Ruth Kitz arbeitete in der Ära Kohl und Schröder als Sekretärin im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt in Bonn. In ihrer Funktion begleitete sie auch Regierungsdelegationen. Doch sie wollte höher hinaus und meldete sich zur Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums, als Flugbegleiterin. Sie war die letzte Büroleiterin des "Rheinischen Merkur" unter der Leitung von Michael Rutz. Heute ist sie Assistentin des Geschäftsführers Theo Mönch-Tegeder im Katholischen Medienhaus in Bonn.

Christ und Welt: Sie haben Bonner Bundeskanzler und Bundespräsidenten aus nächster Nähe erlebt. Wie sind die so?

Ruth Kitz: Die waren ganz normal, wie jeder andere auch. Zunächst ist man natürlich eingeschüchtert von ihnen. Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker umgab eine besondere Aura, da hatte jeder Respekt. Wenn sie den Raum betraten, veränderte der sich. Aber mit der Zeit relativiert sich auch das.

C+W: Musste man in der Bonner Republik besonders diskret sein?

Kitz: Absolut. 1985, als ich meinen Dienst aufnahm, herrschte ja noch Kalter Krieg. Als junge Frau war man besonders gefährdet, von feindlichen Agenten aus dem Osten abgeschöpft oder angeworben zu werden. Bei meinem Diensteintritt wurde mir ein entsprechender Lehrfilm gezeigt, bei dem die verschiedenen Seiten des Anwerbens dargestellt wurden. Es wurde gesagt, dass man Verdacht schöpfen soll, wenn man im Auto von einem Wagen verfolgt wird. Als junger Mensch fand man das sehr amüsant, es war aber bitterer Ernst.

C+W: Aus den Agentenfilmen kennt man ja die sogenannten Romeo-Spione, die sich über eine Liebeswerbung an ihr Zielobjekt heranmachen.

Kitz: Mir selbst ist das natürlich nicht passiert. Aber zu meiner Zeit gab es zwei Fälle, einen im Präsidialamt und einen im Bundeskanzleramt. Die Meldung damals kam am Wochenende, ich war dann natürlich sehr gespannt, wer das so sein könnte. Aber es ist dann am Ende immer die- oder derjenige, von dem du es am wenigsten erwartest.

C+W: Kannten Sie eine betörte Spionin aus nächster Nähe?

Kitz: Im Kanzleramt habe ich mit einer Dame zusammengearbeitet. Auf dem Referats-Grillfest schnippelte sie noch mit mir Salat. Ein paar Monate später flog sie auf. Ich mochte sie, sie war eine sehr nette Frau und hat sich aus Liebe darauf eingelassen, ihren Führungsoffizier danach immerhin geheiratet. Das war schon konsequent.

C+W: Sind Sie sicher, dass Sie einem Romeo widerstanden hätten?

Kitz: (lacht) In bin mir ziemlich sicher, ja. Ich war damals 20 und fand die Bonner Republik aufregend. Natürlich saß ich die erste Zeit gespannt im Wagen und fragte mich: Wann kommt endlich der, der mich verfolgen soll? Ich hätte Spaß daran gehabt, ihn auffliegen zu lassen.

C+W: Mussten Sie als Büroleiterin beim Rheinischen Merkur weniger diskret sein oder mehr?

Kitz: Ganz ehrlich: Da gab es nichts Geheimes. Telefonlisten, Personalangelegenheiten und Bilanzzahlen waren vertraulich, aber das ist nicht das Gleiche.

C+W: Je mehr man über den Chef weiß, desto mehr Macht hat man über ihn. Kann das zum Problem werden?

Kitz: Meistens nicht. Man weiß ja nie alles über den Chef. Die wirklich privaten Dinge bleiben auch gegenüber der Sekretärin privat.

C+W: War die Macht in Bonn gemütlicher als in Berlin?

Kitz: Auf jeden Fall. Das habe ich selbst erfahren. Während meiner Arbeit in der Protokollabteilung der Bundesregierung logierten wir in einer kleinen alten Villa. Wir waren ein eingeschworenes Team. Als wir dann von Bonn nach Berlin zogen, merkte man, dass alle plötzlich zu Einzelkämpfern wurden. Als hätte man einen Hebel umgelegt.

C+W: Ist das nicht eine romantische Stilisierung?

Kitz: Überhaupt nicht. Berlin ist größer und anonymer, Bonn kleiner und persönlicher. Für mich war bei meinen verschiedenen Funktionen das Zwischenmenschliche immer wichtig, das Miteinander im Team. Klappt das, dann gehe ich motiviert zur Arbeit.

C+W: Könnten Sie sich also nicht vorstellen, in der Berliner Republik denselben Job zu machen wie in Bonn?

Kitz: Ich habe es versucht. Ich bin mit der Protokollabteilung des Auswärtigen Amtes eine Weile nach Berlin gegangen. Und merkte bald, dass es mich doch wieder in meine Heimat zurückzog. In Berlin war man kein Team mehr, alle haben nun nur noch mit dem Ellbogen gekämpft. Inzwischen ist es in Berlin bestimmt auch wieder anders. Meine Jobs bringen mich manchmal wieder dorthin, was ich sehr genieße. Unter den Linden im Café komme ich mir dann auch beinahe heimisch vor.

C+W: Lernt man Diskretion auf Reisen?

Kitz: Wenn wir mit Bundeskanzler Kohl auf Reisen waren, war das wie in einer großen Familie. Es gab den Ehrenkodex, dass nichts nach außen gelangt. Kohl hat auf seinen Reisen immer auch Journalisten eingeladen. Alle saßen dann gemütlich zusammen und haben aus dem Nähkästchen geplaudert. Alle haben das genossen, auch der Kanzler. Wie ich von meinen alten Kollegen hörte, ist dieses Persönliche doch ziemlich verloren gegangen.

C+W: Und es drang nie etwas nach außen?

Kitz: Nein. Früher konnte man etwas besprechen in der Politik, man wusste genau, wo das blieb.

C+W: Gibt es ein paar indiskrete Sachen, die Sie uns nie erzählen würden?

Kitz: Wenn ich etwas gesehen oder gehört habe, ist es sofort aus meinem Kopf verschwunden.

C+W: Aber ist Ihnen nie eine Peinlichkeit passiert? Seien Sie bitte nicht allzu diskret!

Kitz: Nein. Außer dass ich schuld war, dass Kohl und Mitterrand einmal ohne Schirm im Regen standen. Mein alter Chef ist dann in eine Kirche gelaufen und hat sich bedient. Da vergisst ja immer jemand einen Schirm.

C+W: Kommen Sie, noch eine Panne! Raus mit der Sprache.

Kitz: Meine erste Flugreise mit Kohl nach Budapest. Man sagte mir, ich solle dicht an der Delegation dranbleiben. Wir landeten, die Treppe war heruntergeklappt. Ich hantierte mit einem damals noch kiloschweren Laptop in einem noch schwereren Aluminiumkoffer. Alle waren schon unten. Ich blieb auf der Gangway zurück. Ich guckte herunter, alle haben so nett gelächelt. Da dachte ich, jetzt läufst du einfach mal hinterher. Ich bin dann wirklich hinter dem Kanzler auf dem roten Teppich herstolziert und habe ebenfalls den wichtigen Damen und Herren die Hand gegeben.

C+W: Weckt das nicht Machtgelüste?

Kitz: Ich hatte damals sogar meinen eigenen Wagen in der Kolonne und wurde mit meinem Laptop durch Budapest chauffiert. Die freien Straßen, die winkenden Menschen am Straßenrand, die Motorradeskorte, das ist schon ein tolles Gefühl. Und du denkst nur: Schade, dass du das jetzt mit niemandem teilen kannst.