation. (Was übrigens zur Folge hat, dass der Erzähler und sein Bruder, der interessanterweise Péter heißt, halachisch jüdisch sind, wohl Esterházys erster jüdischer Erzähler.)

Die theologische Seite des Buches hebt, scheinbar ganz naiv, mit den biblischen, meist aus dem Markus-Evangelium geschöpften Erzählungen der christlichen Großmutter an. "Sie kann auf eine Weise von Gott erzählen, dass es unbegreiflich wird, dass er nicht sein soll." Ihre "Geschichten von Gott enthielten diese Sicherheit, dass Gott auch dann ist, wenn niemand mehr ist". Und sie hat auf den Erzähler mit diesen Geschichten so großen Einfluss, dass er sich mit Jesus und Gott identifiziert. "Über mir an der Wand hängt das Jesuskind. Es ähnelt mir." Das strahlende Gesicht des Jesuskindes und nicht "das müde triumphale Gesicht" der Mutter sind seine "ersten Erinnerungen". Wenn er aus dem Markus-Evangelium zitiert, und das tut er häufig, sagt er statt "Jesus" "ich".

Durch die Sicherheit des großmütterlichen Gottvertrauens geht freilich ein Riss. Nach dem Kriegstod ihres Sohnes glaubte sie zuerst, Gott habe ihren Sohn getötet, dann glaubte sie, Gott sei tot, schließlich war ihr "Gott taubstumm geworden". Sie muss an Gottes statt nun selber vom Glauben erzählen, und sie tut das auf ihre Weise. Sie erzählt von den Wundern, aber die Kreuzigung lässt sie aus, als könne sie nicht mehr glauben, dass Jesus für die Menschen gestorben ist.

Auch das geht auf ihren Enkel über. Er treibt seine Gottesidentifikation so weit, dass er sich taubstumm stellt. Und als, in der zweiten Hälfte des Buches, sein Glaube in die Krise kommt, wird es sich zeigen, dass auch er mit der Kreuzigungsgeschichte seine Mühe hat.

Als er gegen Mitte des Buches der jüdischen Großmutter Eszter begegnet, beginnt die Glaubenskrise des jugendlichen Erzählers. Die Großmutter verkehrt in besseren Kreisen, riecht nach westlichem Parfüm, hat blau onduliertes Haar und raucht mit Zigarettenspitze – sollen wir denken: Parteielite? Die Ermordung ihres Sohnes im Lager hat sie beinahe um den Verstand gebracht: "Wenn mein Sohn umsonst gestorben ist, ist das Gottes Bankrott. Gottes Bankrott ist aber nicht der Tod Gottes, vielmehr der des Menschen ... Wir können nicht mehr damit rechnen, dass Gott uns errettet ... Doch Güte hat auch ohne Gottes Allmacht ihren Sinn."