DIE ZEIT: Herr Lindenberg, Benjamin von Stuckrad-Barre hat ein Buch über seine Drogensucht, über seine Helden, über das Erwachsenwerden geschrieben. Es ist auch ein Buch über Freundschaft geworden, und damit über weite Strecken auch ein Buch über Sie. Finden Sie sich gut getroffen?

Udo Lindenberg: Ich bin darin sehr gut, sehr liebevoll getroffen. Wir haben ja eine schon sehr lange, tiefe Komplizenschaft. Es ist schon ein Flash, das mal so im Ganzen zu lesen, wie meine Songs da durch ein ganzes Leben geistern. Interessant zu lesen.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Im Januar letzten Jahres hatte Udo mich mitgenommen nach Los Angeles, ich war gerade in einer depressiven Phase und konnte nicht mehr schreiben. Ich wusste dieses Buch in mir, aber ich fand keine Sprache, ich war verstummt und habe keinen Satz hinbekommen.

Lindenberg: Alter Trick: die Sonne abholen. Das hilft immer: losfahren, rumstreunen, Perspektive wechseln, in andere Welten gehen, sich treiben lassen und die Antennen neu justieren.

ZEIT: Herr Stuckrad-Barre, dass Sie sich heute so gut verstehen, ist nicht selbstverständlich. Als junger Journalist haben Sie Udo Lindenberg zunächst verspottet und seine Platten verrissen.

Stuckrad-Barre: Also als Junge war ich erst mal großer Udo-Fan. Man nimmt ja als Zwölfjähriger noch keine geschmackliche Selbststilisierung vor, sondern hört das, was einen unmittelbar erreicht. Und als mein ältester Bruder mir zum ersten Mal eine Udo-Platte vorspielte, das war ein Urknall. Da begann für mich eine neue Zeitrechnung, ab jetzt hatte ich Zugang zu einer Sondersprache, zum Udo-Deutsch. Ich war sofort extrem angezündet durch diese Liedtexte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

ZEIT: Das war 1987, da stand Udo Lindenberg eigentlich nicht mehr für die Zukunft.

Stuckrad-Barre: Das war anfangs egal, ich konnte mich ja in seinem Werk rückwärts bewegen, so viele alte Platten, die mir aber vollkommen neu waren. Nach dem Abitur bin ich nach Hamburg gezogen, das war durch Udos Lieder für mich als das gelobte Land definiert. Und das Seltsame an Udo Lindenberg ist ja: All die Mythen und Ideen, die so kursieren über ihn, sind komplett wahr. Man traf den hier wirklich überall an den von ihm besungenen Orten, auf der Reeperbahn, am Hafen, im Hotel, überall. Aber er war in keiner guten Verfassung, immer besoffen, völlig hinüber. Darüber habe ich dann geschrieben. Damals dachten alle, okay, der stirbt bald. Völlig unwahrscheinlich, dass er noch mal ein solches Riesencomeback haben könnte.

Lindenberg: Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer, kennt man ja, das Prinzip. Und ich habe dich enttäuscht damals, ich, das Objekt deiner heißen Begierde. Es war eine Idolzerstörung. Ich konnte das irgendwann auch verstehen. Wenn man aufwächst mit so einem Bild, und dann triffst du den, und dann hängt der gerade durch, das ist eine Enttäuschung, klar. Aber andererseits waren diese Nebeljahre auch ein Grundstein für meine Legendenbildung. Dass dieser glanzvolle Held aus den siebziger Jahren irgendwann mal runterkracht in die Matsche, und dann liegt er da unten und kommt später wieder hoch, mit flammendem Gefieder, das geht ja nur, wenn er vorher unten war. Viele Schriftsteller sind ja auch geritten durch weite Wüsten, durch Wirkstoffeinnahmen und so weiter, um die Wörter zu finden, die es nicht im Kaufhaus gibt.

ZEIT: Nun erzählen Sie, Herr Stuckrad-Barre, in Ihrem Buch von Ihren Wirkstoffeinnahmen sehr detailliert. Das lief auf eine völlige Verwahrlosung hinaus, auf eine Selbstzerstörung, körperlich wie psychisch. Die Beschreibungen der Kokainsucht und der Bulimie sind in den Details kaum auszuhalten. Warum diese Offenherzigkeit?

Stuckrad-Barre: Es ging mir um eine absolute Schilderungsrücksichtslosigkeit. Eine Suchterkrankung ist kein sozialer oder kommunikativer Vorgang, sondern das Gegenteil davon, eine Weltabkehr. Man ist in solchen Phasen natürlich ein für andere unangenehmer Mensch, unzuverlässig, asozial, man lebt völlig selbstbezogen in einer Spiegelkabinett-Hölle, im Hamsterrad der Sucht. So viele Extremerfahrungen macht man ja gar nicht, und neben allen Nachteilen haben sie eben auch den Vorteil, später dann, aus einer Distanz, als künstlerisches Kapital nutzbar zu sein. Als Material.

"Überleben ist auch nicht schlecht"

ZEIT: Es ist auffällig, dass im Buch nur wenige Personen aus Ihrem unmittelbaren Umfeld vorkommen, eigentlich nur Udo Lindenberg, Ihre Eltern und Geschwister. Aber keine Frauen, keine engen Freunde. Warum eigentlich?

Stuckrad-Barre: Geht nicht anders. Die Radikalität des Buches war nur möglich, weil ich die Frauen rausgelassen habe. Mich selbst komplett auseinanderzunehmen und die Angst überlisten, das Unsagbare zu formulieren, weil es im Schreiben dann plötzlich machbar ist, das darf man eben nur mit sich selbst machen. Und die wunderbaren Frauen, denen ich begegnet bin, die haben natürlich ein Recht darauf, rausgehalten zu werden aus einer solchen Verfahrensweise. Das gehört sich einfach nicht. Und es interessiert auch nicht. Ich wollte ja nicht mein persönlich-privates Leben jetzt mal detailreich ausweiden, sondern eine Geschichte erzählen über einen Menschen, der suchtkrank ist.

Lindenberg: Ich habe ihm geraten, das Buch sehr radikal zu schreiben, eisenhart, nicht hieroglyphenhaft. Ganz geradeheraus. Durch die Wirklichkeit zur Wahrheit vordringen. Die Konsequenz und Härte der Schilderung seiner Schleuderjahre. Nur, wenn du dann unten liegst, liegste eben auch wirklich unten, und das ist kein Vergnügen. Muss ein Künstler aber manchmal machen. Es gilt allerdings mein alter Spruch: Dicht gedichtet und nüchtern gegengelesen. Ist beides wichtig.

ZEIT: Warum haben Sie sich auf dem Höhepunkt Ihrer Sucht an Udo Lindenberg gewandt? Das klingt auf den ersten Blick nicht völlig plausibel.

Stuckrad-Barre: Es gab damals Wochen, da habe ich meine Wohnung nicht mehr gefunden, aber die Texte alter Udo-Lindenberg-Lieder konnte ich jederzeit aufsagen. Das ist wie bei Alzheimerpatienten: Die erkennen die Tochter nicht mehr, aber bei Im Frühtau zu Berge, da sitzt dann jede Strophe. Ärzte, Freunde, die Familie machten sich Sorgen und argumentierten auch moralisch. Aber das will man ja alles nicht hören. Sorgen nerven den Süchtigen, weiß er ja alles selbst. Udo aber war einfach da. Der sagte: Das kenne ich alles, das ist super mit den Drogen, aber, weißt du, Überleben ist auch nicht schlecht. Diese Warnung von einem, der nun erwiesenermaßen gegen den Rausch als solchen erst mal keine Vorbehalte hat, erreichte mich dann doch. Auch weil ich mir sicher sein konnte, sein Gegenvorschlag ist jetzt nicht Kamillentee und morgens den Wecker stellen. Im Gegenteil, Udos Lebensprinzip ist der permanente Aufstand gegen Normalität und Langeweile. Nur legte er mir eben einleuchtend dar, dass eine so ausschließliche Suchtexistenz genau das zur Folge hat: Jeder Tag ist genau gleich, denn die Sucht duldet keine Abweichung.

Lindenberg: Wenn Exzess ein Verwaltungsakt wird, bei dem es nur noch ankommt auf Regelmäßigkeit, pünktliche Stofflieferungen und genaue Dosierungen, dann ist die Grundidee von Abenteuer und Freiheit ins Gegenteil verdreht. Und dann muss man was ändern. Du redest dann nur noch von den großen Weltexpeditionen und Monsterprojekten, hängst dabei aber festgetackert an der Bar und kriegst deinen Arsch nicht mehr hoch.

ZEIT: Die Sucht als Spießertum?

Stuckrad-Barre: Am Anfang denkt man, der Rausch ist das Gegenangebot zur Normalität. Aber wenn du dich dann wirklich hauptberuflich einlässt auf die Sucht, dann ist die dein Chef. Und das ist dann nur noch Knast, keine Freigänge mehr. Du bist fest angestellt bei der Sucht. Man will jeden Tag exakt gleich haben, dieselbe Dosis, dieselben Abläufe, und schon kleinste Änderungen führen zu totaler Panik – und das ist ja tatsächlich nichts anderes als Vollspießertum. Und irgendwann fragt man sich: Soll es jetzt so langweilig bleiben?

Lindenberg: Ich wollte auch wieder irgendwann schmal auf die Bühne gehen mit einer Krawatte, wollte wieder den Flitzer machen, den Akrobaten. Und dann hatte ich tatsächlich das Glück, den zweiten Akt zu erleben. Klingt jetzt pathetisch, aber es ist so: Ich wache morgens immer mit einem Lächeln auf. Man könnte jetzt fast eine Blockade kriegen. Wie ein Stabhochspringer, der über neun Meter muss und dem vor lauter Sorge der Stab oder was anderes wegknickt. Es gibt ja so etwas wie die Angst vor dem Sprung wieder nach ganz oben. Die habe ich aber nicht mehr.

ZEIT: Herr Stuckrad-Barre, Udo Lindenberg ist in Ihrem Buch eine fast religiöse Figur, ein Messias. Es gibt darin aber auch eine Szene, in der ein Mentor von Ihnen auch ziemlich problematisch wird. Sie schauten unter Drogen Fernsehen, eine Show von Harald Schmidt, für den Sie früher die Gags geschrieben haben. Und er machte sich jetzt über Sie lustig.

Stuckrad-Barre: Meine Arbeit bei Schmidt bestand vor allem darin, so zu denken und zu schreiben, wie er spricht. Wenn man merkt, dass die Waffe sich plötzlich auf einen selbst richtet, ist das nicht angenehm. Gleichzeitig eine sehr wichtige Erfahrung und eine Neubewertung dieses Weltzugangs.

ZEIT: An anderer Stelle schreiben Sie, Udo Lindenberg liebe die Menschen. Man könnte meinen, er sei für Sie das Gegenteil von Harald Schmidt?

Stuckrad-Barre: Am Ende hatte das, was Harald Schmidt machte, nie Herz, und vielleicht ist es auch nicht die Aufgabe des Satirikers, ein Herz zu haben. Aber dadurch bleibt das auch immer nur Kabarett. Künstlerisch größer ist es, sich hinzustellen, das Hemd aufzureißen und wahrhaftig zu sein. Das ist riskanter, das kann schiefgehen, es kann sogar peinlich sein ...

Lindenberg: ... die Schleusen seiner Seele zu öffnen ...

ZEIT: Wahrhaftigkeit – das ist jetzt ein bisschen überraschend. Sie gelten als Meister der Kälte, als ironisch-distanzierter Popliterat mit schmachtenden Mädchen im Publikum.

Stuckrad-Barre: Das sind Klischees und Missverständnisse, die um jeden Preis aufrechterhalten werden sollten.

"Das Prinzip Nacht bleibt das Schönste der Welt"

ZEIT: Bei Ihnen beiden gab es den großen Rausch, das Abdriften, das Sich-kaputt-Machen. Und jetzt blicken Sie also geläutert zurück?

Stuckrad-Barre: Gewiss nicht. Das Prinzip Nacht bleibt das Schönste der Welt. Ich bleibe Fan der Nacht und der Entgrenzung. Wenn ich abends erlebe, die Leute schalten diesen Gang hoch, die trinken oder schmeißen sich irgendwas ein, dann erlebe ich schon diesen Schmerz, dass ich diese Rakete leider nicht mehr zünden kann.

Lindenberg: Da haben wir dann eben andere Joker in der Tasche. Ist auch der Name unserer Firma: Flexibelbetriebe. Und wir unterhalten sehr gute diplomatische Beziehungen zu fernöstlichen Alchimisten.

ZEIT: Sie versuchen sich an einem Rausch nach dem Rausch?

Lindenberg: Ich habe da einen Memory-Schalter im Gehirn. Das geht ganz einfach. In einer Gesellschaft mit total breiten Vögeln kann ich den einschalten.

Stuckrad-Barre: Die Rauscherinnerung, herrlich, manchmal klappt das. Ich bin sowieso nüchtern derart überspannt und grundhysterisch, mich hielten die Leute für nüchtern, als ich komplett auf Drogen war, denn da war ich eher ruhig. Und bei Udo denken die Leute ja sowieso immer, dass er komplett blau oder anderweitig high ist. Udo fährt immer sehr schnelle Autos, Porsche, aber unfassbar langsam. So im Kreisverkehr mit fünf Kilometern pro Stunde. Kürzlich hat uns die Polizei angehalten, die waren absolut sicher, Udo sei keinesfalls nüchtern.

Lindenberg: Die haben gefragt: Haben Sie irgendwas eingenommen? Ich sagte, in der Tat, ich habe wirklich nichts eingenommen. Die glaubten das nicht und machten ihre Tests. Aber ich war ganz lupenrein im demokratischen Weltverkehr unterwegs gewesen.

ZEIT: Herr Stuckrad-Barre, Sie haben ein Jahr in Los Angeles hinter sich, wo Sie das Buch geschrieben haben. Sie wohnten in diesem legendären Hotel Chateau Marmont. Udo Lindenberg hat Sie dahin gebracht. In einer Zeit, als er selbst an seiner neuen Platte arbeitete. Wie muss man sich so eine Zusammenarbeit konkret vorstellen?

Lindenberg: Beiläufig, im Stehen, an Bars und im Auto. Ich arbeite ja nicht im abgedunkelten Zimmer, sondern während der Fahrt, während des Gehens, wenn ich mit Leuten über die Straße laufe, bei Aufenthalten in Kneipen, ich notiere mir immer etwas auf Bierdeckeln. Das geht ganz leicht, im Vorübergehen. Meine Geheimräte helfen.

Stuckrad-Barre: Die Kooperation geschieht durch den interdisziplinären Querschuss. Ich kann Udo weiterhelfen mit naiven Kinderfragestellungen, seine Lieder betreffend, er konnte etwas wagen, das ich selbst mir, meinem Lektor und meinem Verlag durch die schlichte Passivität eines Depressiven untersagt hatte, ganz einfach die Ansage: Schreib jetzt das Buch. Mach es einfach.

Lindenberg: Meine Aufgabe ist es, immer genug Verrückte um mich zu haben, und da kommt dann schon was bei raus irgendwann.

Stuckrad-Barre: Es ist im besten Sinne grauenhaft, mit Udo an etwas Neuem zu arbeiten. Du denkst, okay, jetzt hast du es beisammen, trägst einen Riesenberg mit Zetteln herum, man hatte ja alles besprochen. Und dann sind wir unterwegs, und er fragt alle möglichen Leute auf der Straße, an der Tankstelle: Wie findest du das? Und dann fängt die Arbeit von Neuem an. Der Produzent hat dann dasselbe Stimmrecht ...

Lindenberg: ... wie der Page vom Hotel.

ZEIT: Und wenn man ein Werk fertig hat, entsteht erst einmal die bekannte Leere?

Lindenberg: Dann muss man weiterrennen. Alles andere wäre tödlich. Immer paar Sachen gleichzeitig machen, schon die nächsten Dinger anschieben.

Stuckrad-Barre: Deshalb bin ich nach der Abgabe meines Buches sofort hierhin ins Hotel Atlantic gekommen, um bei Udos Plattenproduktion mitzumachen. Komischerweise fühle ich mich hier jetzt zu Hause, obwohl so ein Hotel im klassischen Sinn natürlich gar kein Zuhause ist. Aber ich kann nicht wohnen. Wohnen beklemmt mich. Im Hotel hingegen halte ich mich selbst besser aus, man lebt und schwingt so mit, jeden Tag alles gleich und doch immer wieder neu, ständig neue Gäste, man selbst ist dann als Dauergast eher so eine Art Running Gag und gehört zum Inventar, das ist wahnsinnig angenehm.

ZEIT: Jetzt ist es ein bisschen spät geworden. Was machen Sie noch heute?

Lindenberg: Wir fahren jetzt in den Jazzclub Birdland und drehen da noch ein paar Szenen für mein neues Musikvideo.

Stuckrad-Barre: Udos neue Single, man hört sie und muss direkt losweinen, komm, Udo, wir singen sie kurz an.

Lindenberg: (beginnt zu singen) Ich trag dich durch die schweren Zeiten ...

Stuckrad-Barre: (stimmt ein) ... so wie ein Schatten werd ich dich begleiten ...

Lindenberg und Stuckrad-Barre: (singend ab) Ich werd dich begleiten, denn es ist nie zu spät / Um noch mal durchzustarten / Weil hinter all den schwarzen Wolken / Wieder gute Zeiten warten.