Peter Sloterdijk hat einen ausgeprägten Affekt gegen strategisches Denken. Wer darauf verzichtet, politische Ratschläge zu geben, kann sich solch einen Affekt leisten. Dann ist es ihm unbenommen, in abschätzigem Ton von "Strategie-Versteherei" zu sprechen und sich überhaupt als jemanden zu outen, der von Politik nichts versteht und auch nichts verstehen will. Aber Sloterdijk hat in seinem Interview in der Februarausgabe des Cicero nicht nur dezidierte politische Urteile gefällt, sondern auch mit politischen Ratschlägen nicht gespart; unter anderem hat er einer Schließung der deutschen Grenzen nach ungarischem Vorbild das Wort geredet und eine entschiedene Rückkehr zum Nationalstaat gefordert. Also muss er sich auch am Maßstab strategischer Rationalität messen lassen.

Das will er aber nicht, wie sein ZEIT-Essay von vergangener Woche zeigt – mit gutem Grund: Er ahnt, dass er sich dann als zu klein geraten erweist. Also versucht Sloterdijk mit großem rhetorischem Aufwand zu bestreiten, dass strategische Planung und Analyse in der Politik überhaupt eine Rolle spielen. Zwei Argumente führt er dafür ins Feld: dass Politik ein von Kontingenz gekennzeichnetes Handeln sei und dass Strategie nichts anderes sei als "ein System von Aushilfen", eine Formel, die er fälschlich Bismarck zuschreibt, die tatsächlich aber von Helmuth von Moltke dem Älteren stammt. Nun hat Strategie aber seit je mit dem Zufall zu tun gehabt, ja, sie unterscheidet sich darin gerade von politischer Planung, in der Kontingenz keine Rolle spielt, sondern bei der Projekte ohne Bedenken eines möglichen Gegenhandelns anderer und ohne das Hereinspielen von Zufällen entwickelt werden. Als strategisch bezeichnet man ein Handeln, das im Feld der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls stattfindet, wie es bei Clausewitz heißt. Man macht einen strategischen Plan, aber man erwartet nicht, dass dieser wie geplant umgesetzt wird. Das hat Moltke mit der Formel vom "System der Aushilfen" gemeint. Genau das ist aber Sloterdijks Problem: Er setzt auf einen Plan, die Wiederherstellung des Nationalstaats, mit dem dessen Integration in die EU rückgängig gemacht werden soll, aber auf die damit verbundenen Kontingenzen und nicht intendierten Effekte achtet er nicht. Was dabei herauskommt, sehen wir zurzeit in Idomeni und im Zerfall des Schengen-Raums.

Deutschland musste als "Macht in der Mitte" flexibel bleiben

Was Sloterdijk für ein Argument gegen strategisches Denken hält, ist tatsächlich eines dafür. Gerade das von ihm herausgestellte "Improvisatorische" von Politik verlangt strategisches Denken. Wendet man das auf die Herausforderung durch die im Zentrum der Kontroverse stehende Flüchtlingskrise seit dem Sommer 2015 an, dann war es das Ziel der deutschen Regierung, den offenen Binnenraum der Europäischen Union durch eine bessere Sicherung der EU-Außengrenzen zu erhalten und dies durch die Bearbeitung einer der wichtigsten Ursachen des Flüchtlingsstroms, des syrischen Bürgerkriegs, zu begleiten. Dass man es dabei mit wechselnden Verbündeten und Gegnern zu tun haben würde, war vorauszusehen. So haben sich die Konstellationen zwischen Berlin und Wien, Berlin und Ankara, Berlin und Athen, um nur diese drei zu nennen, immer wieder verändert: Bei alldem kam es darauf an, dass Deutschland als "Macht in der Mitte", der die Aufgabe des europäischen Zusammenhalts nun einmal obliegt, flexibel blieb und je nach Lage neue Initiativen ergreifen konnte. Das ist, so kann man heute sagen, einigermaßen gelungen. Dass das bei der von Sloterdijk geforderten Schließung der nationalen Grenzen möglich gewesen wäre, ist zu bezweifeln: Hätte man diese Entscheidung getroffen, so wäre man von diesem Augenblick an der Zuschauer, aber nicht länger der gestaltende Akteur der Entwicklung gewesen.

Analysiert man die Optionen, die der Bundesregierung im Spätsommer und Herbst 2015 zur Verfügung standen, so wird erst recht deutlich, warum ich Sloterdijks politische Ratschläge als ein von strategischer Unbedarftheit geprägtes Dahergerede bezeichnet habe. Sloterdijks Einwand, Politik habe mit Kontingenz zu tun und Strategie sei bloß "ein System von Aushilfen", verstärkt das nur. Sloterdijk scheint das gespürt zu haben, weswegen er neben seinem trotzigen Beharren auf dem antistrategischen Affekt einen ungeordneten Rückzug von den im Cicero- Interview vertretenen Positionen angetreten hat: Fast schon verschämt spricht er nun von "Anmerkungen zum Souveränitätsdefizit in der Berliner Asyl- und Einwanderungspolitik" und einem "Hinweis auf die Verletzbarkeit und Schutzwürdigkeit von Grenzen". Sloterdijk muss sich jedoch entscheiden, was er will: die im Cicero bezogene Position verteidigen oder die Stellung räumen und klein beigeben. Dass er in dem ZEIT-Essay so viele Worte gebraucht hat, um schließlich nichts zu sagen, hat seinen Grund auch darin, dass er selbst nicht weiß, was er will. Und weil er das nicht weiß, formuliert er einen Satz, der verräterischer nicht sein könnte: Er und Rüdiger Safranski hätten doch bloß "unabhängig voneinander der Volksmeinung recht gegeben, die in breitester Mehrheit dem Eindruck zustimmt, es habe sich bei der Merkelschen Willkommens-Propaganda um eine Improvisation in letzter Minute gehandelt, die aus der Verlegenheit eine überlegte Maßnahme machen wollte". Sloterdijk, der sich ein Jahrzehnt lang als Vordenker der Republik geriert hat, versteckt sich hinter der "Volksmeinung", und zwar "in ihrer breitesten Mehrheit". Selten hat ein Intellektueller so schnöde den Streitraum der politischen Meinungen verlassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Statt der vermeintlichen oder tatsächlichen Volksmeinung hinterherzulaufen und die Politik der Kanzlerin als ein "unbeirrbar konfuses Handeln" zu bezeichnen, hätte Sloterdijk, wäre er denn wirklich der politische Kopf, für den er sich hält, fragen müssen, ob er im Agieren der Regierung ein nachvollziehbares Konzept, einen strategischen Plan erkennen kann, um diesen dann mit alternativen Plänen und Reaktionen zu vergleichen. Dazu muss man gerade nicht wissen, wie die Entscheidungen im Kanzleramt und am Kabinettstisch tatsächlich zustande gekommen sind und wer darauf welchen Einfluss genommen hat. Dafür genügt eine Analyse der Politik nach den Vorgaben rationalen Handelns. Wenn eine solche Rekonstruktion zu dem Ergebnis kommt, dass die Regierung agiert hat, als ob dieser oder jener Plan ihrem Handeln zugrunde gelegen hat, dann ist das für eine strategische Analyse des Regierungshandelns hinreichend. Man unterstellt den Akteuren probehalber eine zweckrationale Interessenverfolgung und rekonstruiert gemäß dieser Vorgabe das beobachtbare Handeln. Erst wenn man auf diesem Weg nicht weiterkommt und statt einer strategischen Leitidee nur hektisches Taktieren beobachtet, kann man von "konfusem Handeln" und "Autohypnose" sprechen.