Angela Merkel © Michael Sohn/dpa

"Hier stehe ich und kann nicht anders" ist eine Luther-Legende. Länger ist es richtig: Ich "kann und will nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun (nicht) heilsam ist". Endlos wird seit "Wir schaffen das" darüber gerätselt, wieso Merkel nach 1,2 Millionen Flüchtlingen im Land noch immer den Luther gibt. Oder hat sie widerrufen? Sie ist schon woanders. Sie widerlegt das englische Wort, wonach man den Kuchen nicht gleichzeitig essen und behalten könne.

Sie kann. Das moralische Prinzip der offenen Grenzen und Herzen steht: "Gebt mir eure müden, armen, geduckten Massen, die frei atmen wollen", wie es die Freiheitsstatue proklamiert. Nur ist aus dem "Wir schaffen das" ein "Die schaffen das" geworden, wiewohl "das" nicht Aufnahme, sondern Abwehr bedeutet.

Die Balkanroute endet nun am mazedonischen Stacheldraht. Österreich winkt nicht mehr durch; seine Grenzen hat es schon im Januar zugemacht. Berlin will Albanien, das Kosovo und Montenegro zu "sicheren Herkunftsländern" erklären. Übersetzt: Halten sie die Ausweichroute weiter westlich offen, müssen die Flüchtlinge im eigenen Land bleiben. Folglich werden auch sie den Strom zurückstauen. Dann vielleicht weiter östlich? Ungarn verdoppelt seine Ausgaben für die Grenzsicherung.

Merkel gibt weiter den Luther: "Es kann nicht sein, dass irgendetwas geschlossen wird", sagte sie am Montag in Brüssel – dialektische Akrobatik hoch über dem Boden der Wirklichkeit, wo Europa von Schweden bis Mazedonien dichtmacht. Bloß hat sie ein realpolitisches Etappenziel schon erreicht. Am 15. Februar sind noch über 2.000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen; inzwischen liegt der Tagesdurchschnitt bei 700.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Damit es noch weniger werden und Griechenland nicht zum gigantischen Zeltplatz verkommt, hat Merkel die Hauptabwehrfront "weit hinten in der Türkei" aufgebaut. Das Land, das schon 2,5 Millionen Menschen aus Nahost beherbergt, möge doch alle, die noch kommen, bei sich behalten. Es soll jene wieder aufnehmen, die auf den EU-Boden der griechischen Inseln ausgewichen sind. Eine Nato-Flottille unter deutschem Kommando werde die Seelenverkäufer lokalisieren, damit Ankaras Küstenschutz sie wieder "heimholt".

Drei Milliarden Euro sind schon versprochen. Es werden sechs und mehr werden. Dazu wird es politische Goodies geben – Richtung Visafreiheit und beschleunigte Beitrittsverhandlungen. Warum auch nicht? Erdoğan kann liefern, was Merkel verzweifelt sucht. Folglich sitzt er am längeren Hebel. Auch der scheiternde Staat Griechenland wird Milliarden kriegen, dito Libanon und Jordanien. Die erste Tranche ist eine Milliarde Euro. Das eigennützig-humanitäre Kalkül? Eine halbwegs menschliche Existenz in den Lagern wird den Strom an der Quelle eindämmen.

Die Strategie könnte durchsichtiger nicht sein. "Wir schaffen das", weil sie uns von Amman bis Wien die Last abnehmen, indem sie den Exodus der Millionen bremsen oder gar blockieren. Merkel bleibt Luther und raubt AfD und CSU die Munition. Hat da jemand gesagt, Merkel sei atypisch stur? Sie habe keinen Plan B? Der läuft spätestens seit 2015, und noch nie haben sich Moral und Machtpolitik so harmonisch vereint. Wenn’s klappt – ein großes Wenn –, darf die Nation sich auf die nächste Amtszeit Merkel freuen.